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Friedenslogik statt Sicherheitslogik: Warum dieses Dossier heute noch wichtiger ist als 2014

Erstellt am 08.06.2026 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 6 mal gelesen und am 09.06.2026 zuletzt geändert.

Eine Rezension des W&F-Dossiers 75 über Friedensdenken, zivile Konfliktbearbeitung und die Frage, warum echte Sicherheit nicht aus Angst, Aufrüstung und Feindbildern entsteht.

Das Dossier „Friedenslogik statt Sicherheitslogik“ erschien 2014. Heute, in Zeiten neuer Aufrüstung, Ukrainekrieg, Gaza-Krieg, geopolitischer Blockbildung und wachsender Angstpolitik, liest es sich wie ein Warntext aus der nahen Zukunft. Seine zentrale Fragen und Antworten bleiben hochaktuell:
Macht uns Sicherheitslogik wirklich sicher oder treibt sie uns immer tiefer in Unsicherheit?

Rezension

Es gibt Texte, die bei ihrem Erscheinen wichtig sind. Und es gibt Texte, die Jahre später noch wichtiger werden, weil die politische Wirklichkeit ihnen auf unheimliche Weise recht gibt. Das W&F-Dossier 75 „Friedenslogik statt Sicherheitslogik. Theoretische Grundlagen und friedenspolitische Realisierung“ gehört zur zweiten Gruppe.

Das Dossier erschien 2014 bei Wissenschaft & Frieden als Dossier 75 zur Ausgabe W&F 2014/2. Herausgegeben wurde es von der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden in Zusammenarbeit mit der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung. Autorinnen und Autoren sind Ulrich Frey, Christiane Lammers, Hanne-Margret Birckenbach, Sabine Jaberg, Christine Schweitzer und Andreas Buro. Gefördert wurde das Dossier von Brot für die Welt und dem Evangelischen Entwicklungsdienst.  

Schon diese Namen zeigen: Hier schreibt nicht irgendein pazifistischer Stammtisch gegen „die da oben“. Hier schreiben erfahrene Menschen aus Friedensforschung, ziviler Konfliktbearbeitung, kirchlich-zivilgesellschaftlicher Friedensarbeit und politischer Praxis. Das Dossier steht an der Schnittstelle von Wissenschaft und Friedensbewegung. Genau dort, wo Friedenspolitik stehen muss, wenn sie mehr sein will als gute Absicht.

Die Grundfrage des Dossiers ist einfach, aber politisch explosiv:

Denken wir Konflikte von der Sicherheit her oder vom Frieden her?

Sicherheitslogik fragt zuerst: Wer bedroht uns? Wie schützen wir uns? Wie schrecken wir ab? Wie bleiben wir überlegen?

Friedenslogik fragt anders: Was ist der Konflikt? Welche Verletzungen, Interessen, Ängste und Machtverhältnisse treiben ihn? Wie kann Gewalt vermindert werden? Welche Schritte schaffen Vertrauen, Recht, Gerechtigkeit und gemeinsame Zukunft?

Das klingt zunächst wie eine akademische Unterscheidung. In Wahrheit geht es um den politischen Kompass.

Denn Sicherheitslogik kann durchaus gut gemeint sein. Sie will Krieg und Gewalt vermeiden. Aber sie neigt dazu, die Welt in Bedroher und Bedrohte, Täter und Opfer, Freunde und Feinde zu sortieren. Sie produziert Feindbilder, verlangt Abschreckung, erhöht militärische Budgets und erklärt jede neue Aufrüstung zur notwendigen Antwort auf die vorige Aufrüstung der anderen Seite. So entsteht jene Spirale, die offiziell Sicherheit verspricht, praktisch aber immer neue Unsicherheit erzeugt.

Hanne-Margret Birckenbach entwickelt im Dossier die Friedenslogik als Methode und politisches Programm. Die Plattform Zivile Konfliktbearbeitung fasst das Anliegen so zusammen: Das Dossier solle helfen, die beiden Denkmodelle „Frieden“ und „Sicherheit“ zu durchdenken, damit daraus politisches und gesellschaftliches Handeln erwächst, das aktiv Frieden befördert.  

Das ist der eigentliche Wert dieses Textes: Er bleibt nicht beim moralischen Nein zum Krieg stehen. Er bietet eine andere politische Grammatik.

Eine Grammatik der Friedensfähigkeit.

Besonders stark ist das Dossier dort, wo es die Sicherheitslogik nicht karikiert. Es behauptet nicht, dass Sicherheitsdenken immer böse oder dumm sei. Im Gegenteil: Sicherheitslogische und friedenslogische Politik wollen beide Gewalt vermeiden. Der Unterschied liegt darin, wie sie Konflikte wahrnehmen und welche praktischen Schlüsse sie daraus ziehen. Wissenschaft & Frieden beschreibt diesen Unterschied ausdrücklich als Unterschied der Wahrnehmung und der daraus folgenden politischen Praxis.  

Das macht das Dossier seriös. Es ist keine naive Friedenspredigt. Es ist eine Denkschule gegen politische Kurzsichtigkeit.

Heute wirkt der Text wie eine direkte Antwort auf viele Debatten seit 2022. Der russische Angriff auf die Ukraine hat in Europa eine gewaltige sicherheitspolitische Wende ausgelöst. Viele Menschen sehen Aufrüstung nun als einzig realistische Antwort. Zugleich zeigt sich: Je länger die Kriegslogik dominiert, desto schwieriger wird es, über Waffenstillstand, Verhandlungen, Sicherheitsgarantien, Abrüstung, Kriegsverbrechen, Wiederaufbau und eine europäische Friedensordnung gleichzeitig zu sprechen.

Friedenslogik bedeutet nicht, Aggression zu verharmlosen. Sie bedeutet auch nicht, angegriffenen Menschen das Recht auf Schutz abzusprechen. Sie bedeutet aber, nicht im ersten Reflex stecken zu bleiben. Sie zwingt zur zweiten, dritten und vierten Frage:

Was schützt Menschen wirklich?

Was verkürzt Gewalt?

Was verhindert den nächsten Krieg?

Was nimmt den Profiteuren der Angst das Geschäftsmodell?

Was macht Versöhnung irgendwann wieder möglich, ohne Gerechtigkeit zu verraten?

Genau hier schließt das Dossier an viele aktuelle Friedensnews-Themen an. Wer über nachhaltigen Frieden in der Ukraine nachdenkt, kommt an dieser Unterscheidung kaum vorbei. Sie passt auch zu früheren Friedensnews-Analysen wie „Der Weg zu nachhaltigem Frieden in der Ukraine“ oder „Sicherheit neu denken: Warum Aufrüstung kein Garant für Frieden ist – und was wirklich hilft“.  

Politisch ist das Dossier heute brisanter als 2014. Damals konnte man noch hoffen, dass zivile Konfliktbearbeitung, Abrüstung und multilaterale Ordnung nach den Erfahrungen von Irakkrieg, Afghanistan und Finanzkrise mehr Gewicht bekommen würden. Heute erleben wir eine neue Normalisierung der Aufrüstung. In Europa werden Milliardenprogramme für Waffen beschlossen, während Klimaschutz, soziale Sicherheit, Bildung, Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit unter Druck geraten. Auch Friedensnews hat diese Verschiebung wiederholt kritisiert, etwa im Zusammenhang mit der EU-Rüstungsausnahme und der Wiederaufrüstung Europas.  

Gerade deshalb ist das Dossier keine historische Fußnote. Es ist ein Werkzeugkasten.

Seine Stärke liegt in fünf Punkten:

Erstens: Es trennt Frieden klar von bloßer Sicherheit. Frieden ist nicht nur Abwesenheit von Angriff. Frieden ist ein Zustand, in dem Konflikte ohne Gewalt bearbeitet werden können.

Zweitens: Es zeigt, dass Angst ein schlechter politischer Architekt ist. Angst kann warnen. Aber wenn sie Politik steuert, baut sie Mauern, Feindbilder und Waffenlager.

Drittens: Es nimmt zivile Konfliktbearbeitung ernst. Nicht als Dekoration nach dem Krieg, sondern als Kern politischer Vernunft vor, während und nach Konflikten.

Viertens: Es macht Friedenspolitik planbar. Friedenslogik ist nicht nur Haltung, sondern Methode: Konfliktanalyse, Gewaltminderung, Dialog, Recht, Prävention, Institutionenbau, soziale Gerechtigkeit.

Fünftens: Es bietet eine Sprache gegen die Alternativlosigkeit der Aufrüstung. Und genau diese Sprache fehlt heute oft.

Die Schwäche des Dossiers liegt weniger im Inhalt als in der Vermittlung. Der Text ist fachlich stark, aber nicht massenwirksam geschrieben. Er spricht Menschen an, die bereits in Friedensforschung, Friedensbewegung, Kirche, Entwicklungszusammenarbeit oder ziviler Konfliktbearbeitung zu Hause sind. Wer täglich Boulevard, Talkshows, Kriegsbilder und Angstkommunikation konsumiert, wird damit schwerer erreicht.

Das ist kein Vorwurf an das Dossier. Es ist eher ein Auftrag an uns heute.

Friedenslogik muss aus dem Seminarraum heraus. Sie muss in Schulen, Medien, Parlamente, Bezirksvertretungen, Gewerkschaften, Kirchen, Klimabewegungen, Sicherheitsdebatten und Wahlkämpfe hinein. Sie muss einfacher erzählt werden, ohne einfältig zu werden.

Vielleicht so:

Sicherheitslogik fragt: Wie schlagen wir zurück?

Friedenslogik fragt: Wie verhindern wir, dass alle immer weiter zurückschlagen müssen?

Oder:

Sicherheitslogik baut größere Zäune.

Friedenslogik fragt, warum das Feuer überhaupt ausgebrochen ist.

Oder noch kürzer:

Sicherheit ohne Friedenslogik ist ein Helm in einem brennenden Haus.

Wissenschaftlich gehört das Dossier in die Tradition kritischer Friedens- und Konfliktforschung, der zivilen Konfliktbearbeitung und des Denkens über positiven Frieden. Es erinnert daran, dass Frieden nicht entsteht, wenn alle Seiten erschöpft sind, sondern wenn Gewaltursachen bearbeitet, Interessen vermittelt, Rechte geschützt und Macht begrenzt werden.

Politisch gehört es auf den Schreibtisch aller, die heute über „Kriegstüchtigkeit“, „Sicherheitsstrategie“, „strategische Autonomie“ oder „Verteidigungsfähigkeit“ sprechen. Nicht um diese Begriffe einfach zu verbieten. Sondern um sie endlich mit der entscheidenden Gegenfrage zu konfrontieren:

Welche Politik macht Menschen wirklich sicher, ohne die Welt gefährlicher zu machen?

Fazit:

„Friedenslogik statt Sicherheitslogik“ ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Grundlagentexte für eine moderne Friedenspolitik. Das Dossier zeigt, dass Frieden nicht Naivität ist, sondern eine anspruchsvolle Form politischer Intelligenz. Es macht klar: Wer nur Sicherheit denkt, landet leicht bei Aufrüstung. Wer Frieden denkt, muss Konflikte verstehen, Gewalt vermindern und Zukunft organisieren.

Für Friedensnews.at ist dieses Dossier deshalb Pflichtlektüre. Nicht als Museumsstück der Friedensbewegung, sondern als Gebrauchsanweisung für eine Zeit, in der die Sicherheitslogik wieder fast alles übertönt.

Die alte Friedensfrage lautet nicht: Sind wir für oder gegen Sicherheit?

Die bessere Frage lautet:

Welche Sicherheit verdient ihren Namen, wenn sie den Frieden vergisst?

Externe Links:

W&F-Dossier 75: Friedenslogik statt Sicherheitslogik
https://wissenschaft-und-frieden.de/dossier/friedenslogik-statt-sicherheitslogik/

Plattform Zivile Konfliktbearbeitung: Friedenslogik statt Sicherheitslogik
https://pzkb.de/publikationen/friedenslogik-statt-sicherheitslogik-theoretische-grundlagen-friedenspolitische-realisierung/

AG Friedenslogik der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung
https://pzkb.de/friedenslogik/

Wissenschaft & Frieden: Friedenslogik im Kontext ziviler Konfliktbearbeitung
https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/friedenslogik-statt-sicherheitslogik/

Interne Links für Friedensnews.at:

Der Weg zu nachhaltigem Frieden in der Ukraine
https://www.friedensnews.at/2025/03/24/der-weg-zu-nachhaltigem-frieden-in-der-ukraine/

Sicherheit neu denken: Warum Aufrüstung kein Garant für Frieden ist – und was wirklich hilft
https://www.friedensnews.at/2025/07/09/sicherheit-neu-denken-warum-aufruestung-kein-garant-fuer-frieden-ist-und-was-wirklich-hilft/

Schamlos friedlich: Wie Österreich die EU-Rüstungsausnahme für echte Sicherheit nutzen kann
https://www.friedensnews.at/2026/06/03/schamlos-friedlich-wie-oesterreich-die-eu-ruestungsausnahme-fuer-echte-sicherheit-nutzen-kann/

Allgemeine und vollständige Abrüstung bis 2050 ist alternativlos
https://www.friedensnews.at/2025/01/06/allgemeine-und-vollstaendige-abruestung-bis-2050-ist-alternativlos/

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Friedenslogik statt Sicherheitslogik: Warum echte Sicherheit mehr braucht als Aufrüstung

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Rezension des W&F-Dossiers „Friedenslogik statt Sicherheitslogik“: Warum Friedenspolitik heute wieder eine klare Alternative zur Aufrüstungslogik braucht.

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Friedenslogik, Sicherheitslogik, Friedenspolitik, zivile Konfliktbearbeitung, Friedensforschung, Abrüstung, Ukrainekrieg, Aufrüstung, Wissenschaft und Frieden, Plattform Zivile Konfliktbearbeitung

Kategorien:

Friedensjournalismus
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