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Zähmung und Hegung der Aggression

Erstellt am 30.05.2005 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 5950 mal gelesen und am 15.07.2010 zuletzt geändert.

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Kult der Gewalt Aggression im bürgerlichen Zeitalter

Peter Gay Siedler verlag Goldmann,

Bertelsmann – vergriffen

# Gebundene Ausgabe
# Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (1996)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3406411207 – ISBN-13: 978-3406411205

Kurzbeschreibung des Verlages

Peter Gay, einer der „renommiertesten Kulturhistoriker Amerikas“, biete in diesem Buch eine Fülle von neuen Einsichten

  • in das Wesen des Menschen und
  • die Natur seiner Aggression.
  • Er filtere die Ereignisse des Jahrhunderts durch die Zeugnisse seiner Denker, Künstler, Schriftsteller, Satiriker, Studenten und Politiker und decke das Zusammenspiel von Aggression und sozialem Wandel auf.
  • Gleichzeitig entwerfe er ein neues Bild der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts.

Peter Gay ist emeritierter Sterling Professor für Geschichte der Yale University und Direktor des Dorothy and Lewis B. Calman Centers für Wissenschaftler und Schriftsteller an der New York Public Library.

Werkauswahl:

  • „Erziehung der Sinne. Sexualität im bürgerlichen Zeitalter“,
  • „Die Zarte Leidenschaft. Liebe im bürgerlichen Zeitalter“,
  • „Der Kult der Gewalt. Aggression im bürgerlichen Zeitalter“,
  • „Die Macht des Herzens. Das 19. Jahrhundert und die Erforschung des Lichts“.

Das Buch ist eine unglaublicher Wälzer und wird daher hier mit Hilfe einer sehr umfassenden Rezension von Wolfgang Sofsky bessprochen. Er zitiert in der Neuen Zürcher Zeitung über die dieses Buch eine Passage aus Stevensons Kultklassiker unter dem  Titel des Artikels“Zivilisation im Schneckentempo“ :

«Ich sass auf einer Bank in der Sonne, und in der Erinnerung leckte die Bestie in mir sich die Lippen.
Meine geistige Seite schlummerte ein wenig ein und versprach danach Reue, rührte sich aber noch nicht, damit zu beginnen . . . Auf einmal bemerkte ich, wie meine Gedanken sich wandelten, wie sie kühner wurden und sich aus den Fesseln der Pflichten lösten. Ich blickte an mir herunter. Formlos hingen meine Kleider um meine zusammengeschrumpften Glieder, die Hand auf meinem Knie war runzlig und behaart. Ich war wieder einmal Edward Hyde.»

Stevensons populäre Erzählung von der Verwandlung des ehrbaren Doktor Jekyll in seinen verderbten Doppelgänger werde von Peter Gay souverän ignoriert. Dabei fasse die Geschichte in fiktiver Gestalt, was einmal der sorgenvolle Geist der Zeit gewesen sei. Das animal humanum sei in sich zerspalten, das Laster liege ihm im Blut, und daher erfordere die Tugend stets mühsame Arbeit. Damit die Triebkräfte der Finsternis nicht alles zerstörten, müsse die menschliche Natur gebändigt, gebildet, verfeinert werden. So laute im letzten 19. Jahrhundert das moralische Grundsatzprogramm der bürgerlichen Gesellschaft.

Kultivierung des Menschen?

Nicht um den «Kult der Gewalt», wie der deutsche Titel fälschlich behaupte, gehe es in Gays voluminöser Studie, sondern, im Gegenteil, um die Zähmung und Hegung der Aggression. «Kultivierung» meine keineswegs nur Sublimierung. Die Kultur sei kein Ort des Friedens, sie sei das Schlachtfeld, auf dem der ewige Kampf zwischen Destruktion und Libido ausgefochten werde. Die Menschen pflegten, so Gay, ihre Hassgefühle, weil sie ihnen Lust verschaffen. Die Gesellschaft aber lege ihnen Zügel an und unterwerfe sie der Kontrolle.

Kultur sei zugleich destruktiv und konstruktiv.

  • Sie stecke die Bezirke ab, in denen Aggressivität untersagt sei, und
  • sie bestelle die Felder, auf denen sie genährt und gezüchtet werde.

Mit stupender Gelehrsamkeit präsentiere Gay eine Unzahl schriftlicher Äusserungen über zivile Formen der Aggression.

  • In Briefen und Tagebüchern,
  • Romanen und Zeitungsartikeln,
  • Traktaten und Manierenbüchern

spürt Gay den Vorstellungen, Gefühlen und Streitigkeiten der Bürger und Bürgerinnen nach.

Da sei der endlose Disput

  • um die Gewalt der Pädagogen, um
  • die Reform des Gefängniswesens, um
  • die Abschaffung der Todesstrafe.
  • Wie eine Gesellschaft mit ihren Übeltätern umgeht,
  • wieviel Rachsucht sie sich selbst gestattet,

dies alles seien Prüfsteine des kulturellen Niveaus.

„Akribisch zeigt Gay das Hin und Her unter den Kontrahenten.“ Nur zögerlich werde

  • die Liste der todeswürdigen Kapitalverbrechen verkürzt und
  • das Böse zur psychischen, dann zur sozialen Krankheit umdefiniert.

Beharrlich verteidigten die Schulmeister ihr Prügelprivileg, und erst nach Jahrzehnten monotoner Wiederholung fanden die Gegner des Vergeltungsprinzips breitere Zustimmung.
Auf dem Terrain des Strafens verlief der Prozess der Zivilisation im Schneckentempo.“

Kampfplatz der Geschlechter

Noch gemächlicher seien die Fortschritte auf dem Kampfplatz der Geschlechter. Nach „der grossen Revolution“ seien die Bürgersfrauen ins häusliche Privatreich zurückgedrängt worden. Die Öffentlichkeit bliebe wieder wenigen Gebildeten wie

  • George Sand oder
  • George Eliot

vorbehalten. Sie seien mit der Waffe der Feder gegen das Dasein der zärtlichen Hausengel zu Felde gezogen. Der Erfolg sei gering gewesen. „Nicht wenige Autorinnen von bescheidenem Rang, aber beträchtlicher Popularität“ hätten in der Folgezeit weiterhin die sittsame Unterwürfigkeit gepredigt, die ihren Leserinnen auferlegt geworden sei.

Das Frauenbild der Geistlichen, Ärzte und Sittenwächter wechsele zwischen

  • Verklärung und
  • Verachtung.

Die Frau habe als

  • rätselhaft und männerverschlingend gegolten, als
  • unergründliche Sphinx, als
  • wohltätige Spinne im heimischen Netz der Liebe.
  • Da noch ein halbes Kind, bedürfe sie männlichen Schutzes und besonnener Bildung, um sie aus den Fängen des klerikalen Aberglaubens zu befreien.

Der Bürgersmann habe für sich selbst das passende Ebenbild geschaffen.

  • Tapfer sollte er sein, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Kontor,
  • edel, pflichttreu und herzensgut.
  • Eine Träne im Augenwinkel war ihm durchaus gestattet.
  • Die berufliche und politische Aggression jedoch verteidigte er vehement als sein angestammtes Revier.

Sonderlich einfallsreich seien die Alibis für männliche Privilegien schon damals nicht gewesen. Der Diskurs über das Geschlecht sei auf der Stelle getreten. Den Grossteil der Äusserungen bezeichnete Gay als «langweilig und abgedroschen». Unerfindlich, so Sofsky, weshalb er ihnen trotzdem hundert engbedruckte Seiten gewidmet habe.

Humor als Aggression

Kurzweiliger fälle das Kapitel über den Humor aus, „diese Spielform der Aggression“. Die frühen Virtuosen des Lachens hätten noch um

  • die boshafte, die beissende Kraft des Spotts gewusst.
  • Nur kurz sei der Übergang zum grinsenden Hohngelächter.
  • Scherz, Satire, Witz und Ironie seien „Krieger gegen die Eintönigkeit des Alltags – und gegen die Obrigkeit“.

Sie nahmen aufs Korn, wer nicht dem Tugendideal entsprach:

  • den König und seine Beamten,
  • den Heuchler und Emporkömmling,
  • den Spiesser.

Humor sei „ein zahnloser Angriff zum allgemeinen Pläsier.“ Der Leser wisse sich in behaglicher Sicherheit.

Vorzüglich gefallen Sofsky „die Porträts, die Gay von den Meistern des Lachens zeichnet, von Heine und Sternheim, von Daumier und Wilhelm Busch.

Während sich die wirtschaftliche, technische und wissenschaftliche Umwälzung im Eiltempo vollzog, sie „die Geburt der politischen Kultur langwierig und mühevoll“ gewesen.

  • Die Abneigung gegen die Parteibildung, gegen das Prinzip der Opposition habe lange Zeit die politischen Debatten bestimmt.
  • Die Ausweitung des Wahlrechts sei die ganze Epoche über auf der Tagesordnung geblieben.
  • Es habe der gesellschaftlichen Zwischenstellung der liberalen Mittelschicht entsprochen, „dass sie an zwei Fronten zugleich kämpfte: gegen die demokratische Beteiligung der besitzlosen, «ungebildeten» und «aufrührerischen» Unterklassen und gegen die charismatische Herrschaft der modernen Cäsaren vom Schlage eines Louis Napoleon oder Otto von Bismarck. Ihre innere Lebensgeschichte erzähle Gay, laut Sofsky, in zwei lesenswerten Fallstudien nach.“

Obwohl die politische Kultur „einer Oligarchie der Honoratioren“ gehörte, zähle die schrittweise Etablierung einer repräsentativen Öffentlichkeit „zweifelsfrei zu den zivilisatorischen Errungenschaften der bürgerlichen Epoche“.

Parlamentarische Politik sei „sublimierte Aggression in Reinkultur“.

  • Statt Pfeilen und Speeren schleudern die Kontrahenten einander Argumente und Schimpfwörter entgegen.
  • Sie föchten Kämpfe aus, welche alle überlebten. Dies gelte freilich nur für den sozialen Binnenraum.

Die Diskurse der Kulturelite würden auch Lizenzen für feindselige Akte erteilen.

Die Blütezeit des Bürgertums sei nicht zuletzt

  • die Zeit des Sozialdarwinismus,
  • des biologischen Rassismus der Schädelvermesser,
  • des Nationalismus und
  • der imperialen Eroberung.

Während Gay den ideologischen Kontroversen jede Beachtung schenke, so Sofsky, sei von der realen Gewaltgeschichte kaum die Rede.

Kein Wort über

Gays Kulturgeschichte der Aggression spiele sich vornehmlich auf dem Papier ab. „Die handgreiflichen Begebenheiten verschwinden hinter den Zeugnissen der Gelehrten, Schriftsteller und Moralapostel.“ Die Besichtigung des Zeitalters halte sich an die innere Seelenverfassung der Bürger. Über weite Strecken lese sich Gays gewichtiges Werk wie „ein literatur- und psychohistorisches Kompendium der Epoche“.

Sofsky bemerkt dazu abschließend:

„Doch Edward Hyde, jenes düstere Alter ego, war keine Kopfgeburt des missvergnügten Doktor Jekyll. Das Böse entledigte sich der Fesseln und gewann körperliche Gestalt. Es war aus Fleisch, Blut und Haaren. Edward Hyde war der Bürger als Mörder.“

 

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