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Tanz die Toleranz – Aleviten fordern ein Friedensmuseum in der Türkei

Erstellt am 08.10.2010 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 5752 mal gelesen und am 09.10.2010 zuletzt geändert.

So sans ‚de Türken‘ mit Wiener Blut? 2009 wurde ein interessanter ARD-Betrag bei youtoube veröffentlicht.

Bei einem alevitischen Kulturfestival zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal im Sommer 1993 in Sivas erklärte der türkische Schriftsteller Aziz Nesin öffentlich, er halte einen Großteil der türkischen Bevölkerung für:

„feige und dumm“, da sie nicht den Mut hätten, für die Demokratie einzutreten.

  • Dies und
  • die Übersetzung und teilweise Veröffentlichung des für Muslime ketzerischen Romans „Die satanischen Verse von Salman Rushdie führte dazu, dass sich vor allem konservative sunnitische Kreise provoziert fühlten.

Am 2. Juli 1993 versammelte sich eine aufgebrachte Menschenmasse

(Die Anzahl der Personen wird auf 20.000 geschätzt) nach dem Freitagsgebet vor dem Madimak-Hotel, in dem

  • Aziz Nesin, aber auch
  • alevitische Musiker, Schriftsteller, Dichter und Verleger

logierten. Mitten aus der wütend protestierenden Menschenmenge wurden schließlich Brandsätze gegen das Hotel geworfen.

  • Da das Hotel aus Holz gebaut war, breitete sich das Feuer schnell aus.
  • Dabei verbrannten 35 Menschen;
  • der Autor Aziz Nesin, dem laut einigen Angaben der Anschlag in erster Linie gegolten hatte, überlebte jedoch leicht verletzt.
  • Wegen der wütenden Menschenmenge draußen vor dem Hotel konnten die Bewohner des Hotels nicht ins Freie, bis sie schließlich vom Feuer eingeschlossen waren.
  • Obwohl Polizei und Feuerwehr frühzeitig alarmiert waren, griffen sie erst nach rund acht Stunden ein.

Das Staatsicherheitsgericht in Ankara

Das Gericht kam zu dem Urteil, dass die Menge die Feuerwehr bei den Rettungsarbeiten behinderte. Andererseits belegen

  • Zeugenaussagen sowie
  • Videoaufnahmenwie vereinzelte Polizisten der Menge halfen und
  • eine anrückende Militäreinheit sich wieder zurückzog – Der ganze Brandanschlag wurde live im TV übertragen.

Die Aleviten nennen diesen Anschlag das „Sivas-Massaker“, wobei aus ihrer Sicht der Brandanschlag ihnen gegolten hatte, und fühlen sich seither vom türkischen Staat im Stich gelassen.

Das Ereignis spielte eine wichtige Rolle bei ihrer Bewusstseinsbildung.

Die Sunniten

  • bestreiten jeglichen Vorwurf, für den Brandanschlag verantwortlich zu sein, und
  • verlangen die Auffindung der wahren Täter. Sie befürworten eine Revision der Untersuchung des Anschlags und
  • Sie behaupten, dass Saboteure sich in die Menschenmenge gemischt und die Brandsätze gegen das Hotel geworfen haben.

Am 11. November 2007 wurden die Gräber der Sivas-Opfer in Ankara, Karsiyaka beschädigt. Die Gedenkmauer wurde dabei komplett zerstört. Kurze Zeit später kam es erneut zu einer Beschädigung der Sivas-Gedenkstätte durch unbekannte Täter.

Heute führen Sunniten im Gebäude des ehemaligen Madimak-Hotels ein Restaurant mit Fleischgerichten.

Das sorgt bei Aleviten für Empörung und Widerspruch, da sie dort lieber ein „Friedensmuseum“ – wie es etwa in Hiroshima zum Gedenken an die Atombombenopfer steht – sehen wollen.

Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Aleviten

Mesimi Cimen

Maslum Cimen

Alevitischer Kulturverein

Aleviten in Österreich

http://www.aleviten.or.at

In Österreich ist der prozentuale Anteil der alevitischen Bevölkerung an der türkischen aus den oben genannten Gründen auch höher als der Anteil in der Türkei.

  • Alevitische Kinder müssen derzeit als muslimische Kinder den großteils sunnitisch-islamischen Religionsunterricht besuchen.
  • Eine Abmeldung vom Religionsunterricht ist aber möglich.
  • Nach mehreren Anläufen, die alevitische Gemeinschaft in der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu integrieren, hat man sich jetzt auf die
  • Gründung einer unabhängigen alevitischen Glaubensgemeinschaft geeinigt.

Davon erwarten sich sowohl Aleviten als auch Sunniten Erleichterung und den Abbau von Spannungen zwischen Aleviten und Sunniten. Den Sunniten sind die Unterschiede in der Religionspraxis und in den Glaubensgrundsätzen zu groß. Gleichzeitig empfinden die einige Aleviten die Bezeichnung als „Muslim“ als unkorrekt. Nur eine eigene Bezeichnung, Identität und Religionsgemeinschaft würde der kulturellen und religiösen Vielfalt gerecht werden.[16]

Literatur

  • Ali Duran GülçiçekDer Weg der Aleviten (Bektaschiten) – Menschenliebe, Toleranz, Frieden und Freundschaft. Köln 1996, 2003 (3. Aufl.). ISBN 3-935832-00-1
  • Ismail Kaplan: Das Alevitentum – Eine Lebens- und Glaubensgemeinschaft in Deutschland. Hrsg.v.d. Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu. AABF, Köln 2004. ISBN 3-00-012584-1
  • Markus Dressler: Die alevitische Religion – Traditionslinien und Neubestimmungen. Ergon, Würzburg 1999, 2002. ISBN 3-89913-229-7
  • Aynur Sahin: Die Rechtsstellung alevitischer Gemeinden in Europa. Dissertation, Wien 2007.
  • Alevilerin Sesi (Die Stimme der Aleviten, monatlich erscheinende zweisprachige Zeitschrift der AABF -Alevitische Gemeinde Deutschland)
  • John Kingsley Birge: The Bektashi order of dervishes. Luzac, London 1937.
  • Dimitri KitsikisMulticulturalism in the Ottoman Empire: The Alevi Religious and Cultural Community. In: P. Savard & B. Vigezzi (eds.): Multiculturalism and the History of International Relations. Milano: Edizioni Unicopli, 1999. ISBN 88-400-0535-8
  • Irène Mélikoff: Hadji Bektach: Un mythe et ses avatars. Genèse et évolution du soufisme populaire en Turquie. [Islamic History and Civilization, Studies and Texts. Bd 20.] Brill, Leiden 1998. ISBN 9004109544
  • Karin Vorhoff: Zwischen Glaube, Nation und neuer Gemeinschaft. Alevitische Identität in der Türkei der Gegenwart. Schwarz, Berlin 1995. ISBN 3-87997-214-1
  • John Shindeldecker: Türkische Aleviten Heute. Verlag Şahkulu Sultan Külliyesi Vakfi, Istanbul 2001. ISBN 975-94441-1-9
  • Ahmet Terkivatan: Was ist das Alevitentum? Über die alevitische Mystik. In: Sic et Non 10/2008.

Tanz von Männern und Frauen – Alevitisch


 

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