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Michael eine Missbrauchsgeschichte

Erstellt am 31.08.2011 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 8792 mal gelesen und am 04.09.2011 zuletzt geändert.

Michael ist eine Missbrauchsgeschichte. Eine, die in Österreich ob der Themen-Nähe zum Fall Kampusch, Kirchenmänner etc. natürlich Staub aufwirbelt. Ein Mann, Ende Dreißig, hält einen kleinen Buben in einem Keller gefangen, lebt mit ihm einen „normalen“ Alltag – und erzählt ihm, dass seine Eltern ihn nicht mehr zurückhaben wollen. Der Autor des Films Markus Schleinzer hat, im Interview auf FM 4 heute, bewusst den Missbrauch eines Knaben gewählt, da sich all zu leicht jemand Motive für den Missbrauch von Mädchen vorstellen könne.

Michael, dem erwachsenen Hauptcharakter in Markus Schleinzers Film, geht es in der Rolle des Machtausübenden gut:

Morgen Vorpremiere im Wiener Gartenbaukino

  • er ist erfolgreich in seinem Job als Versicherungskaufmann, da hat er einen guten Stand auch bei den Kollegen.
  • Wenn zu Mittag überm Kantinenessen die Probleme mit Kunden beredet werden, ist er ein kompetenter und geschätzter Gesprächspartner.
  • Dass er nur über Firmenfragen spricht, fällt nicht auf.
  • In seiner Erscheinung passt er genau in die erforderliche Berufsschablone.
  • Mit der Familie hat er seit Jahren den Kontakt aufs nötigste reduziert – nur das Notwendigste an gesellschaftlich sanktionierten Beziehungsformen findet statt, nämlich der Geschenke-Austausch zu Weihnachten, und das auf neutralem Terrain.
  • Wenn er heimkommt, lässt er den Buben aus dem Kellerverlies heraus. Und auch hier fallen nicht viele Worte, eher geschieht Handgreifliches etwa, wenn er den Kleinen am Genick packt wie eine Katze.

Seine Unfähigkeit, das Kind als eigenständige Person wahrzunehmen, bezieht sich nicht nur auf sozusagen Seelisches:

wenn er ihm zum Beispiel durchs Fernrohr etwas zeigen möchte, dieses aber auf seine eigene Augenhöhe richtet, und nicht realisiert, dass der Kleine so einfach nichts sehen kann und ihn unwirsch wegzerrt.

  • Das ist Gewalt – und nicht einmal absichtlich, sondern systemimmanent.
  • Es ist die Gewalt des patriarchalen Verfügens, die Michael geläufig ist.
  • Was ihn von anderen unterscheidet, ist, dass dies für ihn die einzige funktionierende Form der Aufnahme von Beziehungen ist.

Natürlich ließen sich hier psychologische Erklärungen finden. Doch Markus Schleinzer verweigert Hinweise auf das „Warum“. Was er mit Michael zeigt, ist

  • die Ohnmacht von jemandem, der nicht in Beziehung treten und
  • deswegen nur Macht ausüben kann.

Macht über ein Kind auszuüben, das nicht einmal das eigene ist, fällt diesem Ohnmächtigen leichter als sich einzulassen – worauf immer im Konkreten, jedenfalls sich einzulassen auf den Anspruch „des Antlitz“, „des Anderen“, wie Levinas das ausdrückt.

Vielleicht mache unter anderem dies das Beklemmende des Films aus, so der Gekürzte und Text des Artikels von Ursula Baatz, aus der Stadtkino Zeitung der Website des Gartenbaukino. Hier werden Strukturen der alltäglichen Normalität gezeigt werden, freilich bis in ihr Extrem getrieben.

Michael lässt sich als Beispiel der strukturellen Gewalt jener patriarchalen Gegebenheiten verstehen, die heute noch immer die Gesellschaft beherrschen.

Ein Film scharf wie eine Rasierklinge.
Le Monde

Konzentriert, klug, kontrovers.
Der Spiegel

Regie & Drehbuch Markus Schleinzer
Schnitt Wolfgang Widerhofer
Kamera Gerald Kerkletz
Ton Klaus Kellermann
Produzenten Nikolaus Geyrhalter,
Markus Glaser, Michael Kitzberger, Wolfgang Widerhofer
Darsteller Michael Fuith, Christine Kain, Ursula Strauss, Viktor Tremmel, Gisela Salcher

Verleih Stadtkino Filmverleih

LINKS

Website zum Film
Trailer

http://www.imdb.com/video/imdb/vi2220924185/

 

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