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Spurensuche des Sohnes eines NS-Gauleiters

Erstellt am 09.03.2012 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 1864 mal gelesen und am 09.03.2012 zuletzt geändert.

Zur Zeit räume ich im Büro auf und bereite meine Vätergruppe im Herbst vor. Ich greife zwischendurch ins Regal mir fällt ein Vaterbuch der besonderen Art in die Hände. Väter, die in der Hitlerjugend waren, leben heute oft noch. Sie haben in der Regel viel geschwiegen zu dieser Zeit.

  • Was wird aus den Enkeln und Enkelinnen, deren Großväter in einer Diktatur aufwuchsen, deren Ideal es war den totalen Krieg zu organisieren und Kinder dafür drillen.
  • Welche Väter werden ihre Enkel?
  • Was, wenn Väter in Karenz ihre Papazeit so gut machen, dass sie in Konflikte mit tiefsitzenden und meist unbewussten Rollenbilder der Mütter geraten?

Lange hält er sich in der Ausstellung auf

  • Auf einem Dokument erkennt er die deutliche Handschrift seines Vaters, dabei geht es um die Kleidung der in Chelmno („Kulmhof“) ermordeten Juden.

  • Er schaut auf ein großes Farbfoto, hegt einen Verdacht, ist sich aber noch nicht sicher.
  • Er bringt es nicht fertig, sich ins ausliegende Gästebuch einzutragen, seinen Namen empfindet er als eine zu schwere Last.

Der Katalog der Ausstellung bleibt zehn Jahre unbenutzt im Bücherregal liegen.

Erst 2001 schafft es Jens-Jürgen Ventzki zum ersten Mal in seine Geburtsstadt Lódz („Litzmannstadt“) zu reisen, in der sein Vater, Werner Ventzki, ab 1941 Oberbürgermeister der besetzten Stadt war. Ihm unterstand die Verwaltung des nach Warschau zweitgrößten Ghettos.

Der Sohn folgt den Spuren des Vaters, recherchiert in Archiven in

  • Lódz,
  • Berlin,
  • Ludwigsburg,
  • Jerusalem (Yad Vashem),

besucht sein Geburtshaus, sucht das Gespräch mit Historikern.

In Lódz erhält er 2007 die Nachricht, dass man soeben in einem Archiv eine Art Testament seines Vaters gefunden habe. Es gelingt ihm, Kontakt zu Überlebenden des Ghettos „Litzmannstadt“ aufzunehmen, vertrauensvolle Hände strecken sich ihm entgegen.

Jens-Jürgen Ventzki

Er schildert anhand von Dokumenten, Erinnerungen, Literatur- und Archivstudien den Lebensweg seines Vaters als Gauamtsleiter, Reichsredner, Oberbürgermeister, als Mitglied der Waffen-SS und als späteren Beamten der Bundesrepublik. Die Auseinandersetzung des Sohnes mit einem schwierigen Erbe, mit seinen „zwei Vätern“, zeigt einen hoffnungsvollen Weg im Umgang mit der Last der Geschichte.

Der Autor:

Jens-Jürgen Ventzki, 1944 in Lódz geboren, Verlagsberater, Geschäftsführer eines Buchverlages, Verlagsleiter, viele Jahre Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Buchwissenschaft), lebt heute bei Zell am See in Österreich.

 

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