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Gewalt und Gesundheit

Erstellt am 16.06.2011 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 17365 mal gelesen und am 27.02.2012 zuletzt geändert.

Der Weltbericht Gewalt und Gesundheit laut wikipedia:

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Jahr 2002 erstmals einen Weltbericht „Gewalt und Gesundheit“ vorgelegt.

  • 160 Experten aus allen Regionen der Welt haben
  • über 3 Jahre gemeinsam an dieser Studie mitgewirkt.

Der Bericht geht von der Annahme aus, dass die Erfahrung von Gewalt alle Lebensbereiche durchdringt:

„Gewalt ist eine Weltgeißel, die das Gefüge von Gemeinschaften zerreißt und Leben, Gesundheit und Glück bedroht“

Krug u.a. 2003, S. 1

Dabei handle es sich um ein komplexes Phänomen.

Gewalt müsse umfassend und ganzheitlich mit einem besonderen Augenmerk auf Public Health angegangen werden (S. 4). Mit diesem Bezug auf Public Health begreift der Bericht

  • Gewalt als ein Sozialphänomen,
  • das durch Gewaltprävention verhindert werden sollte.

Im Vorwort zu dem Weltbericht Gewalt und Gesundheit schreibt Nelson Mandela:

„This report makes a major contribution to our understanding of violence and its impact on societies. It illuminates the different faces of violence, from the „invisible“ suffering of society’s most vulnerable individuals to the all-too-visible tragedy of societies in conflict. It advances our analysis of the factors that lead to violence, and the possible responses of different sectors of society. And in doing so, it reminds us that safety and security don´t just happen: they are the result of collective consensus and public investment“ (S. 2).

Empfehlungen der WHO gründen in einem multisektoralen und kooperativen Handeln (vgl. Mann, 2006. S. 89):

  1. Appell für einen nationalen Aktionsplan zur Gewaltprävention
  2. Ausbau der Kapazitäten zur Erhebung wissenschaftlicher Daten und Förderung von Forschungsarbeiten zu Gewalt und Gesundheit
  3. Förderung von Maßnahmen zur Primären Prävention von Gewalt und Ausbau des Opferschutzes
  4. Unterstützung von Maßnahmen zur Gewaltprävention im Kontext der Sozial- und Bildungspolitik
  5. Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter und der sozialen Gerechtigkeit als Beitrag zur Gewaltprävention
  6. Verbesserung der Informationspolitik über die Chancen der Gewaltprävention
  7. Verabschiedung internationaler Verträge zur Gewaltprävention
  8. Unterstützung der Gesetze zum Schutz der Menschenrechte
  9. Bekämpfung des weltweiten Drogen- und Waffenhandelns

 

Auszüge aus dem INHALT

Gewalt – eine weltweite Herausforderung ……………………………………………………………………………………….1

Gewalt aus gesundheitlicher Sicht……………………………………………………………………………………………4

Definition von Gewalt……………………………………………………………………………………………………..5

Typologie der Gewalt ……………………………………………………………………………………………………..6

Gewalt messen ……………………………………………………………………………………………………………….8

Die Auswirkungen von Gewaltverlorenes Leben und geschädigte Gesundheit …………………………..9

Die Wurzeln der Gewalt – ein ökologisches Modell…………………………………………………………………13

Von der theoretischen Analyse von Gewalt zum Handeln gegen Gewalt…………………………………………………………………………..15

Die Formen und Umfelder von Gewalt………………………………………………………………………………………….17

Zwischenmenschliche Gewalt ……………………………………………………………………………………………….17

Jugend und Gewalt………………………………………………………………………………………………………..17

Gewalt gegen Intimpartner …………………………………………………………………………………………….20

Kindesmissbrauch und Vernachlässigung durch Eltern und andere Fürsorgepersonen …………..21

Misshandlung alter Menschen ………………………………………………………………………………………..22

Sexuelle Gewalt ……………………………………………………………………………………………………………23

Die Dynamik zwischenmenschlicher Gewalt ……………………………………………………………………25

Gewalt gegen die eigene Person …………………………………………………………………………………………….26

Das Ausmaß des Problems der Gewalt gegen die Eigene Person……………………………………………26

Die Dynamik des Selbstmords………………………………………………………………………………………..28

Kollektive Gewalt……………………………………………………28

Das Ausmaß des Problems……………………………….29

Die Folgen kollektiver Gewalt……………………………30

Die Dynamik gewalttätiger Auseinandersetzungen………………….31

Wie lässt sich Gewalt verhindern? …………………………………………33

Auf den Einzelnen bezogene Ansätze ………………………..33

Gegen Beziehungsdefizite gerichtete Ansätze………………………….34

Auf die Gemeinschaft bezogene Anstrengungen zur Gewaltprävention………………………..35

Gesellschaftliche Ansätze zur Gewaltprävention ………………………………………………………………..37

Einige wichtige Lücken der Gewaltprävention ……………………………………………………………………38

Handlungsempfehlungen zur Förderung von Gesundheit ohne Gewalt……………………………39

Abschließende Bemerkungen zu Gesundheit und Gewalt ………………………………………………45

Literaturhinweise zu Gesundheit und Gewalt …………………………………………………………………………………47

 

Kommentar der Redaktion zur Kurzfassung des Berichts

Nelson Mandela, eröffnet den Bericht: Das 20. Jahrhundert werde  „in die Geschichte als ein Jahrhundert der Gewalt eingehen“. Es hinterlasse uns

  • „das Massenvernichtungserbe einer Gewalt in noch nie da gewesenem Ausmaß, einer Gewalt, wie sie in der Geschichte der Menschheit bis dahin nicht möglich gewesen war.“ Doch dieses Erbe, sei
  • „das Ergebnis technischer Errungenschaften im Dienste von Hassideologien“.

Doch das sei „nicht das Einzige,

  • was wir übernehmen können oder
  • annehmen müssen.

Weniger sichtbar, doch noch weiter verbreitet sei „das Erbe des alltäglichen individuellen Leidens.

  • Der Schmerz von Kindern, die von Menschen missbraucht werden, die sie beschützen sollten,
  • von Frauen, die von gewalttätigen Partnern verletzt oder gedemütigt werden,
  • von älteren Menschen, die von ihren Betreuern misshandelt werden,
  • von Jugendlichen, die von anderen Jugendlichen tyrannisiert werden, und
  • von Menschen aller Altersgruppen, die sich selbst Gewalt antun.

Dieses Leiden, für das sich noch zahlreiche andere Beispiele anführen ließen, werde

  • von einer Generation an die nächste weitervererbt, denn
  • man lerne von der Gewalt der Vorväter,
  • Opfer lernen von ihren Peinigern und
  • die Gewalt produzierenden gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben in der Regel kaum verändert bestehen.

Kein Land, keine Stadt, kein Gemeinwesen sei immun.

„Doch wir sind auch nicht machtlos.“

Gewalt gedeihe dort,

  • wo Demokratie und Achtung vor Menschenrechten fehlen und
  • die Regierungsgeschäfte schlecht geführt werden.
  • wo „Gewaltkultur“ Wurzeln schlagen können

Das stimme in der Tat. Als Südafrikaner, der die Apartheid erlebt habe und jetzt noch mit ihren Folgen lebe, habe er das gesehen und erfahren.

Wahr sei auch,

  • dass Gewalt in Gesellschaften, in denen die Behörden durch ihr eigenes Handeln Gewalt billigen, stärker um sich greife und
  • weiter verbreitet sei.

In vielen Gesellschaften sei die Gewalt so vorherrschend, dass sie alle Hoffnungen auf eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung vereitele.

Das könnten wir „nicht weiter dulden“.

„Viele Menschen, die tagaus tagein mit Gewalt leben müssen, glauben, sie sei ein unveräußerlicher Bestandteil der menschlichen Befindlichkeit“. Doch das sei nicht so. „Gewalt lässt sich verhindern“.

Gewaltkulturen lassen sich in eine andere Richtung steuern.“

Regierungen, Gemeinschaften und der einzelne Mensch können durchaus etwas bewegen.

Mandela begrüsse diesen ersten Weltbericht zum Thema Gewalt und Gesundheit. Er träge sehr viel zu unserem

Damit erinnert er uns zugleich daran,

  • dass Sicherheit und Geborgenheit nicht von selbst entstehen,
  • gesellschaftlichen Konsens voraus setzen und
  • das Ergebnis einer gezielten staatlichen Anstrengung seien.

Der Bericht erläutert und empfiehlt Maßnahmen auf

  • örtlicher, nationaler und
  • internationaler Ebene,

Das mache ihn zum unschätzbaren Instrument für

  • Politiker, Wissenschaftler, Praktiker,
  • Fürsprecher und Freiwillige,

die sich für die Verhütung von Gewalt einsetzen.

Herkömmlicherweise betrachte man

Wir seien es

  • unseren Kindern,
  • den schwächsten Bürgern einer jeden Gesellschaft,

schuldig, dass sie ein Leben ohne Gewalt und Furcht leben können. Deshalb müssten wir unsere Anstrengungen nicht nur unermüdlich

Wir müssten laut Mandela die Gewalt gegen Menschen bei ihren Wurzeln packen. Nur so könne „aus der erdrückenden Erblast des letzten Jahrhunderts eine warnende Lehre werden, schließt Nelson Mandela.

Der Vorspann

„Gewalt durchdringt überall auf der Welt das Leben vieler Menschen und betrifft uns irgendwie alle.“

Gewaltgefährdung lauere aber auch hinter diesen Türen, gut verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Und wenn man inmitten von Krieg und Konflikt lebe, durchdringe die Gewalt alle Aspekte des Lebens.

„Dieser Bericht, die erste umfassende gedrängte Darstellung des Problems im weltweiten Maßstab“, zeige nicht nur, welchen Blutzoll die Gewalt fordert:

  • Jedes Jahr verlieren 1,6 Millionen Menschen durch Gewalteinwirkung ihr Leben,
  • zahllose andere werden dadurch in nicht immer offenkundiger Weise geschädigt.

Der Bericht entlarve auch

Er zeige, dass die Gesundheit des Menschen ernsthaft gefährdet ist, wo Gewalt herrscht.

Der Bericht

Gewalt sei jedoch

  • eine komplexe Problematik,
  • eng verwoben mit Denk- und Verhaltensweisen, die durch eine Vielfalt von Kräften in unseren Familien und Gemeinschaften geformt werden,
  • wobei diese Kräfte auch über nationale Grenzen hinausreichen können.

Der Bericht fordert eindringlich auf,

  • gemeinsam mit einer Vielzahl von Partnern aktiv,
  • wissenschaftlich fundiert und umfassend

gegen diese Kräfte vorzugehen.

Wir hätten die Instrumente gegen Gewalt und das Wissen gegen Gewalt, um etwas bewirken zu können.

Mit diesen Instrumenten konnten bereits andere Gesundheitsprobleme erfolgreich gelöst werden. Das werde überall im Bericht deutlich.

Oftmals sei Gewalt vorhersagbar und Gewalt verhütbar.

Wie für andere Gesundheitsprobleme gelte:

„Im gesamten Bericht klingt immer wieder durch, wie wichtig es ist, Gewalt von vornherein zu verhüten.“

  • „Selbst geringfügige Investitionen können hier großen und anhaltenden Nutzen bringen, doch nur,
  • wenn die politische Führung fest entschlossen handelt und
  • die Bemühungen von einer ganzen Bandbreite von Partnern im öffentlichen und privaten Zusammenhang unterstützt werden und
  • diese Unterstützung aus der industrialisierten Welt und den Entwicklungsländern“ komme.

Die Public Health

Sie habe in den letzten Jahrzehnten bemerkenswerte Erfolge erzielt, vor allem konnten

  • zahlreiche Kinderkrankheiten erfolgreich eingedämmt werden. Doch:
  • Public Health würde versagen, wenn sie unsere Kinder vor Krankheiten rettet, nur um sie später zu Gewaltopfern werden zu lassen und
  • sie an der von Intimpartnern ausgehenden Gewalt in der Barbarei von Krieg und Konflikten oder durch Selbstverstümmelung und Selbstmord zugrunde gehen zu sehen.

Sie biete zwar keineswegs alle Antworten darauf, wie dieses komplizierte Problem zu lösen wäre, aber:

„wir sind entschlossen, im weltweiten Kampf gegen die Gewalt unsere Rolle zu übernehmen.

Dieser Bericht soll dazu beitragen, eine globale Gegenwehr gegen die Gewalt aufzubauen und die Welt für alle zu einem sichereren und gesünderen Lebensort zu machen.

Ich möchte Sie bitten, den Bericht gründlich zu lesen und mit mir und den vielen internationalen

Experten, die mit ihrem Wissen um die Verhütbarkeit von Gewalt zu dem Bericht beigetragen

haben, gemeinsam dem davon ausgehenden dringenden Aufruf zum Handeln Folge zu

leisten.

Gro Harlem Brundtland

Generaldirektorin

Weltgesundheitsorganisation

GEWALT – EINE WELTWEITE HERAUSFORDERUNG

Kein Land, kein Gemeinwesen bleibt von Gewalt verschont. Bilder und Berichte von Gewalt

durchdringen die Medien. Sie spielt sich auf unseren Straßen ab, in unseren vier Wänden, in

Schulen, an Arbeitsplätzen und in Institutionen. Gewalt ist eine Weltgeißel, die das Gefüge von

Gemeinschaften zerreißt und Leben, Gesundheit und Glück von uns allen bedroht. Jedes Jahr

verlieren weltweit über 1,6 Millionen Menschen ihr Leben aufgrund von Gewalttaten. Auf jedes

Gewaltopfer, das den Folgen der Gewalt erliegt, kommen zahlreiche andere, die verletzt werden

und unter den unterschiedlichsten physischen, sexuellen, reproduktiven und psychischen Gesundheitsproblemen

leiden. Gewalt gehört in der Altersgruppe der 15–44-Jährigen überall auf

der Welt zu den Haupttodesursachen und ist unter Männern für etwa 14% und bei den Frauen für

7% aller Sterbefälle verantwortlich (1).

Weil Gewalt überall anzutreffen ist, wird sie oft als unvermeidbarer Bestandteil der menschlichen

Befindlichkeit gesehen, als etwas zum Leben dazu Gehöriges, das man wohl nicht verhindern

und auf das man nur reagieren kann. Außerdem gilt sie im Allgemeinen als eine Frage von

„Recht und Ordnung“, wobei sich die Rolle der Gesundheitsfachkräfte darauf beschränkt, mit

den Folgen von Gewalt fertig zu werden. Doch diese Auffassung wandelt sich allmählich, unterstützt

durch die Erfolge, die man bei der Bekämpfung anderer umwelt- und verhaltensbedingter

Gesundheitsprobleme wie Herzkrankheiten, Rauchen und HIV/Aids erzielt hat, wenn dagegen

mit Public-Health-Ansätzen vorgegangen wurde. Der Fokus weitet sich aus, man legt verstärkt

Wert auf Vorbeugung und bemüht sich, die Ursachen von Gewalt bei ihren Wurzeln zu packen.

Zugleich werden die Anstrengungen von Polizei, Rechtsprechung und Kriminologen durch die

Beiträge anderer Institutionen und Fachdisziplinen, von der Kinderpsychologie bis zur Epidemiologie,

unterstützt.

Ein wesentlicher Teil der Kosten von Gewalt geht auf die Auswirkungen zurück, die sie auf die

Gesundheit der Opfer hat, und auch Gesundheitseinrichtungen werden stark belastet (2). Damit

hat der Gesundheitssektor ein besonderes Interesse an der Verhütung von Gewalt, zugleich aber

kommt ihm dabei auch eine Schlüsselrolle zu. Der Surgeon General, d. h. der oberste Amtsarzt

der Vereinigten Staaten von Amerika, machte dies als erster ganz deutlich, als er in einem 1979

unter dem Titel Healthy people (3) erschienen Bericht erklärte, dass man bei dem Bemühen, die

Gesundheit der Nation zu verbessern, die Konsequenzen von gewalttätigem Verhalten nicht außer

Acht lassen könne, weshalb er die ursächliche Bekämpfung von Gewalt zu einem vorrangigen

Anliegen der Gesundheitsfachkräfte erklärte.

Seitdem hat es sich in den Vereinigten Staaten und in der ganzen Welt eine Unzahl von Public-

Health-Praktikern und Gesundheitswissenschaftlern zur Aufgabe gemacht, das Wesen von Gewalt

zu verstehen und Wege zu finden, um Gewalt zu verhindern (4). Die Problematik rückte auf

die internationale Agenda, als die Weltgesundheitsversammlung bei ihrer Tagung im Jahr 1996

in Genf eine Resolution verabschiedete, in der Gewalt zu einem wichtigen weltweiten Problem

der öffentlichen Gesundheit erklärt wurde (s. Kasten 1).

2  WELTBERICHT GEWALT UND GESUNDHEIT – ZUSAMMENFASSUNG

Gewalt verhüten: ein wichtiges Public-Health-Anliegen

(Resolution WHA49.25)

Die neunundvierzigste Weltgesundheitsversammlung –

mit großer Besorgnis den weltweiten dramatischen Anstieg der Inzidenz von vorsätzlichen

Verletzungen, die Menschen aller Altersgruppen und beide Geschlechter, vor allem aber

Frauen und Kinder treffen, zur Kenntnis nehmend,

sich hinter den Appell stellend, mit dem in der Erklärung des Weltgipfels für soziale Entwicklung

zur Einführung und Umsetzung konkreter Konzepte und Programme von Gesundheitsund

Sozialwesen aufgerufen wurde, um Gewalt in der Gesellschaft zu verhüten und ihre

Auswirkungen zu lindern,

sich hinter die Empfehlungen stellend, mit denen auf der Internationalen Bevölkerungs- und

Entwicklungskonferenz (Kairo, 1994) und auf der Vierten Weltfrauenkonferenz (Peking,

1995) dazu aufgefordert wurde, umgehend gegen das Problem der Gewalt gegen Frauen

und Mädchen vorzugehen und sich dessen gesundheitliche Folgen klar zu machen,

unter Hinweis auf die Erklärung der Vereinten Nationen über die Beseitigung der Gewalt gegen

Frauen,

in Anbetracht des in der Erklärung von Melbourne, die auf der Dritten internationalen Konferenz

über Prävention und Bekämpfung von Verletzungen (1996) verabschiedet wurde, von

Wissenschaftlern ergangenen Aufrufs, für die Sicherheit der Bürger der Welt verstärkt international

zusammenzuarbeiten,

in der Erkenntnis, dass sich Gewalt beim einzelnen Menschen, in Familien, Gemeinschaften

und Ländern unmittelbar und langfristig schwerwiegend auf die Gesundheit und die psychische

und soziale Entwicklung auswirkt,

in der Erkenntnis, dass Gewalt überall zunehmend Folgen für das Gesundheitswesen hat

und sich nachteilig auf die knappen Ressourcen auswirkt, die in den Ländern und Gemeinschaften

für die Gesundheitsversorgung zur Verfügung stehen,

in der Erkenntnis, dass die im Gesundheitswesen Beschäftigten Gewaltopfer häufig mit als

erste zu Gesicht bekommen, da sie eine einmalige Fachkompetenz besitzen und durch ihre

Sonderstellung in der Gemeinschaft den Gefährdeten helfen können,

in der Erkenntnis, dass die WHO, die wichtigste Organisation für die Koordinierung der internationalen

Arbeit im Gesundheitsbereich, die Verantwortung dafür trägt, die Mitgliedstaaten

beim Aufbau von Public-Health-Programmen zur Verhütung von Gewalt gegen die eigene

Person und zur Verhütung von Gewalt gegen andere zu führen und zu leiten,

1. ERKLÄRT, dass es sich bei Gewalt weltweit um ein vorrangiges Public-Health-

Problem handelt,

2. BITTET die Mitgliedstaaten eindringlich, das Ausmaß der Gewaltproblematik auf ihrem

Hoheitsgebiet abzuschätzen, und der WHO ihre Informationen zu diesem Problem

sowie ihr Bekämpfungskonzept mitzuteilen,

KASTEN 1

GEWALT – EINE WELTWEITE HERAUSFORDERUNG  3

Kasten 1 – Forts.

Wenn man in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür weckt, dass sich Gewalt verhüten lässt, hat

man allerdings nur einen ersten Schritt auf dem Weg gemacht, der zu einer wirksamen Gegenwehr

führen soll. Gewalt ist ein äußerst heikles Problem. Viele Menschen haben in ihrem Beruf

Schwierigkeiten, sich dem Gewaltproblem zu stellen, weil es unangenehme, ihr eigenes

Privatleben berührende Fragen aufwirft. Wenn man über Gewalt spricht, kann man sich den

komplizierten Zusammenhängen von Moral, Ideologie und Kultur nicht entziehen. Deshalb stößt

eine offene Debatte über das Thema häufig auf offizielle wie persönliche Widerstände.

3. ERSUCHT den Generaldirektor, im Rahmen der verfügbaren Ressourcen Public-

Health-Maßnahmen in die Wege zu leiten, die der Auseinandersetzung mit der

Gewaltproblematik dienen und

(1) unterschiedliche Formen der Gewalt charakterisieren, ihr Ausmaß definieren

und die Ursachen sowie die Folgen der Gewalt für die Gesundheit der Bevölkerung

einschätzen und bei der Analyse auch eine „Geschlechterperspektive“

anlegen,

(2) die Art und die Wirksamkeit von Maßnahmen und Programmen zur Verhütung

von Gewalt und zur Minderung ihrer Auswirkung bewerten, wobei die besondere

Aufmerksamkeit den bevölkerungsbezogenen Initiativen gilt,

(3) auf internationaler Ebene und in den Ländern Aktivitäten zur Bewältigung dieses

Problems fördern, u. a. durch Schritte, die

a) die Anerkennung der Folgen von Gewalt, die einschlägige Berichterstattung

und die Handhabung dieser Konsequenzen verbessern,

b) eine verstärkte intersektorale Beteiligung an der Prävention von Gewalt

und der Handhabung des Problems fördern,

c) die Beschäftigung mit der Gewaltproblematik als vorrangiges Anliegen

gesundheitswissenschaftlicher Forschungsarbeiten fördern,

d) bewirken, dass Empfehlungen für Gewaltpräventionsprogramme in Nationen,

Staaten und Gemeinschaften der gesamten Welt ausgearbeitet

und verbreitet werden,

(4) die koordinierte und aktive Beteiligung von einschlägigen Fachprogrammen

der WHO sicherstellen,

(5) bei der Planung, der Umsetzung und begleitenden Beobachtung von Programmen

zur Prävention von Gewalt und zur Abmilderung ihrer Folgen die

Zusammenarbeit der Organisation mit Regierungen, Kommunalbehörden und

anderen Organisationen des Systems der Vereinten Nationen stärken,

4. ERSUCHT den Generaldirektor FERNER, auf der neunundneunzigsten Tagung

des Exekutivrats einen Bericht vorzulegen, in dem die bisher erzielten Fortschritte

erläutert werden, und einen Aktionsplan vorzulegen, in dem die Schritte zu einem

gesundheitswissenschaftlich fundierten Ansatz für die Gewaltprävention dargelegt

werden.

4  WELTBERICHT GEWALT UND GESUNDHEIT – ZUSAMMENFASSUNG

Mit diesem ersten Weltbericht Gewalt und Gesundheit1 sollen die Geheimniskrämerei, Tabus

und das Gefühl der Unvermeidbarkeit hinterfragt werden, die das Thema gewalttätiges Verhalten

umgeben, und zugleich soll der Bericht eine Debatte in Gang setzen, die uns dieses ungeheuer

komplexe Phänomen besser begreifen lehrt. Persönliche Initiative und aktives Engagement sind

zwar von unschätzbarem Wert, wenn es darum geht, Gleichgültigkeit und Widerstände zu überwinden,

doch wenn man das Problem der Gewalt umfassend bekämpfen will, müssen die Menschen

unbedingt auf allen Ebenen alle möglichen Formen partnerschaftlicher Zusammenarbeit

eingehen, um so eine wirksame Gegenwehr aufzubauen.

Dieser Kurzbericht wendet sich in erster Linie an alle, die auf nationaler Ebene für die Gesundheit

der Bevölkerung betreffende Entscheidungen und für die nationale Gesundheitspolitik zuständig

sind, aber auch an diejenigen,

die bevölkerungsnah im Gesundheitsbereich

arbeiten und mit

den Problemen und Bedürfnissen

der Bevölkerung in ihrem Nahbereich

am besten vertraut sind. Die

in diesem Kurzbericht zum Ausdruck

gebrachten Ansichten und die

aus der Darstellung gezogenen

Schlussfolgerungen stützen sich auf

den World report on violence and

health und auf die zahlreichen Untersuchungen,

auf die sich dieser

Bericht bezieht.

Gewalt aus gesundheitlicher Sicht

Im Allgemeinen beschränkt sich die vom Gesundheitssektor ausgehende Gewaltgegenwehr

weitgehend auf reaktive und therapeutische Maßnahmen. Da man dabei tendenziell auf spezielle

Interessengebiete und konkrete Sachkenntnis beschränkt bleibt, werden das Gesamtbild und die

Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Formen von Gewalt jedoch häufig übersehen. Gewalt

ist aber ein komplexes Phänomen, das umfassender und ganzheitlich angegangen werden

muss.

Public Health konzentriert sich definitionsgemäß nicht auf den einzelnen Patienten, sondern eher

auf die Gesundheit von Bevölkerungsgruppen und ganzen Bevölkerungen. Dabei legt man mit

den gesundheitlichen Maßnahmen das Schwergewicht möglichst auf Bevölkerungsgruppen, die

am stärksten durch Krankheiten oder Verletzungen gefährdet sind. Die Public Health verfolgt

grundlegend das Ziel, Gesundheit zu erhalten, zu fördern und zu verbessern. Sie legt Wert darauf

zu verhindern, dass Krankheiten oder Verletzungen überhaupt vorkommen oder wieder auftreten,

und beschäftigt sich weniger mit der Behandlung ihrer gesundheitlichen Folgen.

Die Public Health geht gegen jede Gefährdung des Wohlergehens der Bevölkerung herkömmlicherweise

mit den folgenden vier Schritten vor (5):

1 Krug EG et al., eds., World report on violence and health. Geneva, World Health Organization, 2002

Gewalt wird oft als unvermeidbarer Bestandteil der menschlichen

Befindlichkeit gesehen, als etwas zum Leben dazu Gehöriges,

das man wohl nicht verhindern und auf das man nur reagieren

kann. Doch diese Auffassung wandelt sich allmählich, unterstützt

durch die Erfolge, die man bei der Bekämpfung anderer

umwelt- und verhaltensbedingter Gesundheitsprobleme erzielt

hat, wenn dagegen mit Public-Health-Ansätzen vorgegangen

wurde.

Der Gesundheitssektor hat ein besonderes Interesse an der Verhütung

von Gewalt, zugleich kommt ihm dabei aber auch eine

Schlüsselrolle zu.

Wenn man das Problem der Gewalt umfassend bekämpfen will,

müssen die Menschen unbedingt auf allen Ebenen alle möglichen

Formen partnerschaftlicher Zusammenarbeit eingehen, um

so eine wirksame Gegenwehr aufzubauen.

GEWALT – EINE WELTWEITE HERAUSFORDERUNG  5

– Das Ausmaß des Problems wird erkundet und beobachtet,

– die Ursachen des Problems werden ermittelt,

– es werden Möglichkeiten zur Bewältigung des Problems gesucht und erprobt,

– die nachweislich wirksamen Maßnahmen werden in breitem Maßstab eingesetzt.

Der Public-Health-Ansatz ist wissenschaftlich fundiert. Von der Erkennung des Problems und

seiner Ursachen bis zur Planung, Erprobung und Auswertung von Gegenmaßnahmen muss sich

alles auf tragfähige Forschungsergebnisse gründen und von den besten wissenschaftlich abgestützten

Fakten untermauert sein. Der Ansatz ist zudem disziplinübergreifend. Beamte des öffentlichen

Gesundheitswesens arbeiten partnerschaftlich mit einer Vielzahl von Leuten und Organisationen

zusammen und machen sich dabei eine Fülle von Sachkenntnis zunutze. Sie holen

sich das notwendige Wissen aus den Bereichen Medizin, Epidemiologie und Psychologie, aus

Soziologie, Kriminologie, Bildung und Wirtschaft.

Die Public-Health-Praktiker und ihre Partner gehen an das Gewaltproblem mit der festen, wissenschaftlich

abgestützten Überzeugung heran, dass sich gewalttätiges Verhalten und dessen

Folgen verhüten lassen. Der Public-Health-Ansatz ist dabei keineswegs ein Ersatz für die Strafgerichtsbarkeit

oder die Reaktion vonseiten der Vorkämpfer für die Menschenrechte. Die Public

Health ergänzt diese Aktivitäten vielmehr, gibt ihnen zusätzliche Instrumente an die Hand und

eröffnet neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Definition von Gewalt

Gewalt als die Gesundheit der Bevölkerung gefährdendes Problem wurde bisher u. a. deshalb

weitgehend ignoriert, weil keine eindeutige Problemdefinition vorliegt. Gewalt ist ein äußerst

diffuses und komplexes Phänomen, das sich einer exakten wissenschaftlichen Definition entzieht

und dessen Definition eher dem Urteil des Einzelnen überlassen bleibt. Die Vorstellung von akzeptablen

und nicht akzeptablen Verhaltensweisen und die Grenzen dessen, was als Gefährdung

empfunden wird, unterliegen kulturellen Einflüssen und sind fließend, da sich Wertvorstellungen

und gesellschaftliche Normen ständig wandeln. Noch vor einer Generation wurde Disziplin in

britischen Schulen durchaus ganz normal noch mit dem Stock durchgesetzt, mit dem die Schüler

auf das Gesäß, die Beine oder Hände geschlagen wurden. Heute kann ein Lehrer, der sich in dieser

Form an einem Kind vergreift, dafür strafrechtlich verfolgt werden.

Es gibt also keinen weltweit einheitlichen Moralkodex, was es zu einer außerordentlich lohnenden,

aber zugleich auch schwierigen und heiklen Angelegenheit macht, das Thema Gewalt in

einem globalen Forum anzusprechen. Dennoch muss das unbedingt geschehen. Es muss der Versuch

unternommen werden, zu einem einvernehmlichen Verständnis der Problematik zu gelangen

und durch die gründliche Auseinandersetzung mit dem Stellenwert der Menschenrechte globale

Verhaltensstandards festzulegen, die dazu beitragen können, in unserer sich rasch verändernden

Welt Leben und Würde des Menschen zu schützen.

Gewalt lässt sich auf die unterschiedlichste Weise definieren, es kommt immer darauf an, wer

den Begriff definiert und für welchen Zweck dies geschieht. Eine als Instrument des Strafvollzugs

gedachte Definition wird zweifellos anders aussehen als eine für die Sozialarbeit brauchbare

Definition. Die Public Health muss sich die Aufgabe stellen, Gewalt so zu definieren, dass der

Begriff die gesamte Bandbreite der Täterhandlungen und die subjektive Erfahrung der Opfer einschließt,

ohne damit so verwässert zu werden, dass er seinen Sinn verliert, oder auch so weit

6  WELTBERICHT GEWALT UND GESUNDHEIT – ZUSAMMENFASSUNG

gefasst zu werden, dass er die Wechselfälle des täglichen Lebens als krankhaft einstuft. Ein

weltweiter Konsens ist aber auch schon deshalb notwendig, weil nur so ein Datenvergleich möglich

ist und eine tragfähige Wissensgrundlage geschaffen werden kann.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gewalt (4) folgendermaßen:

Der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer

Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der

entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden,

Fehlentwicklung oder Deprivation führt.

Die Definition umfasst zwischenmenschliche Gewalt ebenso wie suizidales Verhalten und bewaffnete

Auseinandersetzungen. Sie schließt die unterschiedlichsten Handlungen ein, d. h. sie

reicht über das konkrete physische Handeln hinaus und bezieht auch Drohungen und Einschüchterungen

in die inhaltliche Reichweite des Begriffs ein. Neben Tod und Verletzung umfasst die

Definition auch die Unzahl der oftmals weniger offensichtlichen Folgen gewalttätigen Verhaltens,

wie z. B. psychische Schäden, Deprivation und Fehlentwicklungen, die das Wohlergehen

des einzelnen Menschen, von Familien und ganzen Gemeinschaften gefährden.

Typologie der Gewalt

Die Komplexität, Allgegenwärtigkeit und Unterschiedlichkeit gewalttätigen Handelns lösen das

Gefühl von Machtlosigkeit und Apathie aus. Nur anhand eines analytischen Bezugsrahmens oder

einer Typologie der Gewalt lassen sich die Fäden dieses komplizierten Gewebes entwirren, so

dass sich der Charakter des Problems und die zu seiner Bewältigung erforderlichen Maßnahmen

deutlicher abzeichnen. Bisher waren spezialisierte Forschungsbereiche und konkrete Handlungsfelder

in ihrem Bemühen, der Gewalt entgegenzutreten, aufgesplittert. Dieses Defizit gilt es zu

beheben, weshalb der analytische Bezugsrahmen die gemeinsamen Charakteristika und die Zusammenhänge

zwischen unterschiedlichen Formen von Gewalt hervorheben und zu einem ganzheitlichen

Präventionsmodell hinführen sollte. Bisher gibt es nur wenige Typologien dieser Art

und keine ist umfassend oder allgemein akzeptiert (6).

Die im World report on violence and health benutzte Typologie gliedert Gewalt in drei breite

Kategorien, die darauf Bezug nehmen, von wem die Gewalt ausgeht: Gewalt gegen die eigene

Person, zwischenmenschliche Gewalt und kollektive Gewalt.

Diese erste Kategorisierung unterscheidet zwischen der Gewalt, die sich eine Person selbst antut,

und der Gewalt, die von einer anderen Person bzw. von einer kleineren Personengruppe ausgeht,

und letztlich der Gewalt, die von größeren Gruppierungen wie z. B. Staaten, organisierten politischen

Gruppen, Milizen und Terrororganisationen verübt wird (s. Abb. 1).

Diese drei breiten Kategorien gliedern sich jeweils wiederum in konkretere Formen von Gewalt

auf.

GEWALT – EINE WELTWEITE HERAUSFORDERUNG  7

Abb. 1

Eine Typologie der Gewalt

Als Gewalt gegen die eigene Person gelten suizidales Verhalten und Selbstmisshandlung, wie

z. B. Selbstverstümmelung. Beim suizidalen Verhalten sind Gradunterschiede festzuhalten. Es

reicht vom bloßen Gedanken daran, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, über die Planung der

Tat, die Suche nach den Mitteln und dem Versuch, sich das Leben zu nehmen, bis zum vollendeten

Selbstmord. Allerdings können diese Stadien auf einer kontinuierlichen Skala nicht als unterschiedliche,

fest abgegrenzte Einheiten angegeben werden. Viele Menschen, die sich mit dem

Gedanken an Selbstmord tragen, setzen ihn nie in die Tat um, und selbst einem Selbstmordversuch

liegt möglicherweise keine Sterbeabsicht zugrunde.

Die zwischenmenschliche Gewalt gliedert sich in zwei Untergruppen:

Gewalt in der Familie und unter Intimpartnern, d. h. Gewalt, die weitgehend auf Familienmitglieder

und den Intimpartner beschränkt ist und normalerweise, wenn auch nicht

ausschließlich, im Zuhause der Betroffenen verübt wird.

Von Mitgliedern der Gemeinschaft ausgehende Gewalt, d. h. Gewalt unter nicht miteinander

verwandten und nicht notwendigerweise miteinander bekannten Personen, die

normalerweise außerhalb des Zuhauses der Betroffenen verübt wird.

Zur ersteren Unterkategorie zählen beispielsweise Kindesmissbrauch, Gewalt durch einen Intimpartner

und Misshandlung alter Menschen. Unter letztere fallen Gewalt unter Jugendlichen, willkürliche

Gewalttaten, Vergewaltigung oder sexuelle Übergriffe durch Fremde und Gewalt im

institutionellen Umfeld, z. B. in Schulen, an Arbeitsplätzen, in Gefängnissen und Pflegeheimen.

Kollektive Gewalt bezeichnet die gegen eine Gruppe oder mehrere Einzelpersonen gerichtete

instrumentalisierte Gewaltanwendung durch Menschen, die sich als Mitglieder einer anderen

Gruppe begreifen und damit politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ziele durchsetzen

wollen. Sie kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, kann als bewaffnete Auseinandersetzung

innerhalb von Staaten oder unter Staaten auftreten, als Völkermord, Unterdrückung und

sonstige Missachtung der Menschenrechte vorkommen und sich als Terrorismus und organisiertes

Gewaltverbrechen manifestieren.

8  WELTBERICHT GEWALT UND GESUNDHEIT – ZUSAMMENFASSUNG

Mit dieser Typologie erfasst man auch den Charakter von Gewalttaten, die physischer, sexueller

oder psychologischer Art sein und auch Deprivation oder Vernachlässigung beinhalten können.

Berücksichtigt werden damit zudem die Bedeutung des Umfelds, die Beziehung zwischen Täter

und Opfer und – im Fall von kollektiver Gewalt – die möglichen Motive der Gewalt.

Gewalt messen

Soll das Gesundheitssystem aktiv werden können, so muss zunächst der Umfang des betreffenden

Gesundheitsproblems ermittelt werden. Dieses Wissen bildet die unabdingbare Grundlage

einer tragfähigen Politik. Verlässliche Daten über das Ausmaß der Gewalt sind nicht nur für Planungs-

und Beobachtungszwecke wichtig, sondern auch um sinnvolle Überzeugungsarbeit leisten

zu können. Ohne Informationen fühlt sich kaum jemand gezwungen, das Problem anzuerkennen,

geschweige denn, darauf zu reagieren.

Gewalt lässt sich keineswegs so ohne Weiteres messen. Die Länder sind mit der Entwicklung

ihrer Datensysteme unterschiedlich weit, weshalb die verfügbaren Angaben in Bezug auf ihre

Vollständigkeit, Qualität, Verlässlichkeit und Brauchbarkeit ebenfalls ganz unterschiedlich aussehen.

Viele Gewalttaten werden nie registriert, weil die Behörden überhaupt nichts davon erfahren.

Andere werden zwar gemeldet, doch die Unterlagen enthalten nicht alle zum Verständnis

des Problems erforderlichen Informationen. Da beispielsweise die Definition von Missbrauch

einen Einfluss darauf hat, welche Daten überhaupt erhoben werden, werden wichtige Aspekte

der Problematik vielerorts durch unzulängliche Definitionen verschleiert. Außerdem sind weder

Definitionen noch Datenerhebung konsequent, was einen Datenvergleich zwischen Bevölkerungsgruppen

oder gar Nationen schwierig macht.

Gegenwärtig sind Sterblichkeitsdaten die am meisten erhobenen und am ehesten verfügbaren

Angaben. Datenquellen sind Totenscheine, Bevölkerungsstatistiken und Gerichtsunterlagen.

Mortalitätsdaten zeigen jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Auf jeden Getöteten entfallen zahlreiche

andere, die verletzt, psychisch zugrunde gerichtet oder für den Rest ihres Lebens zu Behinderten

gemacht werden. Wenn man also davon ausgeht, dass Gewalt sehr viel häufiger nicht

tödliche Folgen hat (7–11), so braucht man andere Daten, um ein vollständiges Bild der Ausbreitung

von Gewalt zu erhalten, u. a. folgende:

– Gesundheitsdaten über Krankheiten, Verletzungen und andere Gesundheitsdefizite,

– Eigenangaben über Einstellungen, Überzeugungen, Verhaltensweisen, kulturelle Praktiken,

Viktimisierung und die Belastung durch Gewalt,

– bevölkerungsbezogene Daten über Bevölkerungscharakteristika und Einkommens-, Bildungs-

und Beschäftigungsniveau,

– Verbrechensdaten über die Kennzeichen und Umstände von Gewaltepisoden und das

Profil von Gewaltverbrechern,

– wirtschaftliche Angaben über Behandlungskosten, Sozialdienste und Präventionsmaßnahmen,

– polizeiliche und rechtliche Angaben.

GEWALT – EINE WELTWEITE HERAUSFORDERUNG  9

Diese Daten können aus den unterschiedlichsten

Quellen stammen,

von Einzelpersonen, aus den Unterlagen

von Organisationen und Institutionen,

aus örtlichen Programmen,

kommunalen und staatlichen

Statistiken und Bevölkerungssurveys

oder anderen Erhebungen sowie

aus gesonderten Untersuchungen.

Alle diese Quellen können

sinnvoll zum Verständnis der Problematik

beitragen und sie weiter

veranschaulichen, weshalb multisektorale

Partnerschaften für den

Public-Health-Ansatz außerordentlich

wichtig sind.

Die Auswirkungen von Gewalt – verlorenes Leben und geschädigte Gesundheit

Im Jahr 2000 verloren weltweit schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen das Leben durch Gewalteinwirkung,

das ist eine Rate von fast 28,8 pro 100 000 (s. Tabelle 1). Bei etwa der Hälfte

dieser Fälle handelte es sich um Selbstmord, fast ein Drittel waren Tötungsdelikte und ungefähr

ein Fünftel fiel bewaffneten Auseinandersetzungen zum Opfer.

Tabelle. 1: Gewaltbedingte Sterbefälle, globaler Schätzwert, 2000

Art der Gewalt Zahla Rate pro 100 000

Einwohnerb

Gesamtanteil

(%)

Tötungsdelikt 520 000 8,8 31,3

Selbstmord 815 000 14,5 49,1

Kriegsbedingt 310 000 5,2 18,6

Insgesamtc 1 659 000 28,8 100,0

Länder mit niedrigem

bis mittlerem Pro-Kopf-

Einkommen

1 510 000 32,1 91,1

Länder mit hohem Pro-

Kopf-Einkommen

149 000 14,4 8,9

Quelle: WHO Global Burden of Disease project for 2000, Version 1.

a Auf Tausend abgerundet.

b Altersbereinigt..

c Schließt 14 000 vorsätzlich durch Rechtsmaßnahmen bewirkte Sterbefälle ein.

Selbstverständlich ist nicht jeder Mensch dem Gewaltrisiko gleichermaßen ausgesetzt. Eine

gründlichere Analyse des Problems zeigt deutlich, wer hauptsächlich Opfer von Gewalteinwirkung

wurde und wo er lebte. Männer machen zwei Drittel aller Opfer von Tötungsdelikten aus,

die entsprechende Ziffer war um mehr als das Dreifache höher als bei Frauen. Am häufigsten

waren Tötungsdelikte überall auf der Welt unter jungen Männern der Altersgruppe 15–29 Jahre.

Dort lag die Rate bei 19,4 pro 100 000 (s. Tabelle 2). Tötungsdelikte unter Männern sind bei

Public Health konzentriert sich auf die Gesundheit von Bevölkerungsgruppen

und der Bevölkerung insgesamt. Dabei liegt der

Schwerpunkt gesundheitlicher Maßnahmen bei Bevölkerungsgruppen,

die am stärksten durch Krankheiten oder Verletzungen

gefährdet sind. Der Public-Health-Ansatz ist wissenschaftlich

fundiert. Konzepte und Maßnahmen müssen von den wissenschaftlich

abgestützten Fakten untermauert sein. Der Ansatz ist

zudem disziplinübergreifend.

Soll das Gesundheitssystem aktiv werden können, so muss zunächst

eine klare Definition von Gewalt vorliegen. Außerdem

braucht man einen konzeptionellen Rahmen für das Verständnis

der zahlreichen Erscheinungsformen und Umfelder von Gewalt.

Verlässliche Daten über das Ausmaß der Gewalt sind unabdingbar

für das Problemverständnis. Sie sind auch wichtig für eine

sinnvolle Überzeugungsarbeit. Ohne Informationen fühlt sich

kaum jemand gezwungen, das Problem anzuerkennen, geschweige

denn, darauf zu reagieren.

10  WELTBERICHT GEWALT UND GESUNDHEIT – ZUSAMMENFASSUNG

zunehmendem Alter jedoch rücklaÅNufig. Bei Frauen beträgt die Rate dagegen in allen Altersgruppen

ungefähr 4 pro 100 000, mit Ausnahme der 5–14-Jährigen, wo sie bei etwa 2 pro 100 000

liegt.

Die Selbstmordziffer zeigt dagegen für beide Geschlechter mit zunehmendem Alter eine steigende

Tendenz (s. Tabelle 2). Die höchste Selbstmordrate entfiel auf die Altersgruppe der 60-

jährigen und älteren Männer. Sie liegt dort bei 44,9 pro 100 000 und ist damit über doppelt so

hoch wie die Ziffer unter Frauen der gleichen Altersgruppe (22,1 pro 100 000). Im Gegensatz

dazu betrug die Selbstmordrate unter den 15–29-Jährigen bei Männern 15,6 pro 100 000 und bei

Frauen 12,2 pro 100 000.

Tabelle 2: Tötungsdelikte und Selbstmorde, globaler Schätzwert nach Altersgruppen, 2000

Altersgruppe

(Jahre)

Tötungsdelikte

(pro 100 000)

Selbstmorde

(pro 100 000)

Männer Frauen Männer Frauen

0–4 5,8 4,8 0,0 0,0

5–14 2,1 2,0 1,7 2,0

15–29 19,4 4,4 15,6 12,2

30–44 18,7 4,3 21,5 12,4

45–59 14,8 4,5 28,4 12,6

Bitten um Zusendung von Exemplaren der Veröffentlichungen des WHO-Regionalbüros sind an publicationrequests@euro.who.int

Anträge auf Genehmigung der Wiedergabe an permissions@euro.who.int und auf Genehmigung zur Übersetzung an pubrights@euro.who.int zu richten.

Sie können sich auch direkt an das Referat Veröffentlichungen wenden:

Referat Veröffentlichungen, WHO-Regionalbüro für Europa, Scherfigsvej 8, DK-2100 Kopenhagen Ø, Dänemark.

Originalsprache: Englisch

Herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation unter dem Originaltitel World report on violence and health: Summary

2002, ursprüngliche ISBN 92 4 154562 3

Dem WHO-Regionalbüro für Europa wurde vom Hauptbüro der Weltgesundheitsorganisation die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieser deutschen Übersetzung erteilt.

 

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