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Belém Klimakonferenz: Was messbar maximal möglich gewesen wäre

Erstellt am 21.11.2025 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 526 mal gelesen und am 24.11.2025 zuletzt geändert.
Surreales Meme zur Klimakonferenz COP30 in Belém: ein Krokodil-Jet „Bombardiro Amazónico“, brennender Regenwald, genervte Aktivistin und junge Klimabewegung mit der Frage „Who stops Bombardiro Amazónico?“.
„Bombardiro Amazónico“ steht als überdrehtes Klimamonster für Öl, Waldbrände und heiße Luft bei Klimaversprechen. Das Meme-Teaserbild zur COP30 in Belém zeigt im Vier-Panel-Stil den Konflikt zwischen weiter verbrennen und einer jungen Generation, die endlich echte Abrüstung der Emissionen fordert.

Zum ersten Mal tagte eine Weltklimakonferenz mitten im Amazonasgebiet. COP30 in Belém könnte zur „Klimakonferenz der Wahrheit“ werden – oder zur nächsten großen Beruhigungstablette.

Was wäre politisch maximal möglich gewesen, wenn alle Staaten ihre Spielräume wirklich ausgeschöpft hätten? Und welche Entscheidungen wären aus friedensjournalistischer Sicht die eigentlichen Prüfsteine?

Belém war kein neutraler Ort. Die Stadt liegt am Rand des Amazonasbeckens, Brasilien hat 60 Prozent des Regenwaldes auf seinem Staatsgebiet. Zum ersten Mal fand eine UN-Klimakonferenz mitten in dieser ökologischen Schlüsselregion statt. Weltweit wurde sie als COP30 in Belém, Brasilien, vom 10. bis 21. November 2025 wahrgenommen.

Die Symbolik ist doppelt: Einerseits inszeniert sich Brasilien unter Präsident Lula als Schutzmacht des Regenwaldes und Gastgeber einer „COP der Wahrheit“. Andererseits erlebt Brasilien gleichzeitig einen historischen Boom seiner Ölproduktion, vor allem durch die sogenannten Prä-Salz-Felder vor der Atlantikküste.

Auch rund um die Konferenz wird dieser Widerspruch sichtbar: Während offizielle Texte von einer „Aktionsagenda mit 30 Zielen“ und einem Baku–Belém-Finanzfahrplan von 1,3 Billionen US-Dollar für Klimaschutz sprechen, protestieren indigene Gruppen und Klimabewegungen gegen Ölbohrungen im Amazonas und fordern, die großen Verschmutzer direkt zur Kasse zu bitten.

Vor diesem Hintergrund lohnt die Frage: Wenn in Belém wirklich alle Staaten und Akteure ihre politischen und finanziellen Spielräume maximal im Sinne der Klimawende genutzt hätten – was hätte dabei herauskommen können?

Erstens: Fossile Energien mit Datum auslaufen lassen

Das Maximum wäre eine klare politische Linie: fossile Energien werden nicht nur „reduziert“, sondern als Auslaufmodell benannt. Kein weiterer Ausbau von Kohlekraftwerken ohne vollständige CO2-Abscheidung, keine neuen Öl- und Gasfelder nach einem festgelegten Stichtag, kein Einsatz öffentlicher Gelder für neue fossile Infrastruktur.

Politisch wäre das ein Bruch mit der bisherigen Sprache, die sich meist hinter offenen Formeln wie „phase-down“ verbirgt. Technisch und wirtschaftlich ist es jedoch machbar, weil viele neue fossile Projekte ohne Subventionen und Exportkredite gar nicht rentabel wären. Staaten könnten hier sofort handeln, indem sie Exportkreditagenturen und Entwicklungsbanken auf einen echten fossilen Ausstiegspfad setzen.

Zweitens: Erneuerbare Energien und Effizienz radikal beschleunigen

Eine ernst gemeinte Klimawende in Belém würde nicht nur bremsen, sondern auch massiv anschieben. Dazu gehören sehr hohe Ausbaupfade für Wind- und Solarenergie und verbindliche Effizienzziele, die den jetzigen Trend deutlich übertreffen.

Maximal wäre: Der jährliche Zubau an Erneuerbaren wird bis 2030 mindestens verdreifacht, und die globale Energieeffizienz verbessert sich jedes Jahr deutlich schneller als bisher. Möglich wäre das, wenn die großen Staaten ein gemeinsames Signal an Kapitalmärkte, Entwicklungsbanken und Industrie senden: Investitionen in fossile Projekte werden zunehmend zum Risiko, Investitionen in erneuerbare und effiziente Lösungen zur Norm.

Drittens: Der Fonds für „Loss and Damage“ mit echtem Geld

In Belém steht nicht nur Vermeidung, sondern auch die Frage im Raum: Wer bezahlt für Schäden und Verluste, die schon heute durch Überschwemmungen, Dürren, Stürme und Meeresspiegelanstieg entstehen? Schon länger wird ein Fonds für „Loss and Damage“ diskutiert, aber seine Ausstattung ist bisher eher symbolisch.

Maximal möglich wäre ein verlässlicher Geldstrom aus neuen, klar benannten Quellen. Zum Beispiel durch Abgaben auf internationale Flug- und Schiffsverkehre, einen Zuschlag auf fossile Exporte oder die Umlenkung eines Teils der Einnahmen aus Emissionshandelssystemen. So würde die Finanzierung nicht mehr nur von jährlichen Haushaltskämpfen und Spendenlaune abhängen, sondern strukturell verankert.

Viertens: Klimapläne nachschärfen – mit Zwischenstopps

Die nationalen Klimapläne (NDC, national festgelegte Beiträge) sind der Kern des Pariser Systems. Bisher reichen sie nicht aus, um die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Eine maximal ambitionierte Konferenz in Belém würde deshalb zwei Dinge liefern.

Erstens die Zusage aller Staaten, ihre Pläne bis spätestens 2027 deutlich nachzuschärfen – mit realistischen, aber ehrgeizigen Zielen für 2030 und 2035 statt nur fernen Versprechen für 2050. Zweitens einen robusten Überprüfungsmechanismus, der nicht nur diplomatisch „zur Kenntnis nimmt“, sondern Lücken klar benennt und regelmäßige Nachbesserungen einfordert.

Aus friedensjournalistischer Perspektive wäre wichtig, dass dabei nicht nur auf nationale Emissionssummen geschaut wird, sondern auch auf militärische Emissionen, die bislang oft aus Klimabilanzen ausgeklammert werden. Belém könnte zumindest den Beschluss bringen, diese Emissionen ab einem bestimmten Jahr transparent zu erfassen.

Fünftens: Waldschutz als harte Klimapolitik

Belém liegt am Tor zum Amazonas. Das macht die Frage nach Waldschutz und Landrechten zentral. Viele Analysen zeigen, wie wichtig der Amazonas für das globale Klima und die regionale Wasserversorgung ist und warnen vor einem „Kipppunkt“, ab dem das System großflächig kollabiert.

Maximal möglich wäre: Die Anrainerstaaten des Amazonas verpflichten sich, den Nettoverlust an Wald bis spätestens 2030 zu stoppen und illegale Entwaldung konsequent strafrechtlich zu verfolgen. Reiche Staaten wiederum sagen langfristige, planbare Mittel für den Schutz intakter Wälder zu. Eine zentrale Rolle hätte die Stärkung der Landrechte indigener Gemeinschaften, die nachweislich zu den besten Hütenden der Wälder gehören.

Damit Waldschutz nicht zum Vorwand für neue Ungerechtigkeiten wird, müsste klar geregelt sein, dass „grüne“ Projekte nicht zur Vertreibung lokaler Gemeinschaften führen oder nur als günstige Kompensationsmöglichkeit für den Norden dienen.

Sechstens: Klima, Sicherheit und Abrüstung zusammendenken

Belém könnte aus friedenspolitischer Sicht ein Wendepunkt werden, wenn Klima- und Sicherheitspolitik nicht länger getrennt behandelt werden. Bereits jetzt weisen UN-Organisationen darauf hin, dass die Klimakrise Konflikte verschärft, menschliche Sicherheit bedroht und Fluchtbewegungen anheizt.

Eine maximal mutige Konferenz würde dies im Abschlusstext klar benennen und erste konkrete Schritte verankern. Dazu gehört die Anerkennung, dass steigende Rüstungsausgaben und fossile Abhängigkeit nicht nur Haushalte belasten, sondern Klimaschutz direkt behindern. Einige Staaten könnten ankündigen, einen festen Prozentsatz zukünftiger Rüstungsbudgets in Klimaresilienz, erneuerbare Energien und zivile Konfliktprävention umzuschichten.

Damit wäre nicht das Ende aller Kriege beschlossen, aber eine Brücke geschlagen: Jede in Panzer und Raketen investierte Milliarde fehlt bei der Anpassung an Überschwemmungen, beim Schutz vor Dürren oder beim Wiederaufbau nach Extremereignissen.

Wie lässt sich Belém aus Sicht einer Friedens- und Klimabewegung bewerten?

Aus Sicht eines kritischen, aber konstruktiven Journalismus kommt es weniger auf einzelne Formulierungen an, als auf die Richtung.

Drei Fragen könnten helfen, das Ergebnis von Belém einzuordnen:

Erstens: Wird fossile Energie politisch als auslaufendes Geschäftsmodell markiert oder bloß rhetorisch „reduziert“?

Zweitens: Werden Geldflüsse sichtbar umgelenkt – weg von fossilen Subventionen und Rüstung, hin zu Klimaschutz, Anpassung und gerechter Transformation?

Drittens: Bekommen die besonders Betroffenen, insbesondere indigene und lokale Gemeinschaften im Amazonasgebiet und im globalen Süden, reale Mitsprache und Ressourcen – oder bleiben sie Kulisse für Konferenzfotos?

Belém könnte im Rückblick als Konferenz gelten,

  • bei der die Weltgemeinschaft anerkannt hat, dass Klimapolitik, soziale Gerechtigkeit und Abrüstung Teile eines einzigen großen Friedensprojekts sind. Oder als jene,
  • in der man im Herzen des Amazonas noch einmal auf Zeit spielte, obwohl die Uhr für viele Regionen bereits auf fünf vor zwölf steht.

Ob COP30 zur „Klimakonferenz der Wahrheit“ wird, entscheidet sich nicht nur am Wortlaut der Beschlüsse, sondern an der Bereitschaft der Staaten, ihre eigenen Spielräume wirklich auszuschöpfen. Genau daran wird sich diese Konferenz messen lassen müssen – in Belém, in Wien und überall sonst.


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Links zum den High-Lights von Belem

  1. UN-Klimakonferenz in Belém 2025
  2. Konferenz zur internationalen KlimaschutzpolitikDie UN-Klimakonferenz 2025 in Belém findet seit dem 10. bis zum 21. November 2025 in Belém statt, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Pará. Bereits am 6. und 7. November kamen hier Staats- und Regierungschefs zu einem globalen Klima-Gipfeltreffen zusammen, dem Global Climate Leader-Summit Continued in Wikipedia (DE)
  3. Quick links:Wikipedia X Instagram Facebook YouTube
  4. Quelle: Wikipedia (DE)War das hilfreich?
    IISD Earth Negotiations Bulletinhttps://enb.iisd.org › belem-un-climate-change-conference-cop30-10Nov2025Highlights and images for 10 November 2025
  5. This year’s meeting convenes in the Brazilian city of Belém at the outer edges of the Amazon rainforest—an ecosystem that plays a key role in regulating the Earth’s climate system.
  6. Wikipedia: https://de.wikipedia.org › wiki › UN-Klimakonferenz_in_Belém_2025UN-Klimakonferenz in Belém 2025 – Wikipedia Die UN-Klimakonferenz 2025 in Belém (COP30, United Nations Framework Convention on Climate Change, 30th Conference of the Parties, auch 30. Weltklimakonferenz) findet seit dem 10. bis zum 21.Tagesschau: https://www.tagesschau.de › ausland › amerika › weltklimakonferenz-finale-100.htmlWeltklimakonferenz: Warten auf den Durchbruch in Belém
  7. Heute: Die Zeit wird knapp auf der Klimakonferenz in Belém – und das nicht nur wegen eines Brandes am Veranstaltungsort. Kurz vor dem offiziellen Ende sind strittige Fragen ungelöst. Ein Gipfel …
 

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