Erst Abseits lernen, dann auf die Strafbank

Ich bin in Andalusien inzwischen so tiefenentspannt, dass mich Trump erstmals seit langem nicht mehr aufregt, sondern nur mehr erheitert. Die Chancen, dass Trump am 3. November auch den Senat verliert stehen seit gestern erstmals 50:50 und es ist wahrscheinlicher dass die Demokraten 53 Sitze und damit die Mehrheit im Senat bekommen. Die Wahrscheinlichkeit wird sogar von Tag zu Tag besser, weil Trump außer Unfug nichts mehr politisch gebacken bekommt. Fast alles, was sogar den Republikanern wichtig, ist wie Benzinpreis an der Zapfsäule, Inflation, Zinsen, Mieten, Kriege, etc. bringt er nicht auf die Reihe. Dafür müsste er nämlich machen was er nur könnte, wenn er nicht Trump wäre. Da ich mich zur Zeit mit Eishockey befasse, dem Nationalsport der Kanadier konnte ich nicht anders und habe zur Erheiterung ins Frieden-mit-Humorfach gewechselt.
Von Lord Stanley bis Trump: Warum ein Weltpolitiker dringend auf die Strafbank gehört und dem Eishockey inzwischen das Eis ausgeht.
Es gibt zwei Möglichkeiten, mit seinen Nachbarn umzugehen: Man lädt sie zum Eishockey ein. Oder man erklärt ihr Land zum künftigen Bundesstaat und versucht schon mal den gemeinsamen See neu zu beschriften.
Donald Trump bevorzugt, laut AP, offenbar die zweite Variante. Nach seinen wiederholten Vorstößen, Kanada als 51. US-Bundesstaat einzugemeinden, ordnete er im August die Bezeichnung „Lake America“ für den Ontariosee im amerikanischen Namenssystem an. Kanada muss diese Umbenennung nicht übernehmen. Das Wasser wurde auch nicht gefragt.
Damit hat die internationale Politik eine neue aberwitzige Eskalationsstufe erreicht: den territorialen Etikettenschwindel.
Früher brauchte man für imperiale Ansprüche Flotten, Expeditionen und zumindest einen halbwegs belastbaren Vorwand. Heute genügt offenbar ein Filzstift mit Internetanschluss.
Eine angemessene kanadische Antwort wäre: Erst Northamerican-Hockey-Leage Regeln lernen, besonders die NHL-Abseits Regel. Dann ab auf die Strafbank. Die NHL ist übrigens die nordamerikanische Profiliga in der die Kanadier in der Regel gewinnen und die US-Mannschaften meist nur mit gekauften kanadischen Profis Top sind.
Blaue und rote Linien sind besonders bei den Kanadiern keine Verhandlungsmasse, keine politischen Kategorien, sondern transnational und transzentente Gesetze – gut so!
Eishockey könnte der Weltpolitik einiges beibringen. Es gibt Grenzen, die für beide Mannschaften gelten. Wer unfair spielt, muss gelegentlich zuschauen. Und wer verliert, darf nicht nachträglich das gegnerische Tor zum eigenen Staatsgebiet erklären.
Vor allem existiert ein Schiedsrichter, dessen Pfeife nicht nach dem Bruttoinlandsprodukt der Mannschaften gewichtet wird und der was zu sagen hat.
G7, G20, UNO hergehört! Eishockey kennt sogar die lebenslange Sperre. Billy Coutu wurde 1927 nach Angriffen auf zwei Schiedsrichter aus der NHL ausgeschlossen. Später wurde er begnadigt, zurück aufs NHL-Eis kam er trotzdem nicht.
Die Weltpolitik sollte sich unbedingt davon etwas abschauen: Wer ständig Grenzen missachtet und die Spielleitung bedroht, muss nicht automatisch zum nächsten Gipfel eingeladen werden.
Manchmal braucht der Frieden einfach eine wirksame Strafbank ohne Rückfahrkarte.
Natürlich wird auch beim Eishockey gerempelt, geschimpft und gelegentlich zugeschlagen. Doch immerhin hat man dort die zivilisatorische Leistung vollbracht, für grobes Fehlverhalten eine Strafbank einzurichten und ganz böse Buben werden sogar beim angeblich härtesten Sport der Welt nachhaltig ausgeschlossen.
In der Weltpolitik bekommt man derzeit in den USA mitunter sogar eine zweite Amtszeit.
Ein Brite stiftet den Pokal – und verpasst die Übergabe
Wer Eishockey für eine rein nordamerikanische Angelegenheit hält, bekommt nun einen britischen Aristokraten aufs Eis gestellt. NHL-Pokalgeschichte: Lord Stanley of Preston, damals Generalgouverneur Kanadas, stiftete 1892 den Pokal, aus dem der Stanley Cup wurde. Das ursprüngliche Gefäß kostete zehn Guineen. Seit der Saison 1926/27 spielen ausschließlich NHL-Mannschaften darum.
Die NHL selbst wurde erst 1917 – während des I. Weltkriegs – gegründet . Der Pokal war also schon 25 Jahre alt, bevor seine spätere Liga existierte. Das ist ungefähr so, als würde man heute einen Friedenspreis stiften und erst 2051 die dazugehörige Außenpolitik erfinden.
Stanley erlebte, laut NHL-Archiv, übrigens weder ein Meisterschaftsspiel noch die Übergabe seines Pokals, bevor er nach England zurückkehrte. Etwas gründen, weltweite Begeisterung auslösen und bei der praktischen Abwicklung schon wieder zu Hause sein: Auch das ist eine Form britischer Tradition.
Kalter Krieg: wenigstens das Eis war verlässlich
Die Sowjetunion wiederum verstand Eishockey als Gelegenheit, dem Kapitalismus öffentlich die Scheibe abzunehmen.
Bei neun olympischen Teilnahmen zwischen 1956 und 1988 gewann ihr Männerteam neun Medaillen: siebenmal Gold, einmal Silber, einmal Bronze. – Olympische Bilanz der sowjetischen Mannschaft
Sieben Goldmedaillen bei neun Antritten: So stellte man sich erfüllte Fünfjahresplan vor, bei dem sogar die Statistik ausnahmsweise stimmte.
Für Streit sorgte der Amateurstatus. Sowjetische Spieler galten offiziell als Amateure, während sie ihren Sport unter Bedingungen betrieben, die aus kanadischer Sicht sehr nach Profibetrieb aussahen. Kanada zog sich 1970 aus den internationalen IIHF-Wettbewerben zurück und kehrte 1977 zurück.
Der Amateurgedanke war dehnbar: Entscheidend war offenbar weniger, wie viel jemand trainierte, als welche Berufsbezeichnung auf dem Formular stand. Die sowjetische Mannschaft konnte allerdings tatsächlich herausragend spielen. Planwirtschaft allein bringt keinen präzisen Pass zustande. Sonst wären Behörden die natürlichen Favoriten jeder Weltmeisterschaft.
1980 schlugen die USA die Sowjetunion in Lake Placid mit 4:3 und gewannen anschließend Olympiagold. Das „Miracle on Ice“ war geboren.
Quelle: IIHF-Zeitleiste
Bemerkenswert: Eine Supermacht verlor, und am nächsten Tag gab es sie trotzdem noch. Diese historische Erfahrung sollte bei Gipfeltreffen als Tischkärtchen ausliegen.
Die NATO im Mannschaftsbus
Übertragen wir die Weltpolitik versuchsweise in eine Eishockeyhalle.
Die USA diskutieren, ob sie weiterhin mitspielen oder dem Team zunächst die Rechnung für die Kabine schicken. Europa sucht gleichzeitig nach einem eigenen Spielsystem und dem amerikanischen Ersatzschlüssel. Großbritannien versucht, die Mannschaft zusammenzuhalten, ohne beim Kapitän in Ungnade zu fallen.
Russland beschwert sich über die gegnerische Aufstellung. China fragt, warum ein nordatlantischer Verein ständig in Richtung Pazifik schaut. Und irgendwo erklärt ein Funktionär, die Stimmung sei ausgezeichnet, während hinter ihm eine Bank durch die Garderobentür fliegt.
Das ist eine satirische Mannschaftsaufstellung, kein Sitzungsprotokoll. Die Verwechslungsgefahr ist bedauerlich.
Die Sportmetapher hat allerdings eine Grenze: In wirklichen Kriegen sterben Menschen – zum Beispiel im Iran, in Russland und der Ukraine. Zerstörte Wohnungen sind keine verlorenen Auswärtsspiele. Gerade deshalb wäre es ein Fortschritt, wenn Regierungen wenigstens jene Regeln ernst nähmen, die wir jedem Nachwuchsteam zumuten: Grenzen respektieren, Fouls beenden, Konflikte klären.
Für Friedenspolitik braucht es keine Welt ohne Meinungsverschiedenheiten. Es braucht Verfahren, die verhindern, dass aus jeder Meinungsverschiedenheit ein Rüstungsauftrag wird.
Der gefährlichste Gegner braucht aber gar keine Schlittschuhe
Während die Mächtigen über Grenzen, Einflusszonen und Seenamen streiten, droht dem kanadischen Freiluft-Hockey ein Gegner, der sich von keiner Nationalhymne beeindrucken lässt: die Erwärmung.
Gemeint sind zunächst die Eisflächen vor der Haustür. Der Teich. Die Bahn im Hinterhof. Der Ort, an dem Kinder spielen können, ohne dass zuerst jemand eine Halle finanzieren muss.
Eine Studie zum Rideau Canal in Ottawa dokumentierte einen Rückgang der verfügbaren Eislaufzeit zwischen 1972 und 2013 und prognostizierte weitere Verluste. 2023 blieb die berühmte Eisbahn wetterbedingt eine ganze Saison geschlossen. Quellen: Nature Climate Change, National Capital Commission, Jahresbericht
Das heißt laut Hydrology nicht, dass jeder Winter überall gleich verläuft. Eine 2025 veröffentlichte Modellstudie für zwei Standorte in Ontario fand im untersuchten Zeitraum keinen eindeutigen Trend der Betriebsdauer. Wetter, Standort und Modellannahmen machen einen Unterschied.
Auch eine Satire darf genauer sein als ein Wahlkampfplakat.
Nur lässt sich Eis auf Dauer schlecht mit patriotischer Entschlossenheit kühlen. Man kann das Thermometer entlassen, den Wetterdienst beschimpfen und Tauwasser als oppositionelle Kampagne bezeichnen. Gefrieren wird es deshalb nicht.
Die Physik hat leider keine Pressestelle, die nach einem Anruf aus dem Präsidentenbüro ihre Ergebnisse korrigiert.
Ein Friedensangebot mit Puck
Vielleicht sollten wir vor dem nächsten Nordamerika-Gipfel tatsächlich ein Eishockeyspiel ansetzen.
Mit gemischten Mannschaften. Ohne Nationalflaggen auf den Trikots. Und mit einer verbindlichen Regel: Wer die Grenze des Nachbarn verschieben möchte, hilft nachher beim Wiederaufstellen der Bande.
Über Abschreckung, Sicherheit und Verantwortung ließe sich anschließend immer noch streiten. Vielleicht sogar etwas vernünftiger, nachdem alle einmal erlebt haben, wie abhängig sie von einem guten Zusammenspiel sind.
Denn die entscheidende Frage lautet am Ende nicht, wem der See auf der Landkarte gehört. Sondern ob die Kinder an seinen Ufern eine friedliche Zukunft haben – und im Winter noch irgendwo Schlittschuh laufen können.
Trump kann für den Ontariosee einen neuen Namen anordnen. Das jährliche zuverlässliche Eis lässt sich damit nicht zurückbestellen.
Und der gefährlichste Gegner des kanadischen Eishockeys trägt kein Trikot.
Er versenkt immer zuverlässiger mit jedem Zentel-Grad Celsius.
Satirischer Kommentar. Die politischen Spielszenen und zugespitzten Antworten sind erfunden; historische und aktuelle Tatsachen sind mit Quellen verlinkt.
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