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Wie lässt sich Frieden systematisch wahrscheinlicher machen?

Erstellt am 14.10.2026 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 3 mal gelesen und am 14.10.2026 zuletzt geändert.
Illustration von Johan Galtung, Niklas Luhmann, Donella Meadows und John Paul Lederach mit ihren vier Ansätzen für nachhaltigen Frieden.
Vier Perspektiven auf den Frieden: Gewaltursachen erkennen, gesellschaftliche Systeme verstehen, wirksame Veränderungen ermöglichen und Beziehungen aufbauen © Andreas H. Landl.

Vier Köpfe, eine große Frage:

Johan Galtung, Niklas Luhmann, Donella Meadows und John Paul Lederach liefern vier unterschiedliche Antworten auf eine der wichtigsten Fragen der Menschheit:

Warum halten sich Gewalt und Kriege so hartnäckig – und wie können wir die Bedingungen für dauerhaften Frieden und schrittweise globale Abrüstung nachhaltig verbessern?

Die vier können keine gemeinsame Theorie mehr entwickeln, weil nur noch der 71-jährige Lederach lebt (Ihre Ansätze lassen sich jedoch vielleicht fruchtbar zu einem neuen Forschungs- und verbesserten Handlungsmodell verbinden. Dieses Modell könnte helfen, Friedenspolitik nicht nur an ihren guten Absichten zu messen, sondern an ihren tatsächlichen Wirkungen.

1. Vier Perspektiven auf dasselbe Problem

Ein Staat erhöht seine Rüstungsausgaben, weil er sich bedroht fühlt. Sein Nachbar reagiert ebenfalls mit Aufrüstung. Beide investieren immer mehr Geld in ihre Sicherheit. Trotzdem wächst auf beiden Seiten die Angst.

Wie könnte man diesen gefährlichen Kreislauf durchbrechen?

Vier Wissenschaftler würden unterschiedliche Fragen stellen.

Johan Galtung (1930–2024): Wo entsteht Gewalt?

Der norwegische Friedensforscher unterschied zwischen direkter, struktureller und kultureller Gewalt.

Direkte Gewalt zeigt sich beispielsweise in Angriffen, Verletzungen und Tötungen. Strukturelle Gewalt entsteht, wenn gesellschaftliche Verhältnisse Menschen systematisch daran hindern, grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen. Kulturelle Gewalt bezeichnet Vorstellungen und Überzeugungen, die Gewalt rechtfertigen können.

Galtung unterschied außerdem zwischen negativem Frieden – der Abwesenheit direkter Gewalt – und positivem Frieden, der auch gerechtere und friedlichere gesellschaftliche Verhältnisse umfasst.

Seine zentrale Frage lautet: Welche gesellschaftlichen Strukturen und Vorstellungen tragen dazu bei, dass Gewalt immer wieder entsteht?

Grundlage: Galtung, Violence, Peace, and Peace Research (1969). DOI

Niklas Luhmann (1927–1998): Warum lassen sich Gesellschaften so schwer verändern?

Der deutsche Soziologe untersuchte, wie gesellschaftliche Systeme ihre eigenen Abläufe immer wieder hervorbringen.

Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht folgen jeweils unterschiedlichen Regeln der Kommunikation.

Das bedeutet nicht, dass sie voneinander unabhängig wären. Sie können sich gegenseitig beeinflussen, verarbeiten Einflüsse jedoch entsprechend ihrer eigenen Funktionsweise.

Ein Friedensforscher kann nachweisen, dass eine bestimmte Form der Rüstungskontrolle sinnvoll wäre. Daraus folgt noch nicht, dass Regierungen entsprechende Verträge abschließen.

Die politische Entscheidung hängt unter anderem von Sicherheitsinteressen, Machtverhältnissen, rechtlichen Bedingungen und innenpolitischen Auseinandersetzungen ab.

Luhmanns zentrale Erkenntnis für die Friedenspolitik: Gesellschaftliche Systeme können beeinflusst, aber nicht einfach nach einem vorgegebenen Plan gesteuert werden. Wiley Online Library

Donella Meadows (1941–2001): Wo liegen die wirksamsten Hebel?

Die amerikanische Wissenschaftlerin untersuchte, wie komplexe Systeme auf Veränderungen reagieren.

1999 veröffentlichte sie ihre berühmten zwölf Hebelpunkte.

Sie reichen von Zahlen und Grenzwerten über Informationsflüsse bis zu Regeln, Zielen und grundlegenden Denkweisen.

Eine höhere Rüstungsausgabe verändert zunächst eine Zahl. Ein überprüfbarer Abrüstungsvertrag verändert dagegen die Regeln, nach denen Staaten handeln.

Ein gemeinsames Sicherheitsverständnis könnte noch tiefer ansetzen.

Meadows betonte allerdings selbst, dass ihre Rangfolge keine allgemeingültige Gebrauchsanweisung ist.

Ihre wichtigste Frage: Wo können wir eingreifen, damit eine Veränderung nicht nur kurzfristig wirkt, sondern langfristig die Entwicklung des gesamten Systems beeinflusst? The Academy for Systems Change

John Paul Lederach (geb. 1955): Wie entsteht aus einem Konflikt dauerhafter Frieden?

Der amerikanische Friedensforscher beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der praktischen Überwindung langwieriger Gewaltkonflikte.

Seine zentrale Erkenntnis: Friedensverträge allein genügen nicht.

Menschen und gesellschaftliche Gruppen müssen neue Beziehungen aufbauen. Dabei geht es nicht um Harmonie um jeden Preis, sondern darum, Konflikte ohne erneute Gewalt bearbeiten zu können.

Lederach betrachtet Friedensarbeit deshalb als langfristigen Prozess, der politische Führung, gesellschaftliche Einrichtungen und die Bevölkerung miteinander verbindet.

In seinem Buch The Moral Imagination (2005) beschreibt er vier wesentliche Fähigkeiten: Beziehungen aufbauen, Widersprüche neugierig untersuchen, kreativ handeln und notwendige Risiken eingehen.

Seine Leitfrage: Wie schaffen Menschen selbst mitten in einem Konflikt neue Möglichkeiten des Zusammenlebens? John Paul Lederach

2. Das Vier-Perspektiven-Modell für wirksame Friedenspolitik

Die vier Ansätze lassen sich zu einem gemeinsamen Arbeitsmodell verbinden:

WissenschaftlerLeitfrageBeitrag zur Friedenspolitik
GaltungWas verursacht Gewalt?Gewaltursachen und ungerechte Strukturen erkennen
LuhmannWarum bestehen problematische Verhältnisse fort?Eigendynamik und Grenzen politischer Steuerung verstehen
MeadowsWo können Veränderungen besonders wirksam sein?Geeignete Hebelpunkte finden
LederachWie können Menschen Frieden praktisch aufbauen?Beziehungen, Vertrauen und tragfähige Zusammenarbeit entwickeln

Daraus ergibt sich eine vierstufige Vorgehensweise.

1. Gewaltursachen untersuchen – Galtung

Nicht nur feststellen, wer auf wen schießt. Auch politische Unterdrückung, historische Erfahrungen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Ungleichheiten untersuchen.

2. Das System verstehen – Luhmann

Ermitteln, warum bestehende politische, militärische und wirtschaftliche Strukturen fortbestehen.

Welche Entscheidungen werden belohnt? Welche Institutionen blockieren Veränderungen? Wie verarbeiten sie neue Informationen?

3. Wirksame Eingriffspunkte suchen – Meadows

Untersuchen, ob Informationen, Regeln, wirtschaftliche Anreize, institutionelle Strukturen oder politische Ziele verändert werden sollten.

4. Den Frieden gemeinsam aufbauen – Lederach

Die betroffenen Menschen und Institutionen so einbeziehen, dass neue Beziehungen entstehen und Konflikte künftig ohne Gewalt bearbeitet werden können.

Dieses Vier-Perspektiven-Modell ist eine eigene theoretische Verbindung. Es ist weder eine gemeinsame Veröffentlichung der vier Forschenden noch ein bereits empirisch bestätigtes Verfahren.

Sein Nutzen müsste anhand konkreter Friedensprozesse geprüft werden.


3. Ein Beispiel: Wie könnte man ein Wettrüsten durchbrechen?

Stellen wir uns zwei benachbarte Staaten vor, die sich gegenseitig bedrohen.

Beide verfügen über große Streitkräfte. Zwischen ihnen bestehen ungelöste Grenzfragen.

Immer neue Waffenkäufe sollen Sicherheit herstellen, verstärken aber zugleich die Furcht der Gegenseite.

Galtung: Welche Konflikte stecken dahinter?

Zunächst müsste untersucht werden, ob territoriale Streitigkeiten, Diskriminierung, wirtschaftliche Abhängigkeiten oder historische Gewalterfahrungen den Konflikt antreiben.

Daraus ergeben sich mögliche Ansatzpunkte, die über die bloße Zahl militärischer Waffen hinausgehen.

Luhmann: Warum funktioniert die Eskalation immer wieder?

Militärische Organisationen planen anhand möglicher Bedrohungen.

Regierungen müssen innenpolitische Erwartungen berücksichtigen.

Rüstungsunternehmen verfolgen wirtschaftliche Interessen.

Medien können Bedrohungswahrnehmungen verstärken, aber auch kritisch hinterfragen.

Eine Abrüstungsinitiative muss daher berücksichtigen, wie die beteiligten Organisationen auf neue Vorschläge reagieren und weshalb sie bestehende Entscheidungen fortsetzen.

Meadows: Welche Hebel könnten wirken?

Mehrere Maßnahmen wären denkbar.

Ein direkter Kommunikationskanal zwischen den Streitkräften könnte gefährliche Missverständnisse vermindern.

Gegenseitige Inspektionen könnten Informationen verlässlicher machen.

Ein überprüfbares Rüstungskontrollabkommen könnte verbindliche Regeln schaffen.

Eine gemeinsame Institution zur Bearbeitung von Streitfragen könnte die Zusammenarbeit dauerhaft verändern.

Ein politisches Ziel, das die Sicherheit beider Seiten berücksichtigt, könnte die Entwicklung zusätzlich beeinflussen.

Diese Maßnahmen unterscheiden sich in ihren Kosten, Risiken und Voraussetzungen. Keine einzelne garantiert Frieden.

Lederach: Wer muss miteinander sprechen?

Ein Vertrag zwischen zwei Regierungen kann notwendig sein. Aber seine langfristige Tragfähigkeit hängt möglicherweise auch von gesellschaftlichen Beziehungen ab.

Lederach würde deshalb nicht ausschließlich auf die höchsten politischen Führungsebenen setzen.

Sein Ansatz berücksichtigt auch Personen und Gruppen auf mittleren gesellschaftlichen Ebenen – etwa religiöse Führungspersönlichkeiten, Bildungseinrichtungen oder andere einflussreiche Organisationen – sowie die Bevölkerung vor Ort.

Gerade dort können Beziehungen entstehen, die politische Krisen überdauern.

Seine Forschung betont, dass tragfähiger Frieden gesellschaftliche Netzwerke und anpassungsfähige Zusammenarbeit benötigt. OUP Academic

4. Wo widersprechen sich die vier Ansätze?

So überzeugend die Verbindung zunächst erscheint: Die Unterschiede dürfen nicht übersehen werden.

Galtung arbeitet ausdrücklich mit normativen Vorstellungen von Frieden und Gerechtigkeit. Seine Begriffe struktureller und kultureller Gewalt erweitern den Gewaltbegriff erheblich. Das hat neue Forschungsfragen ermöglicht, wird aber auch wegen schwieriger Abgrenzungen kritisiert.

Luhmann entwickelt vor allem eine erklärende Gesellschaftstheorie. Er liefert keine einfache Anleitung, wie eine gerechte Gesellschaft geschaffen werden soll. Seine Theorie legt vielmehr offen, weshalb sich Gesellschaft nicht zentral steuern lässt.

Meadows sucht nach Möglichkeiten bewusster Einflussnahme. Ihre Hebelpunkte sind jedoch keine wissenschaftlich bewiesene Rangfolge und lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle politischen Konflikte übertragen.

Lederach setzt stärker bei Beziehungen und praktischer Friedensarbeit an. Das kann für langfristige Versöhnung entscheidend sein. Allerdings können persönliche Beziehungen allein militärische Machtverhältnisse, diktatorische Herrschaft oder systematische Gewalt nicht beseitigen.

Eine weitere Schwierigkeit betrifft Macht.

Wer bestimmt, welche Veränderungen angestrebt werden? Wer darf die Regeln neu gestalten? Und wer trägt die Risiken, wenn ein Reformversuch scheitert?

Ohne demokratische Kontrolle und die Berücksichtigung von Menschenrechten könnte sogar ein theoretisch gut durchdachter Systemumbau neue Ungerechtigkeiten schaffen.

Deshalb muss das gemeinsame Modell immer auch die Frage beantworten, wer über Veränderungen entscheidet und wie die Betroffenen daran beteiligt werden.


5. Die entscheidende Ergänzung durch Lederach: Beziehungen sind selbst ein Hebel

Hier wird die Verbindung besonders interessant.

Meadows betont die Bedeutung von Informationsflüssen, Regeln und Systemzielen.

Lederach zeigt, wie solche Veränderungen durch menschliche Beziehungen vorbereitet, ermöglicht und langfristig getragen werden können.

Denn Informationen wirken nicht unabhängig davon, wer sie übermittelt.

Eine Warnung kann von einer vertrauten Person ernst genommen und von einem politischen Gegner zurückgewiesen werden.

Dasselbe gilt für neue Vorschläge zur Konfliktlösung.

Ein Abrüstungsabkommen benötigt nicht zwingend persönliches Vertrauen zwischen den politischen Führungspersönlichkeiten. Es benötigt aber Verfahren, die eine überprüfbare Zusammenarbeit auch bei geringem Vertrauen ermöglichen.

Lederachs Ansatz kann darüber hinaus helfen, Beziehungen aufzubauen, aus denen neue gemeinsame Handlungsmöglichkeiten entstehen.

Eine mögliche Synthese lautet daher:

Meadows erklärt, warum veränderte Regeln wirksam sein können. Lederach erklärt, wie gesellschaftliche Beziehungen dazu beitragen können, solche Regeln überhaupt möglich und dauerhaft tragfähig zu machen.

Luhmann erinnert daran, dass auch gute Beziehungen die Eigenlogik politischer und wirtschaftlicher Systeme nicht einfach aufheben.

Und Galtung fordert dazu auf, bei allem institutionellen Fortschritt die Gewaltursachen nicht aus den Augen zu verlieren.


6. Eine neue Arbeitsformel für Friedenspolitik

Aus diesen Überlegungen ergibt sich ein Vorschlag:

Wirksamer Frieden braucht mindestens vier miteinander verbundene Fähigkeiten.

1 Gewalt erkennen. 2 Systeme verstehen. 3 Hebel verändern. 3 Beziehungen aufbauen.

Dabei handelt es sich nicht um vier streng nacheinander abzuarbeitende Schritte. In der Praxis müssen sie häufig gleichzeitig erfolgen und wiederholt überprüft werden.

Ein mögliches Forschungsvorhaben könnte deshalb untersuchen, ob Friedensinitiativen erfolgreicher sind, wenn sie alle vier Perspektiven berücksichtigen.

Dazu ließen sich beispielsweise folgende Ergebnisse messen:

  • Gehen Gewalttaten und Opferzahlen zurück?
  • Werden politische Vereinbarungen eingehalten?
  • Verbessern sich Sicherheit, Grundrechte und gesellschaftliche Teilhabe?
  • Entstehen belastbare Institutionen zur friedlichen Konfliktlösung?
  • Bleiben Verbesserungen auch nach politischen Machtwechseln bestehen?

Erst ein solcher Vergleich mit geeigneten Gegenbeispielen könnte zeigen, ob das gemeinsame Modell gegenüber bisherigen Ansätzen einen zusätzlichen Nutzen bringt.

7. Was bedeutet das für Friedensjournalismus?

Für Friedensnews ergibt sich daraus ein konkreter journalistischer Ansatz.

Ein Bericht über steigende Rüstungsausgaben sollte sich nicht auf die Summe und die Stellungnahmen der beteiligten Regierungen beschränken.

Er könnte zusätzlich vier Fragen beantworten:

Galtung: Welche Gewaltursachen und Sicherheitsprobleme liegen dem Konflikt zugrunde?

Luhmann: Welche politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Mechanismen halten die Entwicklung aufrecht?

Meadows: Welche nachweislich wirksamen oder zumindest plausiblen Veränderungen könnten die Entwicklung beeinflussen?

Lederach: Wer arbeitet bereits an tragfähigen Beziehungen und friedlichen Lösungen, und welche Ergebnisse sind dokumentiert?

Diese Fragen könnten Nachrichten über Kriege, Abrüstung und internationale Politik um eine wichtige Dimension erweitern.

Sie ersetzen weder kritische Recherche noch die Überprüfung politischer Behauptungen. Aber sie richten den Blick auch auf die Bedingungen, unter denen Gewalt verhindert und Frieden dauerhaft gesichert werden kann.

Schluss: Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg

Die vier Wissenschaftler helfen, eine verbreitete Vorstellung zu hinterfragen: Frieden entsteht nicht automatisch, sobald Menschen guten Willens vernünftige Entscheidungen treffen.

Gesellschaften bestehen aus Institutionen, Regeln, Interessen, Erinnerungen und Beziehungen. Diese können Gewalt begünstigen oder ihre Überwindung erleichtern.

Wer dauerhaften Frieden schaffen will, muss deshalb an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen.

Galtung hilft, die Ursachen von Gewalt zu erkennen. Luhmann erklärt, weshalb bestehende Systeme so widerstandsfähig sind. Meadows zeigt mögliche Hebelpunkte. Lederach macht deutlich, wie Menschen auch in schwierigen Konflikten neue Beziehungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit entwickeln können.

Die vielleicht wichtigste gemeinsame Erkenntnis: Frieden ist nicht nur ein Zustand, den wir erreichen wollen. Er ist auch das Ergebnis gesellschaftlicher Bedingungen, die wir untersuchen, verändern und dauerhaft verbessern können.

Das macht Frieden nicht einfach. Aber es macht Friedenspolitik überprüfbarer.


Quellen für den Vergleich

Die wichtigsten Originalarbeiten und wissenschaftlichen Grundlagen:

Johan Galtung: Violence, Peace, and Peace Research (1969).
Journal of Peace Research

Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie (1984).
Ergänzend: Vanderstraeten, Rewriting Theory: From Autopoiesis to Communication (2012)

Donella Meadows: Leverage Points: Places to Intervene in a System (1999).
Originaltext

John Paul Lederach: Building Peace: Sustainable Reconciliation in Divided Societies (1997).

John Paul Lederach: The Moral Imagination: The Art and Soul of Building Peace (2005).
Oxford University Press

John Paul Lederach: New to Peacebuilding?



Systemische Friedensforschung

Schlagwörter zum Kopieren:
Johan Galtung, Niklas Luhmann, Donella Meadows, John Paul Lederach, Friedensforschung, Systemdenken, Systemwandel, Friedenspolitik, Gewaltprävention, Friedensaufbau, Positive Peace, Konflikttransformation

Manueller Excerpt:
Warum bleiben Kriege und Gewalt bestehen, obwohl wir ihre Folgen kennen? Johan Galtung, Niklas Luhmann, Donella Meadows und John Paul Lederach liefern unterschiedliche Antworten. Ihre Ansätze lassen sich zu einem neuen Modell verbinden: Gewaltursachen erkennen, gesellschaftliche Systeme verstehen, wirksame Veränderungen ermöglichen und tragfähige Friedensbeziehungen aufbauen.

Tipp

dieser Text ist eine eigenständiger Folgeartikel über Donella Meadows hinaus verwenden. Der ursprüngliche Artikel erklärt D. Meadows zwölf Systemhebel.
Dieser Beitrag entwickelt daraus einen weiterführenden Ansatz für systemische Friedensforschung.

Sein eigenständiger Beitrag ist die Verbindung von vier wichtigen Theorien. Es sollte ausdrücklich stehen bleiben, dass es sich um einen theoretischen Vorschlag handelt, dessen zusätzliche Wirksamkeit erst wissenschaftlich untersucht werden müsste.

Die zentrale Forschungsfragen einer praxisrelevanten Friedensforschung lauten:

  • Welche Kombination aus dem Abbau von Gewaltursachen, institutionellen Veränderungen, wirksamen Systemhebeln und tragfähigen Beziehungen kann Frieden und schrittweise globale Abrüstung heute wieder nachweislich wahrscheinlicher machen?
  • Warum halten sich Kriege so hartnäckig – und wer hat die überzeugendsten Antworten gefunden?

Von Johan Galtung bis Elinor Ostrom: Was uns 70 Jahre Friedensforschung über den Weg zu einer friedlicheren Welt lehren

Die wichtigste Erkenntnis: Es gibt keine einzelne Theorie, die Kriege ausreichend erklärt und zugleich einen verlässlichen Weg zum Weltfrieden liefert. Aber verschiedene Forschungsrichtungen haben wesentliche Teile des Problems aufgeklärt. Besonders interessant wird es, wenn wir ihre Erkenntnisse miteinander verbinden.

Für diese kompelexe Frage müssen wir drei Probleme unterscheiden:

  1. Kriegsursachen: Warum beginnen Kriege, obwohl sie meist gewaltige Kosten verursachen?
  2. Friedensfähigkeit: Warum halten sich Gewalt, Misstrauen und Aufrüstung selbst dann, wenn alle Beteiligten von Zusammenarbeit profitieren könnten?
  3. Systemveränderung: Wie schaffen wir internationale Regeln und Institutionen, die Frieden wahrscheinlicher machen und eine schrittweise, überprüfbare Abrüstung ermöglichen?

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Eine Theorie, die hervorragend erklärt, warum Kriege beginnen, muss noch keine brauchbare Anleitung zur Abrüstung liefern.

1. Die wichtigsten Beiträge im Vergleich

Forscherin/ForscherZentrale ErkenntnisBedeutung für dauerhaften Frieden
Johan Galtung (1930–2024)Gewalt entsteht nicht nur durch Waffen, sondern auch durch gesellschaftliche Strukturen und ihre Rechtfertigung.Gewaltursachen erkennen und positiven Frieden entwickeln.
Robert Jervis (1940–2021)Selbst defensive Aufrüstung kann beim Gegner Angst auslösen und neue Aufrüstung bewirken.Sicherheitsdilemmata verstehen und gegenseitige Bedrohungen vermindern.
James Fearon (geb. 1963)Kriege können entstehen, weil Informationen fehlen, Staaten täuschen oder glaubwürdige Zusagen unmöglich erscheinen.Verhandlungen verbessern durch Transparenz, Kontrollen und glaubwürdige Verpflichtungen.
John Paul Lederach (geb. 1955)Ein Friedensvertrag beendet nicht automatisch die gesellschaftlichen Konflikte.Beziehungen, Vertrauen und Fähigkeiten zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung aufbauen.
Donella Meadows (1941–2001)Veränderungen wirken unterschiedlich stark, je nachdem, ob sie Zahlen, Regeln, Ziele oder Denkweisen betreffen.12 Bedingungen verändern, die Aufrüstung und Gewalt immer wieder hervorbringen.
Niklas Luhmann (1927–1998)Gesellschaftliche Systeme folgen eigenen Kommunikationsweisen und lassen sich nur begrenzt steuern.Verstehen, warum Reformen trotz guter Absichten scheitern können.
Elinor Ostrom (1933–2012)Menschen können unter bestimmten Bedingungen dauerhafte Regeln zur gemeinsamen Bewirtschaftung von Ressourcen schaffen.Institutionen für Zusammenarbeit, Kontrolle und gegenseitige Verpflichtungen gestalten.
Robert Axelrod (geb. 1943)Wiederholte Zusammenarbeit kann selbst ohne übergeordnete Macht entstehen.Gegenseitigkeit, Verlässlichkeit und die Vorteile langfristiger Kooperation nutzen.
Gene Sharp (1928–2018)Politische Macht hängt von gesellschaftlicher Mitwirkung ab; diese kann auch gewaltfrei entzogen werden.Möglichkeiten gewaltfreien Widerstands gegen Unterdrückung untersuchen.
Bertha von Suttner (1843–1914) und Alfred H. Fried (1864–1921)Dauerhafter Frieden verlangt internationale Rechtsordnung, organisierte Zusammenarbeit und veränderte öffentliche Einstellungen.Frieden global institutionell und gesellschaftlich wirksam verankern.

Diese Ansätze beantworten unterschiedliche Fragen. Manche liefern grundlegende Theorien, andere praktische Verfahren oder historische Programme.


2. Warum Kriege trotz ihrer enormen Kosten entstehen

Hier ist James Fearons Forschung besonders aufschlussreich.

Sein 1995 veröffentlichter Aufsatz Rationalist Explanations for War beschäftigt sich mit einem scheinbaren Widerspruch:

Wenn Kriege enorme Kosten verursachen, weshalb können Staaten nicht stattdessen eine Verhandlungslösung finden, die beiden Seiten besser gefällt?

Fearon untersuchte insbesondere drei Hindernisse.

Erstens: Fehlende oder manipulierte Informationen. Staaten kennen die tatsächliche militärische Stärke, Entschlossenheit oder Schmerzgrenze ihres Gegners nicht genau. Manchmal haben sie sogar ein Interesse daran, ihre Fähigkeiten zu übertreiben oder zu verbergen.

Zweitens: Fehlende glaubwürdige Verpflichtungen. Selbst wenn sich zwei Staaten heute einigen, kann einer befürchten, dass der andere morgen stärker wird und den Vertrag bricht.

Drittens: Unteilbare Streitgegenstände. Manche Konfliktparteien betrachten bestimmte Gebiete, Rechte oder Symbole als nicht verhandelbar. Fearon weist allerdings darauf hin, dass tatsächliche Unteilbarkeit theoretisch oft schwieriger zu begründen ist, als politische Aussagen vermuten lassen.

Damit erklärt die Theorie, warum selbst Akteure, die die Kriegskosten berücksichtigen, unter bestimmten Bedingungen dennoch zu Gewalt greifen können.

Quelle: James Fearon, Rationalist Explanations for War, 1995. Cambridge University Press

Robert Jervis: Die Tragödie des Sicherheitsdilemmas

Jervis erklärte 1978 ein zweites Grundproblem.

Ein Staat verstärkt seine Verteidigung, weil er sich bedroht fühlt. Sein Nachbar interpretiert die neuen Waffen als mögliche Angriffsvorbereitung.

Also rüstet auch er auf.

Beide Staaten können dadurch trotz defensiver Absichten unsicherer werden.

Das bezeichnet man als Sicherheitsdilemma.

Allerdings gilt diese Erklärung nicht für jeden Krieg. Staaten können auch bewusst auf Eroberung, Unterwerfung oder politische Erpressung setzen.

Die Unterscheidung zwischen einem echten Sicherheitsdilemma und gezielter Aggression ist daher für die Friedenspolitik entscheidend.

Jervis zeigte außerdem, dass Zusammenarbeit unter anderem dadurch erleichtert werden kann, dass defensive und offensive militärische Fähigkeiten besser unterscheidbar werden.

Quelle: Robert Jervis, Cooperation Under the Security Dilemma, 1978. Cambridge University Press

Folgerung: Friedenspolitik muss sowohl „unbeabsichtigte Eskalationen“ verhindern als auch „glaubwürdige Schutzmechanismen“ gegen absichtliche Gewalt schaffen.


3. Von der Erklärung zur Lösung: Was die weiteren Denker beitragen

Elinor Ostrom: Wie Zusammenarbeit dauerhaft organisiert werden kann

Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom untersuchte, wie Menschen gemeinsame Ressourcen verwalten können, ohne dass zwangsläufig eine zentrale Regierung sämtliche Entscheidungen vorgibt.

Ihre Forschung zeigte, unter welchen Bedingungen gemeinschaftlich entwickelte Regeln langfristig funktionieren können.

Zu diesen Bedingungen gehören

  • klare Zuständigkeiten
  • die Beteiligung der Betroffenen
  • glaubwürdige Kontrollen
  • abgestufte Sanktionen und
  • kostengünstige Verfahren zur Streitbeilegung.

Die Bedeutung für Abrüstung:

=> Internationale Zusammenarbeit braucht mehr als wohlklingende Verträge. Sie benötigt Institutionen, in denen Regeln überprüfbar sind, Verstöße Folgen haben und Konflikte bearbeitet werden können.

Ostrom untersuchte vor allem gemeinschaftlich genutzte Ressourcen. Die Übertragung ihrer Ergebnisse auf militärische Großmächte ist deshalb eine begründete Hypothese, kein bereits nachgewiesenes Abrüstungsmodell – wäre aber wahrscheinlich eine lohnende Friedensforschungsfrage.

Quelle: Elinor Ostrom, Nobelvorlesung 2009. Nobel Prize

Robert Axelrod: Wie aus Gegnerschaft Zusammenarbeit entstehen kann?

Axelrod untersuchte mithilfe von Computersimulationen, unter welchen Bedingungen wiederholte Zusammenarbeit entsteht.

Seine Forschung zeigt, dass Kooperation selbst unter Akteuren möglich ist, die zunächst vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen.

Eine wichtige Voraussetzung ist, dass sich die Beteiligten wiederholt begegnen und kooperatives oder unkooperatives Verhalten Auswirkungen auf künftige Entscheidungen hat.

Seine bekannten Simulationen zum Gefangenendilemma machten die Bedeutung von Gegenseitigkeit deutlich.

Für die internationale Sicherheit ergibt sich daraus eine interessante Frage:
Wie können wir Staaten insbesondere Veto-Mächten im UN-Sicherheitsrat wiederholte, überprüfbare Gelegenheiten zur Zusammenarbeit bieten, bei denen verlässliches Verhalten Vorteile bringt?

Axelrods Modelle erklären wichtige Mechanismen, bilden die politische Wirklichkeit aber nur vereinfacht ab.

Quelle: Robert Axelrod, The Evolution of Cooperation (1984). websites.umich.edu

Erica Chenoweth und Maria Stephan: Was gewaltfreier Widerstand erreichen kann

Chenoweth und Stephan untersuchten historische Kampagnen gegen Regierungen oder fremde Herrschaft.

Ihre viel beachtete Untersuchung Why Civil Resistance Works (2011) ergab, dass gewaltfreie Massenbewegungen im untersuchten Zeitraum häufiger ihre erklärten politischen Hauptziele erreichten als bewaffnete Kampagnen.

Ein wichtiger Mechanismus: Gewaltfreie Bewegungen können die Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten erleichtern und dadurch politische Machtverhältnisse verändern.

Allerdings sind die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf jede Situation übertragbar. Zudem haben sich die Erfolgsbedingungen gewaltfreier Bewegungen verändert.

Die Forschenden haben ihre ursprüngliche Datenanalyse mehrfach überprüft;
2026 wurden weitere Korrekturen veröffentlicht!

Für die Friedenspolitik ist das relevant, weil es zeigt, dass gesellschaftliche Macht nicht ausschließlich aus militärischen Fähigkeiten entsteht.
ericachenoweth.com

Alfred Hermann Fried: Frieden als organisierte Entwicklung

Ein besonders interessanter historischer Beitrag stammt vom Friedensjournalisten aus Wien.

Alfred Hermann Fried argumentierte bereits vor dem Ersten Weltkrieg, dass dauerhafter Frieden mehr verlangt als moralische Appelle gegen Krieg.

Er setzte sich für internationale Organisation, Völkerrecht, wirtschaftliche Verflechtung und institutionelle Zusammenarbeit ein.

Gemeinsam mit Bertha von Suttner unterstützte er die internationale Friedensbewegung und entwickelte einen Journalismus, der Frieden nicht nur als Wunsch, sondern als Gegenstand politischer Gestaltung behandelte.

Seine Überlegungen zur Organisation internationaler Beziehungen sind ein bedeutender historischer Vorläufer späterer Ansätze institutioneller Friedenspolitik.

Das Nobelkomitee zeichnete Fried 1911 mit dem Friedensnobelpreis aus. Nobel Prize


4. Was wir aus diesen Erkenntnissen praktisch ableiten können

Die Forschungen legen mehrere miteinander verbundene Arbeitsfelder nahe.

ProblemWissenschaftlicher AnsatzMögliche praktische Maßnahme
Staaten misstrauen einanderJervis, FearonTransparenz, Krisenkommunikation und überprüfbare Vereinbarungen
Verträge werden gebrochenFearon, OstromKontrollrechte, glaubwürdige Schutzmechanismen und Streitbeilegung
Aufrüstung verstärkt AufrüstungJervis, MeadowsRüstungskontrolle, vertrauensbildende Maßnahmen und veränderte Sicherheitsregeln
Gewalt hat gesellschaftliche UrsachenGaltungRechte schützen, Benachteiligung verringern und politische Teilhabe verbessern
Friedensverträge bleiben instabil ohne gute langfristige BeziehungenLederachGesellschaftliche Beziehungen und langfristige Konfliktbearbeitung stärken
Reformen scheitern an InstitutionenLuhmannAnreize, Zuständigkeiten und Entscheidungsverfahren untersuchen
Zusammenarbeit kommt nicht zustandeAxelrod, OstromWiederholte Kooperation und verlässliche Institutionen ermöglichen
Friedenspolitik verändert oft nur EinzelmaßnahmenMeadowsZiele, Regeln und Rückkopplungen des gesamten Systems untersuchen
Gewaltfreie Veränderungen werden unterschätztChenoweth, StephanMöglichkeiten und Grenzen gewaltfreier gesellschaftlicher Mobilisierung prüfen
Friedensarbeit bleibt bei Appellen stehenFried, von SuttnerDauerhafte internationale Rechts- und Kooperationsstrukturen entwickeln

Wichtig: Diese Tabelle beschreibt mögliche Folgerungen aus den Theorien. Sie ist keine Rangliste empirisch bestätigter Maßnahmen.

5. Was die Geschichte über erfolgreiche Abrüstung lehrt

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht, weshalb internationale Institutionen so bedeutsam sein können.

Am 7. Juli 2023 bestätigte die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), dass sämtliche von den Vertragsstaaten gemeldeten Chemiewaffenbestände vernichtet worden waren.

Seit Inkrafttreten des Chemiewaffenübereinkommens 1997 wurden mehr als 72.300 Tonnen deklarierter chemischer Kampfstoffe unter internationaler Kontrolle zerstört.

Das ist ein messbarer Abrüstungserfolg. Er bedeutet allerdings nicht, dass chemische Waffen weltweit vollständig verschwunden sind oder künftig nicht mehr eingesetzt werden können. OPCW

Der Erfolg veranschaulicht mehrere Mechanismen:

  • Ein gemeinsam beschlossenes Ziel wurde in verbindliche Regeln übersetzt.
  • Staaten schufen eine internationale Organisation mit Kontrollbefugnissen.
  • Die Vernichtung wurde systematisch dokumentiert und überprüft.
  • Die Zusammenarbeit wurde über Jahrzehnte aufrechterhalten.

Diese Mechanismen lassen sich mit den Überlegungen von Fearon, Ostrom, Meadows und Alfred Hermann Fried verbinden. Dass diese Theorien den Erfolg vollständig erklären, wäre jedoch eine zu weitgehende Behauptung.

Gerade für Atomwaffen ist die Übertragung schwierig. Ihre Bedeutung für Abschreckungsstrategien, die Interessen der Atommächte und die Anforderungen an überprüfbare Abrüstung schaffen zusätzliche Hindernisse.

Das UN-Institut für Abrüstungsforschung (UNIDIR) untersucht deshalb unter anderem, wie verlässliche Verfahren zur Kontrolle nuklearer Abrüstung entwickelt werden können. UNIDIR → Building a more secure world.


6. Was für eine schrittweise globale Abrüstung noch fehlt

Die größte Schwierigkeit ist nicht der Mangel an Friedensideen. Es ist die Verbindung von drei Bedingungen:

Sicherheit: Kein Staat soll durch einen Abrüstungsschritt einem unzumutbaren zusätzlichen Angriffsrisiko ausgesetzt werden.

Verlässlichkeit: Vereinbarungen müssen überprüfbar sein und Verstöße glaubwürdige Konsequenzen haben.

Dauerhaftigkeit: Zusammenarbeit muss auch unter veränderten politischen Führungen, wirtschaftlichen Krisen und internationalen Machtverschiebungen funktionieren.

Wie dringend neue Ansätze sind, zeigen die globalen Rüstungsausgaben.

Nach SIPRI stiegen die weltweiten Militärausgaben 2025 auf rund 2.887 Milliarden US-Dollar. Das war der elfte jährliche Anstieg in Folge. Seit 2016 hatten sich die Ausgaben real um 41 Prozent erhöht. DOI

Allerdings beweisen diese Zahlen allein nicht, dass die Welt durch jeden zusätzlichen Rüstungsdollar unsicherer wurde. Dazu müssten Bedrohungslagen, Verteidigungsfähigkeit und Eskalationsrisiken untersucht werden.

Ein mögliches Modell: Abrüstung in überprüfbaren Schritten

Aus den untersuchten Forschungsansätzen lässt sich ein sechsstufiges Modell entwickeln:

SchrittZielBeispiel einer überprüfbaren Maßnahme
1. Gewalt- und BedrohungsanalyseTatsächliche Gefahren und Konfliktursachen erkennenGemeinsame Untersuchungen mit unabhängiger Beteiligung
2. Eskalation begrenzenUnbeabsichtigte Kriege verhindernKrisenkommunikation, Vorankündigung von Manövern
3. Transparenz schaffenUnsicherheit über militärische Fähigkeiten verringernGegenseitige Meldungen und vereinbarte Inspektionen
4. Rüstung kontrollierenBesonders gefährliche Entwicklungen begrenzenÜberprüfbare Obergrenzen oder Beschränkungen bestimmter Waffensysteme
5. Kontrollierte AbrüstungMilitärische Fähigkeiten schrittweise reduzierenGegenseitige oder international überwachte Reduktionen
6. Friedensordnung festigenErneute Aufrüstung weniger wahrscheinlich machenInstitutionen zur Streitbeilegung und dauerhaften Sicherheitskooperation

Dieses Modell sollte nicht als starre Reihenfolge verstanden werden. Diplomatie, gesellschaftliche Friedensarbeit und institutionelle Reformen müssen teilweise gleichzeitig stattfinden.

Entscheidend wäre ein Kontrollverfahren: Vor jedem neuen Schritt wird geprüft, ob die bisherigen Vereinbarungen eingehalten wurden, ob sich Sicherheitsrisiken verändert haben und welche unbeabsichtigten Folgen aufgetreten sind.

Ein solcher Ansatz kann freiwillige Zusammenarbeit mit glaubwürdiger Abschreckung und Schutzmaßnahmen verbinden. Er setzt nicht voraus, dass alle Beteiligten von Anfang an friedliche Absichten verfolgen.

7. Sieben offene Forschungsfragen

Trotz jahrzehntelanger Friedensforschung fehlen belastbare Antworten auf einige entscheidende Fragen.

  1. Wie können Staaten schrittweise abrüsten, ohne befürchten zu müssen, dass andere ihre Zurückhaltung ausnutzen?
  2. Welche Arten internationaler Kontrollen schaffen Vertrauen, ohne sicherheitsrelevante Geheimnisse unangemessen offenzulegen?
  3. Unter welchen Bedingungen können wirtschaftliche Anreize und Vertragsregeln Konfliktrisiken tatsächlich senken?
  4. Wie lassen sich Institutionen so gestalten, dass politische Machtwechsel abgeschlossene Friedensvereinbarungen nicht ständig gefährden?
  5. Welche Verbindung zwischen demokratischer Teilhabe, sozialer Gerechtigkeit und Frieden ist unter welchen Bedingungen empirisch nachweisbar?
  6. Wie können regionale Sicherheitsordnungen zu globaler Abrüstung beitragen, ohne neue Machtblöcke und Bedrohungen zu schaffen?
  7. Wie lässt sich messen, ob eine Friedensmaßnahme tatsächlich wirksam ist – und nicht bloß mit einer günstigen Entwicklung zusammenfällt?

Gerade die letzte Frage ist für eine wissenschaftlich fundierte Friedenspolitik unverzichtbar.

8. Fazit: Von großen Friedenstheorien zu überprüfbaren Friedensfortschritten

Die untersuchten Forscherinnen und Forscher liefern keine gemeinsame Antwort. Sie beleuchten unterschiedliche Teile eines Problems, das weder allein militärisch noch allein wirtschaftlich oder gesellschaftlich lösbar ist.

Fearon und Jervis erklären zentrale Mechanismen, die Kriege und Wettrüsten trotz ihrer Kosten möglich machen.

Galtung erweitert den Blick auf gesellschaftliche Gewaltursachen. Lederach untersucht, wie Menschen nach langen Konflikten tragfähige Beziehungen aufbauen können.

Ostrom und Axelrod zeigen Bedingungen, unter denen Zusammenarbeit und gemeinsame Regeln funktionieren können.

Luhmann macht deutlich, weshalb gesellschaftliche Systeme auf Reformversuche nicht einfach wie geplant reagieren.

Meadows lenkt die Aufmerksamkeit auf die Frage, welche Veränderungen eines Systems besonders folgenreich sein könnten.

Und Alfred Hermann Fried erinnert daran, dass internationale Organisation, Völkerrecht und Friedensjournalismus bereits vor mehr als einem Jahrhundert als zusammengehörige Aufgaben verstanden wurden.

Meine daraus abgeleitete Position für Forschungs lautet:

Die internationale Friedenspolitik könnte davon profitieren, diese Erkenntnisse systematisch zu verbinden und konkrete Abrüstungsmaßnahmen anhand ihrer nachweisbaren Wirkungen zu beurteilen.

Dazu gehört, nicht nur die Zahl vernichteter Waffen zu messen, sondern auch Sicherheitsrisiken, Regelbefolgung, Vertrauen, institutionelle Stabilität und die Wahrscheinlichkeit erneuter Gewalt.

Die Leitfrage für ein solches Forschungsprogramm wäre:

Wie können wir die internationalen Regeln, Sicherheitsbeziehungen und wirtschaftlichen Anreize so verändern, dass friedliche Zusammenarbeit für möglichst viele Beteiligte verlässlicher und vorteilhafter wird als Aufrüstung und Krieg – ohne den Schutz vor Aggression zu schwächen?

Das wäre eine Weiterentwicklung der historischen Friedensidee Alfred Hermann Frieds mit den Mitteln moderner System-, Konflikt- und Sicherheitsforschung.

Und zugleich eine überprüfbare Arbeitsgrundlage für Friedensjournalismus: nicht nur berichten, wo Frieden scheitert, sondern systematisch untersuchen, unter welchen Bedingungen er nachweislich gelingt.

 

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