Erste Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom: Wie Frieden durch Zusammenarbeit entsteht

Elinor Ostrom erforschte Zusammenarbeit und die optimale kooperative Bereitstellung von Gemeingütern wie Wasser, etc. Frieden ist ein Gemeingut, ein öffentliches Gut das durch Märkte nicht hinreichend bereitgestellt wird
Wie könnte mehr nachhaltiger Frieden und auf Basis strittweiser globaler Abrüstung durch verbesserte Zusammenarbeit entstehen, wenn wir Ostroms Erkenntnisse dafür nutzen.
Elinor Ostrom (1933–2012), Wirtschaftsnobelpreisträgerin 2009, lieferte eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für die Frage, wie Menschen dauerhaft friedlich zusammenarbeiten können – auch ohne eine übergeordnete Macht, die alles kontrolliert oder aufgrund Veto-Prinzip im Sicherheitsrats immer mehr global versagt.
Ihre zentrale Erkenntnis lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen:
Menschen sind nicht zwangsläufig dazu verdammt, um knappe Ressourcen zu kämpfen.
Sie können gemeinsame Regeln entwickeln, die Zusammenarbeit ermöglichen, Konflikte lösen und gegenseitiges Vertrauen stärken.
Ostrom untersuchte jahrzehntelang, weshalb manche Gemeinschaften gemeinsame Ressourcen wie Wasser, Wälder oder Fischbestände erfolgreich bewirtschaften, während andere daran scheitern.
Ihre Erkenntnisse beruhen auf zahlreichen Fallstudien und Experimenten.
Mehr siehe: PubMed Central (PMC)
1. Acht Prinzipien für dauerhafte Zusammenarbeit
In ihrem Hauptwerk Governing the Commons (1990) entwickelte Ostrom acht Gestaltungsprinzipien für erfolgreiche gemeinschaftliche Selbstverwaltung.
| Prinzip | Bedeutung für den Frieden |
|---|---|
| 1. Klare Regeln | Alle wissen, welche Rechte und Pflichten gelten. |
| 2. Gerechtigkeit | Kosten und Nutzen werden angemessen verteilt. |
| 3. Mitbestimmung | Betroffene können Regeln mitgestalten. |
| 4. Kontrolle | Die Einhaltung gemeinsamer Vereinbarungen wird überprüft. |
| 5. Abgestufte Sanktionen | Regelverletzungen haben angemessene Folgen. |
| 6. Konfliktlösung | Streitigkeiten können rasch, fair und kostengünstig gelöst werden. |
| 7. Selbstbestimmung | Gemeinschaften dürfen eigene Regeln entwickeln. |
| 8. Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen | Lokale, regionale und überregionale Einrichtungen arbeiten zusammen. |
Diese Prinzipien wurden empirisch untersucht und später auch auf andere Formen der Zusammenarbeit übertragen.
Mehr siehe: ScienceDirect
2. Was bedeutet das für Krieg und Frieden?
Ostrom entwickelte keine umfassende Theorie zur Verhinderung internationaler Kriege. Ihre Forschung bietet jedoch Ansatzpunkte für die Friedenspolitik.
Beispiel: Zwei Nachbarstaaten streiten um einen Fluss oder ein Gebiet.
Eine rein machtpolitische Strategie könnte darin bestehen, militärisch Druck auszuüben. Was dabei herauskommt sehen wir derzeit im Nahen Osten und in Europa.
Eine an Ostrom orientierte Strategie wäre:
- Beide Länder vereinbaren gemeinsame Regeln zur Wassernutzung oder der Ressourcen der Region.
- Sie schaffen eine gemeinsame Kontrollstelle.
- Beide Bevölkerungen werden angemessen beteiligt.
- Eine unabhängige Einrichtung schlichtet Streitigkeiten.
- Regelverletzungen werden nachvollziehbar geahndet.
- Erfolge schaffen Anreize für weitere Zusammenarbeit.
Das Ergebnis kann eine stabile Zusammenarbeit sein, bei der beide Seiten mehr gewinnen, als sie durch einen bewaffneten oder lähmenden Konflikt erreichen könnten.
Der entscheidende Gedanke lautet:
Frieden braucht nicht nur gute Absichten, sondern funktionierende Einrichtungen, die Zusammenarbeit langfristig lohnend machen.
3. Ostrom und die globale Abrüstung
Ihre Prinzipien lassen sich gedanklich auch auf die Abrüstung übertragen.
| Problem | Ansatz nach Ostrom |
|---|---|
| Staaten misstrauen einander. | Gemeinsame Kontrolle und überprüfbare Verpflichtungen |
| Niemand will zuerst abrüsten. | Gegenseitige, schrittweise Abrüstung |
| Staaten fürchten Nachteile. | Faire Verteilung von Pflichten und Sicherheitsgewinnen – zum Beispiel durch Systemisches Konsensieren |
| Verträge werden verletzt. | Vereinbarte Überprüfung und angemessene Konsequenzen |
| Weltweite Einigungen scheitern. | Zusammenarbeit zunächst auch auf regionaler Ebene |
| Internationale Organisationen erscheinen zu mächtig oder zu schwach. | Aufgaben auf geeignete Ebenen verteilen |
Wichtig: Dies ist eine Anwendung von Ostroms Forschung auf die Friedenspolitik, keine von ihr selbst nachgewiesene Abrüstungsstrategie. Zwischen einer lokalen Wassergemeinschaft und rivalisierenden Atommächten bestehen erhebliche Unterschiede.
Insbesondere braucht internationale Abrüstung zusätzliche Antworten auf Machtungleichgewichte, militärische Bedrohungen und die Gefahr schwerwiegender Vertragsverletzungen.
4. Ostrom im Vergleich mit Galtung, Lederach, Meadows und Luhmann
Diese fünf Denkansätze ergänzen sich in wichtigen Punkten.
| Wissenschaftler | Zentrale Frage | Beitrag zur Friedensforschung |
|---|---|---|
| Johan Galtung | Welche Gewalt steckt in gesellschaftlichen Strukturen? | Direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt erkennen und überwinden |
| John Paul Lederach | Wie entsteht Frieden zwischen verfeindeten Gemeinschaften? | Beziehungen aufbauen und Konflikte langfristig verändern |
| Donella Meadows | Wo lassen sich gesellschaftliche Systeme wirksam verändern? | Hebelpunkte für grundlegende Veränderungen erkennen |
| Niklas Luhmann | Wie funktionieren und verändern sich gesellschaftliche Systeme? | Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen von Selbstorganisierenden Systemen in der Gesellschaft verstehen |
| Elinor Ostrom | Unter welchen Bedingungen funktioniert dauerhafte Zusammenarbeit? | Gemeinsame Regeln und Einrichtungen empirisch untersuchen |
Hier liegt eine interessante Verbindung:
- Galtung hilft zu erkennen, was verändert werden muss?
- Lederach erklärt, wie Beziehungen verändert werden können?
- Meadows zeigt, wo Veränderungen besonders wirksam sein können?
- Luhmann hilft zu verstehen, warum gesellschaftliche Systeme Veränderungen aufnehmen oder abwehren?
- Ostrom liefert Hinweise, wie dauerhafte Zusammenarbeit organisiert werden kann?
Diese Zusammenführung ist eine eigene Synthese, keine gemeinsame Theorie der fünf Forschenden.
5. Was Ostrom besonders interessant macht
Ostrom widersprach einer verbreiteten Annahme, nach der Menschen gemeinsame Ressourcen zwangsläufig übernutzen, wenn
- weder ein starker Staat
- noch privates Eigentum dies verhindert.
- Sie zeigte, dass es eine weitere Möglichkeit gibt:
gut organisierte Selbstverwaltung und Zusammenarbeit.
Das ist auch für die aktuell eher wenig hilfreich wirkende Friedensforschung vielleicht bedeutsam.
Wenn Menschen unter bestimmten Bedingungen dauerhaft zusammenarbeiten können, obwohl sie unterschiedliche Interessen verfolgen, eröffnet dies Perspektiven jenseits der Vorstellung, dass Sicherheit ausschließlich durch militärische Überlegenheit entsteht.
Allerdings ist friedliche Kooperation keine automatische Folge gemeinsamer Interessen. Sie muss institutionell abgesichert werden.
Die Grenzen ihres Ansatzes
Ostroms Forschung erklärt nicht ausreichend, warum mächtige Akteure gelegentlich lieber andere unterwerfen, als mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Sie beantwortet insbesondere nicht vollständig:
- Wie verhindert man die gewaltsame Eroberung fremder Gebiete?
- Wie schützt man Schwächere vor einem militärisch überlegenen Gegner?
- Wie verhindert man, dass eine mächtige Regierung internationale Vereinbarungen missachtet?
Hier müssen ihre Erkenntnisse mit Völkerrecht, Friedensforschung, demokratischer Kontrolle und Sicherheitspolitik verbunden werden.
6. Drei wichtige Originalquellen
Elinor Ostrom (1990): Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press.
Elinor Ostrom (2009): Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems. Nobelpreisvorlesung.
Elinor Ostrom (1999): Coping with Tragedies of the Commons. Annual Review of Political Science.
Wissenschaftlicher Originalartikel
Fazit: Ostroms Beitrag zu einer Wissenschaft des Friedens
Aus Ostroms Erkenntnissen lässt sich eine wichtige friedenspolitische Hypothese entwickeln:
Dauerhafter Frieden entsteht nicht allein durch die Abwesenheit von Gewalt, sondern auch durch faire, überprüfbare und gemeinsam gestaltete Regeln, die Zusammenarbeit stabilisieren und Konflikte gewaltfrei lösbar machen.
Das wäre besonders interessant für eine Theorie der schrittweisen globalen Abrüstung.
Denn die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur:
Wie überzeugen wir Staaten davon, weniger Waffen zu besitzen?
Sondern:
Genau an dieser Stelle könnten Ostroms Erkenntnisse mit Galtungs Friedensforschung, Lederachs Konflikttransformation und Meadows‘ Systemhebeln verbunden werden.
1. Bedeutende heute lebende Friedensforscherinnen und Friedensforscher
Stand: 15. Oktober 2026. Die folgende Auswahl ist keine Rangliste. Sie umfasst international bekannte Forschende unterschiedlicher wissenschaftlicher Richtungen.
| Person | Forschungsgebiet | Wichtigste Erkenntnis für den Frieden |
| John Paul Lederach (1955, USA) | Konflikttransformation, Versöhnung | Dauerhafter Frieden entsteht durch veränderte Beziehungen, nicht allein durch Verträge. |
| Erica Chenoweth (USA) | Gewaltfreier Widerstand | Organisierte gewaltfreie Bewegungen können politische Veränderungen bewirken. |
| Mary Kaldor (1946, Großbritannien) | Neue Kriege, menschliche Sicherheit | Sicherheit muss von den Menschen her gedacht werden, nicht nur vom Staat. |
| Nils Petter Gleditsch (1942, Norwegen) | Empirische Kriegs- und Friedensforschung | Daten helfen, Ursachen und Entwicklungen bewaffneter Konflikte zu untersuchen. |
| Kristian Skrede Gleditsch (1971, Norwegen) Bürgerkriege, Demokratie, Konfliktdynamik | Konflikte und politische Veränderungen lassen sich international vergleichend untersuchen. | |
| Oliver Richmond (Großbritannien) | Friedensordnungen und Friedensprozesse | Von außen verordnete Friedensmodelle scheitern häufig an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung. |
| Roger Mac Ginty (Großbritannien) | Frieden im Alltag | Frieden entsteht auch durch das tägliche Handeln der Menschen vor Ort. |
| Séverine Autesserre (Frankreich/USA) | Lokale Friedensarbeit | Internationale Interventionen müssen örtliche Konflikte und gesellschaftliche Beziehungen verstehen. |
| Sara Hellmüller (Schweiz) | UNO-Friedensmissionen, Vermittlung | Friedensmissionen müssen die Interessen, Zustimmung und Handlungsmöglichkeiten der Konfliktparteien berücksichtigen. |
| Nicole Deitelhoff (Deutschland) | Internationale Regeln, Konflikte, Institutionen | Friedensordnungen brauchen anerkannte Regeln und Verfahren zur Bearbeitung von Streit. |
| Dieter Senghaas (1940, Deutschland) | Friedensbedingungen, Zivilisierung | Frieden braucht Rechtsstaatlichkeit, soziale Gerechtigkeit und die Fähigkeit, Konflikte ohne Gewalt auszutragen. |
| Pamina Firchow (USA) | Messung von Frieden | Ob Frieden tatsächlich funktioniert, sollte auch anhand der Erfahrungen der betroffenen Bevölkerung beurteilt werden. |
Für Lederach, Chenoweth, die Gleditschs, Richmond, Mac Ginty, Hellmüller und Deitelhoff liegen aktuelle institutionelle Nachweise beziehungssewee Veröffentlichungen vor.
Die Erkenntnisse in der rechten Spalte sind bewusst vereinfachte Zusammenfassungen ihrer jeweiligen Forschungsansätze, keine wörtlichen Zitate.
2. Welche dieser Forschenden entwickeln die Friedensforschung heute weiter?
2.1 John Paul Lederach – Frieden durch tragfähige Beziehungen
2.4 Nils Petter und Kristian Skrede Gleditsch – Konflikte mit Daten verstehen
Lederach gehört zu den prägenden Vertretern der praktischen Friedensarbeit.
Nils Petter Gleditsch gilt als Pionier der empirischen Friedensforschung. Sein Sohn
Seine zentrale Frage lautet: Wie können verfeindete Bevölkerungsgruppen
Kristian Skrede Gleditsch führt diese Arbeit fort und untersucht unter anderem die
wieder miteinander leben, auch wenn ihre politischen Interessen unvereinbar
Zusammenhange zwischen Bürgerkriegen, Demokratie und Konfliktdynamik.
erscheinen? In einem Beitrag vom 30. März 2026 beschäftigt er sich mit den
Beide zeigen, wie systematische Daten helfen können, Ursachen und Entwicklungen
Grenzen herkömmlicher Friedenspolitik. Er betont die Bedeutung örtlicher
bewaffneter Konflikte international vergleichend zu analysieren.
Akteure, gesellschaftlicher Beteiligung und langfristiger Beziehungen.
Bedeutung: Empirische Daten liefern wichtige Grundlagen, um Risiken besser
Bedeutung: Friedensabkommen sind notwendig, aber noch keine Garantie
einzuschätzen und wirksame Prävention zu entwickeln.
für dauerhaften Frieden.
2.2 Erica Chenoweth – Was kann gewaltfreier Widerstand erreichen?
Chenoweth untersucht anhand großer Datensammlungen die Wirksamkeit von Protestbewegungen und politischem Widerstand. Ihre gemeinsam mit Maria J.
Stephan veröffentlichten Untersuchungen zeigten für den untersuchten historischen Zeitraum, dass überwiegend gewaltfreie Kampagnen häufiger erfolgreich waren als bewaffnete Aufstände. Allerdings warnt Chenoweth inzwischen ausdrücklich davor, frühere Erfolgsmuster unkritisch auf heutige Konflikte zu übertragen.
Bedeutung: Gewaltfreie Bewegungen können sehr wirksam sein, ihre Erfolge hängen jedoch stark vom jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Kontext ab
2.3 Mary Kaldor – Sicherheit neu denken
Kaldor analysiert die zunehmende Bedeutung nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen und die Veränderungen moderner Kriege. Sie plädiert für den Begriff der „menschlichen Sicherheit“, der die Sicherheit der Menschen in den Mittelpunkt stellt und über die herkömmliche Staatszentrierung hinausgeht.
Bedeutung: Frieden und Sicherheit müssen sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.
2.5 Oliver Richmond und Roger Mac Ginty – Frieden von unten denken Richmond kritisiert, dass von außen verordnete Friedensmodelle häufig an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung scheitern. Er plädiert für Friedens-ordnungen, die lokale Perspektiven und Erfahrungen stärker berücksichtigen.
Mac Ginty untersucht, wie Frieden im Alltag entsteht – durch das tägliche Handeln der Menschen vor Ort, oft jenseits großer politischer Abkommen.
Bedeutung: Nachhaltiger Frieden braucht lokale Beteiligung, Alltagspraktiken und ein Verständdis für die konkreten Lebensrealitäten.
2.6 Séverine Autesserre, Sara Hellmüller und Nicole Deitelhoff – Konflikte, Institutionen und Regeln
Autesserre zeigt, wie wichtig es ist, lokale Konflikte und gesellschaftliche Beziehungen zu verstehen, bevor internationale Interventionen wirken können. Hellmüller betont, dass UNO-Friedensmissionen die Interessen und Handlungsmöglichkeiten der Konfliktparteien berücksichtigen müssen. Deitelhoff untersucht, welche Regeln und Institutionen notwendig sind, damit internationale Friedensordnungen funktionieren.
Bedeutung: Wirksame Friedenspolitik braucht Kontextwissen, legitime Institutionen und anerkannte Regeln.
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