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NEOS-„liberale“ Radio-Beschneidung in Wien

Erstellt am 15.12.2025 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 139 mal gelesen und am 15.12.2025 zuletzt geändert.

Auf steuerfinanzierten Ö1 lief nach dem Radiokolleg gerade nichts Interessantes. Dort werden außerdem seit der Demokratie-Notstands-Regierung immer öfter Beiträge und Nachrichten wiederholt. Daher bin ich aufs gemützige Freie-Radio geflüchtet. Dort lief eine meiner Liebingssendungen Radio Dispositiv mit einem brandheißen Beitrag zum Digitalen Amt mit Soziologin und Kommunikationswissenschaftlerin Astrid Mager am Institut für Technikfolgenabschätzunng (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Fragen nach den Auswirkungen neuer Technologien auf die Gesellschaft stellen sich längst in allen Lebensbereichen – entsprechend wichtig ist das relativ junge Forschungsfeld! Die Sendung war so interessant, dass ich sie teilen per Mail wollte.

Doch dann erfahre ich auf der Website:

ORANGE 94.0 Radio ist unter neo-liberalem Druck

Warum gemeinnütziges Community-Radio ein demokratisches Basis-Grundnahrungsmittel für globale denkende und lokal handeln Weltbürger*innen ist

Wien sollte eigentlich im Angesicht der US-Digi-Konzern-Gierschlünde an der richtigen Stelle in Zukunft investieren statt sparen bei den günstigsten Institutionen der Demokratie und des Menschenrechtes der Pressefreiheit. Bereits jetzt trifft es existenzbedrohend ein Medium, das viele Wienerinnen und Wiener wohl erst dann bitter vermissen werden, wenn es weg ist: ORANGE 94.0.

Laut Senders und Medienberichten wird die Förderung aus dem Bildungsressort der Stadt Wien für 2026 um fast 2/3 reduziert und soll 2027 total beendet werden!


Je nachdem, wie eng man “Stadt Wien” definiert, kann man als grobe Hausnummer sagen: Rund 2,5 Mio. Euro pro Jahr gehen (2024) allein in die drei Boulevard-Printtitel Krone, Heute und Österreich/oe24; die gesamte gemeldete Werbesumme Wiens liegt in einer ganz anderen Liga (rund 24 Mio. Euro für 2024). 

ORANGE 94.0 spricht von: „Existenzgefahr“ und warnt vor einem Dominoeffekt, weil ohne städtische Kofinanzierung auch Bundesmittel aus dem Nichtkommerziellen Rundfunkfonds (NKRF) gefährdet sein können. 

  1. Was konkret passiert ist Laut ORANGE 94.0 wurde die bisherige Förderung (in der Größenordnung von rund 390.000 Euro pro Jahr) für 2026 auf ein Notbudget von 170.000 Euro reduziert, während ab 2027 keine Förderung mehr vorgesehen sei. Das Loch beziffert der Sender für 2026 mit etwa 240.000 Euro, rund 30 Prozent des Gesamtbudgets.  Die Stadtseite argumentiert laut Berichten mit der angespannten Budgetsituation und damit, dass der Fokus im Ressort auf Bildungsangeboten für Kinder und Jugendliche liege und entsprechende Medienprojekte künftig nicht mehr aus diesem Budget finanziert werden könnten. 
  2. Was ORANGE 94.0 eigentlich ist (und warum das nicht “nice to have” ist) ORANGE 94.0 ist ein nichtkommerzielles, werbefreies Beteiligungsradio. Es sendet 24 Stunden Programm und arbeitet stark ehrenamtlich. Der Sender spricht von rund 850 bis 860 Radiomacherinnen und Radiomachern, die in 22 Sprachen senden. Dazu kommt ein kleines Team (genannt werden 14 Teilzeitangestellte), das Infrastruktur, Ausbildung, Redaktion, Technik und die vielen Sendereihen koordiniert. 

Das ist ein anderer Medien-Typ als “Sender mit Zielgruppe”. Community-Radio ist eher ein öffentlicher Proberaum: Menschen lernen Medienmachen praktisch, produzieren selbst Inhalte, und Gruppen, die sonst kaum vorkommen, bekommen eine hörbare Stimme.

  1. Demokratie braucht nicht nur große Medien, sondern viele Perspektiven Demokratie lebt davon, dass Macht kritisiert werden kann, ohne dass nur zwei oder drei große Player die Debatte definieren. Genau hier ist Community Media stark: Sie erweitern Medienpluralismus (also Vielfalt an Stimmen und Zugängen) und senken Eintrittsbarrieren, damit nicht nur Profis und Pressestellen den Ton setzen.

Das ist nicht nur eine romantische Idee. In europäischen Debatten wird Community Media wiederholt als Beitrag zu Medienpluralismus, Teilhabe, Empowerment und Medienkompetenz beschrieben, gerade für Minderheiten und diverse Communities. 

  1. Menschenrechte: Wer nicht gehört wird, wird leichter übersehen Menschenrechte sind nicht nur Paragrafen, sondern auch Sichtbarkeit. Wenn ein Medium tatsächlich mehrsprachige Communities, marginalisierte Gruppen und lokale Initiativen regelmäßig on air bringt, dann ist das gelebte Gleichheit im Kommunikationsraum.

ORANGE 94.0 argumentiert genau damit: offene Zugänge, Ausbildung, eine Redaktion “so divers wie Wien”, viele Gäste und Kooperationspartner, und Programme, die Themen jenseits der Mainstream-Agenda abbilden. 

  1. Nachhaltigkeit: Lokaljournalismus ist Klimajournalismus, wenn er nah an den Leuten bleibt Nachhaltigkeit scheitert selten am Wissen, sondern an Umsetzung, Interessen und Alltag. Lokale und zivilgesellschaftliche Medien sind hier oft näher an den konkreten Konflikten (Verkehr, Energie, Wohnen, Konsum, Stadtplanung) als nationale Debattenformate. Community-Radio kann die “Übersetzungsleistung” bringen: globale Krisen in lokale Handlungsräume übersetzen, ohne Panikmache, aber auch ohne Wegschauen.
  2. Medienkompetenz ist die neue Selbstverteidigung der Demokratie ORANGE 94.0 betont Medienbildung als Kernauftrag und verweist darauf, dass Hunderte Menschen pro Jahr Radio- und Podcast-Kompetenzen erwerben.  Das ist im Jahr 2025 keine Nebensache. Denn die Informationsumgebung wird unübersichtlicher, billiger zu fälschen, leichter zu manipulieren.
  3. Der Elefant im Raum: KI-News und Plattformmacht Du schreibst “US-Big-Tech untergräbt die vierte Säule” und der Punkt dahinter ist real, auch wenn man ihn nüchtern formuliert:

Erstens: Desinformation und KI-getriebene Manipulation werden international als zentrales Risiko für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Governance diskutiert. Der Global Risks Report des World Economic Forum stuft “Misinformation und Disinformation” erneut als Top-Kurzfristrisiko ein. 

Zweitens: Es gibt aktuelle Beispiele, wie KI-generierte Inhalte im großen Stil Reichweite machen oder wie Automatisierung zu massiven Fehlern führt, die Vertrauen beschädigen. 

Drittens: Studien zeigen, dass viele Menschen KI im Nachrichtenbereich skeptisch sehen und weiterhin Menschen mehr vertrauen als Maschinen, während sich Verbreitungswege gleichzeitig verändern (zum Beispiel durch Zusammenfassungen statt Klicks auf Originalquellen). 

Gerade deshalb sind Medien wichtig, die transparent arbeiten, nahbar sind, und deren “Algorithmus” am Ende Menschen sind, die Verantwortung tragen. Community-Radio ist zwar klein im Budget, aber groß in der demokratischen Funktion: Es schafft reale Beziehung zwischen Medium und Publikum, nicht nur Reichweite.

  1. Der Sparkurs ist politisch: Nicht nur Zahlen, sondern Prioritäten Wichtig für Fairness: Die Stadt argumentiert mit Budgetzwang. Das ist eine legitime Perspektive.  Genauso legitim ist aber die Gegenfrage: Welche Infrastruktur spart man zuerst kaputt, und welche schützt man?

Dass nicht nur ORANGE 94.0, sondern auch andere soziale und kulturelle Einrichtungen unter Druck stehen, ist Teil des Kontexts. Beim Amerlinghaus etwa wurden Kürzungen öffentlich diskutiert und vom zuständigen Ressort ebenfalls mit budgetären Vorgaben begründet. 

Wenn es keine Übergangsfristen gibt, wird “Sparen” schnell zu “Abwürgen”. Genau das kritisiert ORANGE 94.0: Die Information sei sehr kurzfristig gekommen, eine geordnete Umstrukturierung sei kaum möglich. 

  1. Was jetzt sinnvoll wäre (jenseits von Empörung) Wenn Wien Medienvielfalt und Beteiligung ernst nimmt, gibt es pragmatische Wege, ohne die Budgetlage zu ignorieren:

Mehrjährige Basisfinanzierung statt jährlicher Schocks: Community-Medien brauchen Planbarkeit, weil ehrenamtliche Strukturen Koordination brauchen.

Klare, transparente Kriterien: Wenn ein Ressort sagt “nicht mehr aus diesem Topf”, muss ein realistischer Alternativpfad auf den Tisch (welcher Fördertopf, welche Kriterien, welche Übergangszeit).

Kofinanzierung absichern: Wenn städtische Mittel Bundesmittel auslösen oder absichern, ist eine Kürzung nicht nur minus X, sondern potenziell minus X plus Y (Dominoeffekt). 

Medienbildung als Pflichtaufgabe definieren: Wenn das Problem “nicht Bildung” heißen soll, dann braucht es eine politische Klärung, warum praktische Medienkompetenz plötzlich nicht mehr als Bildungsarbeit gilt.

  1. Der Kern Die Debatte ist größer als ORANGE 94.0. Es geht um die Frage, ob eine moderne Stadt Demokratie als Infrastruktur versteht oder als PR-Kulisse.

Community-Radio ist langsam, manchmal sperrig, nicht immer geschniegelt. Aber genau darin steckt sein demokratischer Wert: Es gehört nicht dem Markt, nicht der Partei, nicht dem Algorithmus, sondern dem Prinzip, dass Öffentlichkeit von vielen mitgestaltet wird.

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