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Die Stunde der Raubtiere: Ein dunkler Fuerstenspiegel für unsere Gegenwart

Erstellt am 15.12.2025 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 257 mal gelesen und am 15.12.2025 zuletzt geändert.
Symbolbild: Raubtier-Silhouetten in Anzuegen um einen Konferenztisch mit Weltkugel-Schachbrett, im Hintergrund UNO und Serverstadt.

Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fuersten. Aus dem Franzoesischen von Michaela Messner. C.H. Beck, 2025, 127 Seiten. 

Ein schmales Buch, das sich anfühlt wie ein Scheinwerfer auf die Hinterbühne der Weltpolitik.

Da Empoli zeigt, wie Autokraten, Oligarchen und Tech-Macht ihre Ziele nicht trotz, sondern gerade wegen Chaos, Grausamkeit und Regelbruch erreichen. 

Worum es geht

Da Empoli schreibt keinen klassischen Sachbuch-Report mit These, Beleg, Fussnote. Er arbeitet eher wie ein Chronist mit Szenen, Orten und Zeitmarken, fast wie Depeschen.

Der Einstieg lautet zum Beispiel: “NEW YORK, SEPTEMBER 2024” – und schon sitzt man mit ihm im UNO-Umfeld, wo kleine Gesten, müde Gesichter und ein einziges Wort plötzlich den Raum kippen lassen. 

Der Verlag bewirbt das Buch als Reise zu “Schaltzentren der autokratischen Macht”: UNO in New York, Tech-Milieus im Silicon Valley, Trump-Umfeld, und eben das Ritz-Carlton in Riad, wo Macht nicht diskutiert, sondern demonstriert wird. 

Warum das fuer Friedensjournalismus so wertvoll ist

Friedensjournalismus fragt: Wer gewinnt was, wer zahlt den Preis, und welche Alternativen werden unsichtbar gemacht? Da Empoli liefert dafuer drei starke Werkzeuge:

  1. Macht als Methode, nicht als Ausrutscher Er beschreibt Grausamkeit und Hinterlist nicht als “Skandal”, sondern als kalkulierte Technik. Das ist unbequem, aber erhellend, weil es die naiven Hoffnungen auf “Rueckkehr zur Normalitaet” schrumpfen laesst. 
  2. Die Allianz der neuen Fuersten Die Mischung aus Staatsmacht und Tech-Macht wird bei ihm zum Kernproblem: Wer Regeln als Hindernis sieht, findet im digitalen Zeitalter perfekte Beschleuniger (Aufmerksamkeit, Desinformation, Automatisierung). 
  3. Der Stil trifft die Sache Das Buch ist kurz, aber dicht. Die Szenen sind so gebaut, dass man die Logik des Systems spuert, nicht nur versteht. Das macht die Lektuere fuer “abgebruehte” Leserinnen und Leser trotzdem neu.

Das Schluesselkapitel: Mohammed bin Salman und das Ritz-Carlton

Dein Beispiel ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Lehrstueck. Der reale Hintergrund: Am 4. November 2017 begann in Saudi-Arabien eine grosse Verhaftungswelle im Rahmen einer angeblichen Anti-Korruptionskampagne; viele hochrangige Personen wurden im Ritz-Carlton in Riad festgesetzt. 

Was da Empoli literarisch daraus macht (und was faktisch belegt ist), greift ineinander: Machtuebernahme als “Handstreich”, der gleichzeitig drei Botschaften sendet:

  • Nach innen: Niemand ist unantastbar.
  • Nach aussen: Stabilitaet wird behauptet, auch wenn sie auf Angst basiert.
  • An Geld und Eliten: Loyalitaet laesst sich in Vertraegen ausdruecken.

Zu den Methoden kursierten in Medien und Berichten harte Vorwuerfe von Misshandlung und Folter; einzelne Faelle und Klagen wurden oeffentlich diskutiert. 

Und dann ist da die zweite, symbolisch noch brutalere Marke: die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi am 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul.  Ein zentraler Punkt in der internationalen Debatte war die Frage nach Verantwortung “nach oben”; eine von der US-Geheimdienstkoordinatorin veroeffentlichte, deklassifizierte Einschaetzung kam 2021 zu dem Schluss, der Kronprinz habe eine Operation gebilligt, Khashoggi zu fassen oder zu toeten. 

Hier wird das Buch fuer uns als Friedensmedium richtig unangenehm produktiv: Es zwingt zur Frage, wie viel “Werteordnung” uebrig bleibt, wenn energie- und sicherheitspolitische Panik wieder zu Geschaeftsmodellen mit Autokratien fuehrt.

Europa nach 2022: Werte, Waffen, Waerme

Du sprichst einen wunden Punkt an: Nach Russlands Angriff auf die Ukraine (Februar 2022) wurde Energie in Europa zur Sicherheitsfrage. Heute zeigen EU-Daten und Infografiken sehr klar, wie stark die Lieferantenstruktur bei Gas Richtung Diversifizierung ging: Norwegen und die USA sind zentrale Quellen, aber auch Algerien und Katar spielen eine Rolle; Russlands Anteil sank, blieb aber (je nach Jahr/Produkt) teilweise relevant. 

Gleichzeitig liefen die politischen Debatten weiter, wie und bis wann russisches Gas ganz beendet werden kann (Plaene bis spaetestens 2027 standen im Dezember 2025 erneut im Fokus). 

Fuer eine friedensjournalistische Rezension ist das der Punkt: Da Empoli liefert nicht einfach Moral, sondern ein Diagnosegeraet. Es zeigt, warum Demokratien in Stresslagen dazu neigen, kurzfristig “zu ersetzen” statt konsequent “zu beenden” (Abhaengigkeiten, Lobbydruck, Preisangst, Wahlzyklen).

Nebenbuehne, Hauptwirkung: Musk und die Normalisierung

Du nennst “Berlin, 20. Dezember 2024”: Das passt zu einem Muster, das inzwischen gut dokumentiert ist: Elon Musk griff damals in deutsche Politikdebatten ein und nahm oeffentlich Partei fuer die AfD bzw. bewarb sie spaeter explizit. 

Ob man das als Randnotiz abtut oder als Symptom liest, macht einen Unterschied. Bei da Empoli ist genau diese Grenzverschiebung Teil der “Raubtier-Stunde”: Nicht nur Gewalt, auch Kommunikationsmacht wird zur Herrschaftstechnik.

Was ich dem Buch als Friedensrezensent ankreiden wuerde (ohne ihm unrecht zu tun)

Erstens: Die Diagnose ist messerscharf, aber die Therapie bleibt bewusst duenn. Das ist literarisch stimmig, politisch frustrierend.

Zweitens: Die Perspektive ist stark “oben”: Fuehrungszirkel, Palast, Konferenz, Kommando. Wer nach Gegenmacht von unten sucht (Gewerkschaften, lokale Energiewende, Whistleblower-Schutz, resiliente Institutionen), muss das selbst dazudenken.

Drittens: Das Buch lebt von Verdichtung. Das ist seine Staerke, aber auch ein Risiko: Wer es liest, sollte sich immer wieder zwingen, einzelne Episoden mit eigener Recherche zu trennen in “Beobachtung”, “Interpretation” und “gesicherten Fakt”.

Ein Satz, der als Warnschild taugt

Da Empoli zitiert sinngemaess eine Logik, die man in vielen Konflikten wiederfindet: Es werde “mit Eisen und Feuer” erledigt, was erledigt werden soll. (Kurz gesagt: Gewalt als Abkuerzung.) 

Fazit

Die Stunde der Raubtiere ist ein kleines, hochkonzentriertes Buch, das Frieden nicht als Sonntagsrede behandelt, sondern als politische Ausnahme, die Institutionen braucht. Fuer Friedensnews.at ist es deshalb so brauchbar, weil es nicht nur einzelne “Bad Guys” vorfuehrt, sondern die Betriebsanleitung eines Systems zeigt, in dem Skrupellosigkeit wieder als Effizienz verkauft wird. 

Hero-Image Vorschlag fuer Friedensnews.at

Dateiname

da-empoli-stunde-der-raubtiere-rezension-friedensnews-hero-1920×1080.jpg

Bildidee (Prompt fuer eine Illustration)

Dunkle, reduzierte Szene: ein runder Konferenztisch, darauf eine Weltkugel wie ein Schachbrett. Um den Tisch keine Gesichter, nur Silhouetten von Raubtieren (Loewen, Wölfe) in Anzugkonturen. Im Hintergrund links die UNO-Silhouette, rechts ein Wolkenkratzer mit Server-Lichtern (Tech-Macht). Kaltes Licht, starke Schatten, keine Schrift im Bild.

Alt-Text

Symbolbild: Raubtier-Silhouetten in Anzuegen um einen Konferenztisch mit Weltkugel-Schachbrett, im Hintergrund UNO und Serverstadt.

Caption

Wenn Macht wieder nach dem Raubtierprinzip funktioniert: Giuliano da Empoli seziert die neue Allianz aus Autokratie und Tech-Macht.

Open Graph (Vorschau-Metadaten fuer Facebook etc.) Vorschlag

OG Title: Die Stunde der Raubtiere: Was die neue Machtlogik mit Frieden macht

OG Description: Giuliano da Empolis kurzer, harter Essay fuehrt in die Schaltzentren autokratischer Macht – und zeigt, warum Werte ohne Konsequenz zur Kulisse werden.

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