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Warum Aufrüstung und Klimakrise jetzt neue, intensivere Formen des Widerstands brauchen

Erstellt am 12.02.2026 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 55 mal gelesen und am 13.02.2026 zuletzt geändert.


Die Lage ist paradox:

Bild © AHL: Die Wender der globalen Titanic braucht jetzt mindestens fünf mal mehr Thünbergs auf den Schultern von Bertha von Suttner, Mandela, John Lennons, Pete Seegers, Bruce Sprinsteen, Gandhi, Palme, Kennedy, Gorbatschow und Kreisky, Yoko Ono, …

  • Noch nie war so klar, was zu tun wäre und
  • noch nie liefen zwei Brandbeschleuniger so parallel wie heute:
    die Aufrüstung und die Erhitzung der Erde.

    Beides:
  • verstärkt sich gegenseitig
  • frisst Geld, Zeit und politische Aufmerksamkeit.
  • wird mit der Logik „später“ verwaltet, obwohl „später“ physikalisch und politisch immer teurer wird.

Dieser Artikel argumentiert nüchtern:

Ja, wir brauchen wieder deutlich mehr Widerstand. Aber nicht einfach mehr Lärm. Sondern Widerstand, der stärker, schlauer, breiter und länger durchhaltbar ist.

Die harte Diagnose: Wir drehen nicht schnell genug um

Klimaseite

Die energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen sind 2024 weiter gestiegen und haben einen Rekord erreicht: 37,8 Milliarden Tonnen, plus 0,8 Prozent gegenüber 2023. Das ist keine „Trendwende“, sondern ein Signal, dass der Umbau noch zu langsam ist. 

Der Weltklimarat (Weltklimarat IPCC, Intergovernmental Panel on Climate Change) sagt zugleich: Pfade, die 1,5 Grad Erwärmung halbwegs einhalten, verbrauchen das verbleibende Restbudget sehr schnell. Übersetzt: Wir spielen auf Zeit, die wir nicht haben. 

Zwar wurde auf der Klimakonferenz COP28 erstmals offiziell ein „Weg weg von fossilen Energien“ festgehalten. Aber zwischen Text und Wirklichkeit liegt ein politischer Graben, den man ohne Druck selten schließt. 

Rüstungsseite

Die weltweiten Militärausgaben stiegen 2024 auf 2,718 Billionen US-Dollar. Der Anstieg um 9,4 Prozent war laut SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute, Friedensforschungsinstitut) der stärkste Jahresanstieg seit mindestens 1988. Seit 2015 stiegen die Ausgaben um 37 Prozent. 

Das ist die Klammer: Wir investieren Rekordsummen in Konfliktfähigkeit, während wir die Lebensgrundlagen nur halbherzig absichern.

Warum „normale“ Protestformen oft nicht mehr reichen

Drei Gründe sind entscheidend:

Erstens: Gegenkräfte sind professioneller geworden

Fossile Geschäftsmodelle und Aufrüstung haben eingespielte Netzwerke: Lobbying, PR, Rechtsabteilungen, Thinktanks, Parteispenden, Auftragslogik. Wer glaubt, ein paar Demos würden das automatisch brechen, unterschätzt das System.

Zweitens: Die Politik ist im Krisenmodus und liebt kurzfristige Ruhe

Krieg, Inflation, Migration, Kulturkampf: Regierungen priorisieren das, was heute Schlagzeilen beruhigt. Klima und Abrüstung werden dann zur „später“-Aktion. Ohne spürbaren Druck bleibt es oft dabei.

Drittens: Repression und Ermüdung

In mehreren Ländern wurden Protestformen härter verfolgt oder rechtlich eingeschränkt. Das macht Bewegungen vorsichtiger, kostet Ressourcen und schreckt Menschen ab. Gleichzeitig ermüden Aktivistinnen und Aktivisten, wenn Erfolge unsichtbar bleiben. Der Effekt nach außen: „Die Bewegung ist weg“, obwohl sie intern arbeitet.

Was „intensiver Widerstand“ in einer Demokratie heißen sollte

Intensiver heißt nicht gewalttätiger. Intensiver heißt:

Mehr Hebelwirkung pro Einsatz

Nicht dort stören, wo es am leichtesten ist, sondern dort, wo Entscheidungen fallen: Genehmigungen, Budgets, Finanzierung, öffentliche Aufträge, Parteipolitik.

Mehr Beweisführung statt Meinungsgefecht

Wer die Realität ändern will, braucht nicht nur moralische Wut, sondern belastbare Dossiers: Zahlen, Verträge, Fristen, Verantwortlichkeiten, Interessenkonflikte, Alternativen. Damit entstehen Verfahren, Anfragen, Skandalisierung mit Substanz.

Mehr Bündnisse statt Milieus

Wenn Klimaschutz und Abrüstung nur als Anliegen einer Szene wahrgenommen werden, verlieren sie. Sobald Mieterorganisationen, Gewerkschaften, Ärztinnen, Katastrophenschutz, Handwerk, Jugend und Pensionistinnen gemeinsame Interessen formulieren, kippt die Mehrheitslogik.

Mehr „Ja“ durch Aufbau von Alternativen

Widerstand ohne Angebot wirkt destruktiv. Widerstand mit sichtbaren Alternativen wirkt glaubwürdig: Energiegemeinschaften, Sanierungsprogramme, Hitzeschutz, Öffi-Ausbau, Reparaturwirtschaft, regionale Versorgung.

Die neuen Widerstandsformen, die 2026 am meisten bringen

A) Rechts- und Regelhebel

Strategische Klagen, Auskunftsbegehren, Vergaberecht, Korruptions- und Transparenzarbeit. Langsam, aber oft scharf: Projekte verzögern sich, werden teurer, bekommen Auflagen oder kippen.

B) Geldströme unter Druck setzen

Banken, Versicherungen, Großinvestoren, öffentliche Beschaffung. Ohne Finanzierung und Versicherung werden fossile und rüstungsgetriebene Großprojekte riskanter und teurer. Das ist ein sehr wirksamer, oft unterschätzter Hebel.

C) Kommunale Macht nutzen

Städte und Gemeinden sind der Maschinenraum: Wärmeplanung, Bauordnung, Entsiegelung, Beschattung, Verkehr, Beschaffung, Dächer. Wer hier gewinnt, verändert Alltag und Emissionen schneller als mit nationalen Sonntagsreden.

D) Arbeitswelt-Allianzen

Der entscheidende Satz lautet: Klimaschutz und Abrüstung sind Schutz des Lebensstandards, nicht Luxus. Wenn Sanierung, Netze, Speicher, Pflege der Infrastruktur als gute Jobs und als Kostenbremse kommuniziert werden, entstehen robuste Mehrheiten.

E) Ziviler Ungehorsam, aber präzise und mehrheitsfähig

Ziviler Ungehorsam kann wirken, wenn er zielgenau ist, klare Forderungen hat, juristisch vorbereitet ist und die Öffentlichkeit nicht gegen sich aufbringt. Der Maßstab ist nicht Radikalität, sondern Wirkung.

Warum das auch friedenspolitisch zwingend ist

Aufrüstung wird oft als „Sicherheit“ verkauft. Aber ein erheblicher Teil der realen Sicherheitsrisiken der nächsten Jahrzehnte ist klimabedingt: Hitze, Dürre, Ernteausfälle, Wasserstress, Fluchtbewegungen, Verteilungskonflikte. Wer Klima bremst, reduziert Kriegsrisiken. Wer dagegen Aufrüstung priorisiert und Klima verzögert, erhöht Risiken doppelt.

Die nüchterne Konsequenz: Klimawiderstand ist Friedenspolitik. Abrüstungswiderstand ist Klimapolitik, weil er Budgets, Rohstoffe und politische Aufmerksamkeit freisetzt.

Der praktische Prüfstein: Wird Widerstand stärker oder nur härter?

Drei einfache Fragen vor jeder Kampagne oder Aktion:

  1. Trifft es die Entscheidung oder nur die Passanten? Ohne Druck auf Verantwortliche bleibt alles Symbolik.
  2. Gibt es ein konkretes Ziel mit Frist und Hebel? – „Mehr Klimaschutz“ ist zu breit. „Diese Förderung kippen“, „dieses Projekt stoppen“, „dieses Budget umschichten“ ist wirksam.
  3. Gibt es eine anschlussfähige Geschichte für die Mehrheit? (z.B. Leistbare Energie, Gesundheit, Schutz vor Hitze, Unabhängigkeit von Autokraten, faire Lastenverteilung).

Schluss: Widerstand ist wieder angesagt, aber als erwachsene Disziplin

Wer heute „mehr Widerstand“ fordert, fordert in Wahrheit etwas sehr Konkretes: die Rückkehr von demokratischer Gegenmacht, die Systeme zum Handeln zwingt, wenn sie aus Bequemlichkeit, Profitinteressen oder Angst in der Kurve hängen bleiben.

Die Daten zeigen, warum das nötig ist: Emissionen auf Rekordniveau, Militärausgaben auf Rekordniveau. 

=> Die Aufgabe ist deshalb nicht nur „mehr protestieren“, sondern Widerstand so zu gestalten, dass er gewinnt: juristisch, finanziell, politisch, kulturell und im Alltag

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