friedensnews.at
Stellt die Friedensfragen!

Radiokolleg – Was soll wachsen?

Erstellt am 03.01.2013 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 5314 mal gelesen und am 05.01.2013 zuletzt geändert.

Donnerstag 03. Jänner 2013 09:05 lief Teil einer bemerkenswerte Radiosendereihe auf ORF-oe1: Wirtschaft am Wendepunkt. Gestaltung: Johannes Kaupsie ist noch eine Woche nach zu hören.

Wachstum fasziniert uns. Wir haben gelernt das Wachstum mit Fortschritt und Verbesserung gleichzusetzen. Doch wer die Natur beobachtet, erkennt, dass Wachstum begrenzt ist. Wenn Pflanzen wachsen oder auch Menschen, dann sind sie eines Tages „ausgewachsen“.

Für die Wirtschaft scheint das nicht zu gelten. Dort ist Wachstumszwang angesagt: Die Produktion, der Umsatz, die Beschäftigungszahlen, die Produktvielfalt und unser Verbrauch – alles soll wachsen. So wurde das Wirtschaftswachstum zum Ziel unserer Entwicklung und steht im Fokus der Politik.

Wenn du kannst, dann musst du auch

„Der Motor des Wachstums ist die Unzufriedenheit. Wären wir eine Gesellschaft, die zufrieden ist, wäre das wahrscheinlich das Ende des Wachstums. Genügsamkeit und Zufriedenheit ist also ein nicht begehrenswerter Zustand für eine Gesellschaft und Wirtschaft, die wachsen will. Sie braucht diese Unzufriedenheit. So ist unsere moderne Gesellschaft aufgebaut: Wenn du ein Produkt kaufen kannst, wenn du nach Indien fahren kannst, dann musst du es auch. Wenn du es nicht tust, wirkst du destruktiv und subversiv. Denn ich trage durch meinen Konsum zum Wirtschaftswachstum bei. Ich bin dadurch ein guter Bürger, weil ich die Räder der Wirtschaft am Laufen halte. Es ist egal, was ich konsumiere, solange ich konsumiere.“ Der Tschechische Wirtschaftswissenschaftler und Politikberater Thomas Sedlacek.

Der Wirtschaftskreislauf ist aber kein isoliertes System. Er funktioniert nur durch den Verbrauch von Naturkapital und den Ausstoß von Abfall und Emissionen. Die Belastbarkeit des Ökosystems und der Menschen im System sind jedoch begrenzt. Das Naturkapital ist endlich und die Grenzen sind nicht erweiterbar.

Seit langem und immer mehr wird diese natürliche Wachstumsgrenze überschritten. Derzeit erfolgt Wirtschaftswachstum dadurch, dass die ökologischen Belastungen und sozialen Kosten wirtschaftlichen Handelns räumlich und zeitlich in Natur und Gesellschaft „externalisiert“ werden.

Dadurch, dass die Kosten für den Erhalt von Naturkapital von den Nutznießern nicht gezahlt werden, werden sie der Gesellschaft überantwortet. Diese Externalisierung wird im Wirtschaftswettbewerb durch höhere Profite belohnt. So bleibt der Mythos eines grenzenlosen Wachstums weiterhin lebendig.

Ständiges Wachstum – es würde auch anders gehen

1. Argument: Wachstum erhöht den Wohlstand bzw. verfügbares Einkommen.
ABER: Wenn sich Lebensqualität zunehmend vom monetären Einkommen entkoppelt, wäre weder mit mehr noch mit weniger Wachstum eine Schlechterstellung der Bevölkerung verbunden (vorausgesetzt, alle können ihre (Grund)-bedürfnisse befriedigen).

2. Argument: Wachstum erhöht die Beschäftigung und senkt Arbeitslosigkeit.
ABER: Da in den letzten Jahren in hochentwickelten Ländern, wie Österreich das Wirtschaftswachstum nicht in der Lage war, die Arbeitslosigkeit zu senken und laut WIFO-Prognose auch dazu weiterhin nicht in der Lage sein wird, sollte nicht nur nach Strategien gesucht werden, das Wachstum zu erhöhen. Eine Umverteilung von Arbeit (auch hin zu informellen Arbeitsformen) stellt eine Alternative dar.

3. Argument: Wachstum entschärft Verteilungskonflikte.
ABER: Dies ist auch möglich, wenn wohlhabendere Bevölkerungsgruppen aufgrund der zunehmenden Entkopplung von Einkommen und Lebensqualität auf Zuwächse „verzichten“ (was dann ja im Sinne des oben gesagten kein wirklicher Verzicht ist), z.B. wenn gut verdienende Männer sich in ihren Familien engagieren und so Beschäftigungsmöglichkeiten für bisher schlecht bezahlte Arbeitskräfte schaffen.

Zahlreiche Initiativen, wie zuletzt die internationale Konferenz „Wachstum im Wandel“, widmen sich zunehmend den kritischen Aspekten des Wachstumszwangs und suchen nach Lösungen.

Dazu müssen wichtige Fragen beantwortet werden: Ist unendliches Wachstum in einer endlichen Welt überhaupt möglich? Bedeutet Wirtschaftswachstum auch ein besseres Leben? Wie könnte eine zukunftsfähige Wirtschaft gestaltet werden, die unsere Lebensgrundlagen und die unserer Nachkommen erhält und stärkt?

Ständiges Wachstum – es würde auch anders gehen

4. Argument: Wachstum erleichtert die Bedienung von Staatsschulden und die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme.
ABER: Dies ist auch möglich durch eine Umwidmung von Einnahmen des Staates aus Ressourcenverbräuchen bzw. Gewinnen.

5. Argument: Wachstum verschafft einen Vorsprung im Systemwettbewerb.
ABER: Wettbewerb wird sich in Zukunft viel stärker in den Bereichen „weicher“ Faktoren, also insbesondere auch des Human- und Sozialkapitals „abspielen“.

6. Argument: Wachstum stärkt den Umweltschutz.
ABER: Dieser Zusammenhang ist eher ein negativer: Wachstum konterkariert also (integrierten) Umweltschutz (der im Wesentlichen eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs erfordert)

Welche Alternativen zur Messung des „guten Lebens“ gibt es jenseits einer auf BIP-Kennzahlen fixierten Ökonometrie? Welche ordnungspolitische Rahmenbedingungen und Spielregeln braucht eine Wirtschaft im Wandel, die Wachstum nachhaltig und qualitativ versteht? Und: Welche Macht haben dabei die KonsumentInnen?

Johannes Kaup hat sich auf die Suche nach Antworten begeben und zeigt, welche Wege es zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft gibt.

zur Sendereihe

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Service

  • Rita Trattnigg/Thomas Haderlapp, Zukunftsfähigkeit ist eine Frage der Kultur, Oekom Verlag
    Fritz Hinterberger/Ines Omann/Harald Hutterer/Elisabeth Freytag (Hrsg.), Welches Wachstum ist nachhaltig? Mandelbaum Verlag
    Jorgen Randers, 2052 – der neue Bericht an den Club of Rome, Oekom Verlag
    Tomas Sedlacek, Die Ökonomie von Gut und Böse, Verlag Hanser
    Hans Holzinger, Neuer Wohlstand, Robert Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
    Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum, Oekom Verlag
    Fred Luks, Endlich im Endlichen. Warum die Rettung der Welt Ironie und Großzügigkeit erfordert, Metropolis Verlag
    Peter Senge, Die 5.Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation, Klett Cotta Verlag
    Ulrich Brand: Post-Neoliberalismus? Aktuelle Konflikte und gegenhegemoniale Strategien. VSA VerlagWeiterführende Informationen im Netz finden Sie hier
 

Posted in Abrüstung, Entwicklung, Ethik, Friedensarbeit, Friedenspädagogik, Gewaltprävention, Global, Krisenregion, Tipp, Umwelt, Unfrieden, Weltanschauungen, Wirtschaft

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.