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Stellt die Friedensfragen!

Friedensjournalistische Lügenpresse

Erstellt am 18.04.2016 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 1971 mal gelesen und am 01.05.2016 zuletzt geändert.

„Die Zeit“ hat sich Florian Gasser am 20. März mit „Journalismus Jenseits der Lügenpresse“ mit der à la FPÖ auseinander gesetzt.

Im Internet werde, so die Zeit-These, die Angst der Gesellschaft vor einer medialen Parallelwelt angeheizt. Hinter den professionellen Formaten in dieser Hinsichte stehe vor allem die FPÖ.

Donnerstag, 11 Uhr. Eine neue Ausgabe des FPÖ-TV-Magazins geht online, wie jede Woche, seit vier Jahren. Der junge Moderator steht in Wien-Brigittenau, in der Nähe jenes Jugendzentrums, wo sich afghanische und tschetschenische Jugendliche vor Kurzem eine Massenschlägerei geliefert haben. Der Vorfall ist eine Steilvorlage für rechte Propaganda: Hier zeige sich das Versagen der Integrations- und Flüchtlingspolitik, heißt es in dem Beitrag. Der Bezirk entwickle sich zu einem kriminellen Brennpunkt der Stadt, hier müssten Bürger in Angst leben.

Innerhalb weniger Tage wurde dieses Video auf Facebook über 65.000-mal angeklickt.

Das FPÖ-TV-Magazin sei „eine Angstsendung für Angstbürger auf der Suche nach Sündenböcken“ Es wird präsentiert von der stärksten Oppositionspartei Österreichs. Und es sei nicht der einzige Kanal dieser Art.

Während herkömmliche Medien einen Vertrauensverlust erleiden und mit dem Vorwurf kämpfen, die „Lügenpresse“ würde in der Flüchtlingskrise Informationen schönen oder gar unterdrücken, wuchert im Internet ein immer größeres Netz alternativer Medien, die in Österreich maßgeblich von der FPÖ und ihrem Umfeld betrieben werden. Die Partei nutzt dafür soziale Netzwerke wie Facebook und schafft so eine parallele Medienwelt, mit ihrer eigenen Version der Wirklichkeit.

Die blauen Kommunikatoren

Sie wissen, laut Zeit, Reichweiten und Algorithmen geschickt zu nutzen.

  • Der YouTube-Kanal von FPÖ-TV,
  • die Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache oder
  • das Onlineportal unzensuriert.at, das auf den früheren freiheitlichen Nationalratspräsidenten Martin Graf zurückgehe

Sie erzeugen, laut Gasser, für ihre Leser eine sogenannte „Filterblase“

Facebook sortiert die Einträge so, dass sie zum Benutzer passen.

  • Wer gerne auf HC-Strache-Postings klickt, dessen Onlinewelt wird zusehends blauer.
  • Die Kommentare unter den Einträgen sind ein Sammelsurium aus aggressiven Botschaften und kruden Verschwörungstheorien.
  • Enttäuschte und Verunsicherte finden hier Verständnis und Bestätigung.

Das Flaggschiff dieser Gegenöffentlichkeit ist das FPÖ-Web-TV-Magazin

Es komme, so Gasser daher „wie ein etwas verjüngerter Ableger der ORF-Sendung Bundesland heute. Mit verwackelten Amateurvideos habe das Format nichts zu tun. Es sei

  • professionell gestaltet,
  • manche Ausgaben würden gar den Anschein von investigativem Journalismus vermitteln.

Als die Finanzpolizei im März 2014 das Schloss des Künstlers Hermann Nitsch durchsuchte, war ein FPÖ-TV-Kamerateam dabei.

Gasser fragt: „Woher die Information kam?“

Die Partei habe diesbezügliche Fragen mit Verweis auf das Redaktionsgeheimnis abgeblockt.

Zu sehen sind viele Interviews mit

  • Heinz-Christian Strache,
  • seinem Wiener Spitzenmann Johann Gudenus oder
  • dem Bundespräsidentschaftskandidaten Norbert Hofer.

Dazwischen fangen die Reporter bei Straßenbefragungen Empörung über die altbekannten Feindbilder ein.

Die Sendung sei ‚“ein Werkzeug zur schleichenden Radikalisierung der Sprache und des Denkens“. Den Zusehern werde mit drastischen Worten eine einfache Welt vermittelt:

  • in Gut und Böse,
  • in Freund und Feind aufgeteilt.
  • Jede Komplexität werde vermieden, für alles ein klarer Schuldiger benannt.
  • Es werde die eigene Klientel bedient, und „es werden Feindbilder geschürt“

Gasser:

Als „erstes und einziges objektives Fernsehen“ bejubelte ein freiheitlicher Sprecher den Start des hauseigenen Nachrichtenkanals: „Das Warten hat ein Ende.“

  • Abwägung,
  • Einordnung,
  • Differenzierung

suche man in den Beiträgen vergeblich.

Laut Gasser,

  • vieles davon verzerrt oder falsch dargestellt.
  • Korrekturen dringen nicht vor.
  • „Die eigenen Sympathisanten werden in dieser Blase vor anderslautenden Meinungen geschützt“.
  • „Zitate von politischen Mitbewerbern kommen nur indirekt vor, illustriert von unvorteilhaften Porträts“.

Dafür, so Gasser, >>erklären anschließend Vertreter der FPÖ, warum Rot-Grün versagt habe oder wie der „Genderwahn“ die Erziehung der Kinder gefährde<<.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit in Zeitungen und Fernsehen

Er sei hart und werde, so Gasser, „von allen Parteien mit viel Aufwand betrieben“. Die FPÖ könne darüber zunehmend lächeln. Sie entscheide selbst über Inhalte, Gewichtung und Sendezeit.

„Jörg Haider musste noch zusehen, wie er Leute im ORF unterbringt“, zitiert Gasser Fritz Hausjell, einen Professor für Publizistik an der Universität Wien. „Er hatte noch nicht die Möglichkeiten eines Heinz-Christian Strache, der jederzeit ungefiltert seine Botschaften an ein großes Publikum richten kann.“

In vordigitalen Zeiten

seien öffentliche Debatten eine oft abgehobene Diskussion zwischen Politikern und Journalisten gewesen.

Mittlerweile könne „jeder mit einem Internetanschluss daran teilhaben“. Und die Politik, so Gasser, sei immer weniger auf Medien als Torwächter der öffentlichen Aufmerksamkeit angewiesen. „Konsequenterweise blieben Anfragen an die FPÖ zum Thema unbeantwortet.“

Alternative Medien im rechten Eck keine neue digitale Erfindung

„Schon Mitte der neunziger Jahre, als Parteizeitungen längst keinen mehr interessierten“, hat FPÖ-Politiker Andreas Mölzer die rechtskonservative Wochenzeitung Zur Zeit gegründet. Sie halte sich bis heute als Gegenpol zum Mainstream.

Die Debatte um die vermeintliche Lügenpresse

Hier sehe der frühere EU-Abgeordnete der FPÖ eine große Chance für sein Blatt. Auflagenzahlen möchte er, laut Gasser, nicht nennen, aber: „Wir merken schon eine verstärkte Nachfrage.“

Zwischen Infobeiträgen werden die Zuseher zu Aktionen aufgerufen.

Mit der Reichweite der Netzwerkmedien könnten die klassischen Blätter des rechten Spektrums nicht mithalten.

Über 37.000 Menschen folgen allein der Plattform unzensuriert.at auf Facebook. Sie produziere „im Rhythmus eines professionellen Nachrichtenportals Meldungen am laufenden Band“. Es finden sich dort

  • Berichte über vermeintlichen Asylmissbrauch,
  • Lobpreisungen auf die Politik Viktor Orbáns,
  • Meldungen über vermeintliche „Sex-Attacken“ auf Kinder in Schwimmbädern oder
  • ein Videobeitrag, der zeigen will, wie die Familie Rothschild angeblich von der Unterbringung von Asylwerbern profitiert habe.

 

Hinter dem Onlineportal stehe, laut Gasser, die 1848 Medienvielfalt Verlags GmbH. „Geschäftsführer ist Walter Asperl, früher Büroleiter von Martin Graf.“

FPÖ-TV

Es wird direkt von der Partei und dem Parlamentsklub produziert. Als Moderatoren treten unter anderem auf

  • Elisabeth Ullmann, Abgeordnete im Wiener Gemeinderat, und
  • Petra Steger, Nationalratsabgeordnete und Tochter des früheren Parteichefs Norbert Steger.
  • Zwischen den Infobeiträgen werden die Seher auch zu Aktionen aufgerufen: „Jede Woche solle gegen die Regierung demonstriert werden, donnerte Parteichef Strache bei einer Rede Anfang des Jahres, die in der Sendung ausführlich gezeigt und kommentiert wurde. Dazu gesellen sich Gesinnungsgenossen aus dem Ausland: Die Chefin der AfD, Frauke Petry, war ebenso bereits zum Interview geladen wie der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders.“

Die Wiener Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl und die konservativ-nationale Medienszene

Strobl hat zuletzt zwei Bücher über neue rechte Bewegungen und deren Strategien veröffentlicht.

„Die Welt, die diese Medien darstellen, befindet sich immer im Ausnahmezustand. Es herrscht Krieg, den man gegen die bösen Linken, gegen die Flüchtlinge und andere gewinnen muss“, sagt Strobl. Die Flüchtlingsdebatte komme gelegen, denn Asylwerber könnten als Belastung dargestellt werden.

„Jeder Einzelfall wird kollektiviert und steht stellvertretend für alle anderen“, so Strobl laut Gasser, die auch Sprecherin der Offensive gegen Rechts ist.

Welches Publikum lässt sich damit überhaupt erreichen?

  • „Einerseits lassen sich bestehende Wähler mobilisieren und
  • andererseits erreicht man auch jene, die sich etwa wegen des Flüchtlingsthemas von ihrer bisherigen Partei verabschieden wollen“, so Publizistikprofessor Fritz Hausjell.

Eine mediale Parallelgesellschaft

Dies sehe aber selbst der frühere FPÖ-Politiker und Zeitungsgründer Andreas Mölzer kritisch:

„Es besteht die Gefahr, dass sie von der Wirklichkeit abgekoppelt ist und sich mit ihr nie eine Mehrheit erreichen lässt.“

 

Posted in Friedenspädagogik, Krisenregion, Österreich, Redaktion, Uncategorized, Unfrieden, Weltanschauungen, Wirtschaft

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