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Palmer Luckey – Kriegsgewinnler des Jahres

Erstellt am 06.12.2022 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 220 mal gelesen und am 06.12.2022 zuletzt geändert.

Am 2. SEPTEMBER 2022 j. Bogaisky bei Forbes-Online

Dank Facebook sei der 29-Jährige Palmer Luckey reich geworden.

Die russische Invasion in der Ukraine machte ihn nun zum Milliardär.

Als Trump-Unterstützer sei er im Silicon Valley längst geächtet, doch das störe Palmer Luckey nicht: „Sein 8-Milliarden-Dollar-Start-up Anduril rüstet die Ukraine auf und baut die Waffen der Zukunft – noch bevor das Pentagon überhaupt weiß, dass es sie braucht.“

Es ist ein bedeckter Frühlingstag mit 16 Grad Celsius auf dem Testgelände von Anduril Industries in den von Dürre geplagten Hügeln Südkaliforniens. Die Temperatur sei für die Überwachung perfekt. „Das Sehen“ sei gut, erklärte Palmer Luckey der sein erstes Vermögen mit dem Verkauf seines Virtual-Reality-Start-ups Oculus VR an Facebook im Jahr 2014 für zwei Milliarden US-$ machte. „Kühle Temperaturen bedeuten wenig thermische Verzerrung, was es den Wachtürmen von Anduril erleichtert, Einwanderer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko zu erkennen“.

Das autodidaktische Tech-Wunderkind – sei im September 30 Jahre alt geworden. Er lässt seine Ingenieure demonstrieren, warum die Rüstungs-Investoren eine weitere Milliarde Dollar in Anduril stecken werden. Seit 2017 seien insgesamt 1,8 Milliarden US-$ aufgebracht worden. Luckey besitze mindestens 11 % des Unternehmens, was zusammen mit seinem Facebook-Gewinn sein derzeitiges Nettovermögen auf schätzungsweise 1,4 Milliarden US-$ erhöhe. Dieser Wert werde sich nach der neuen Finanzierungsrunde für das Unternehmens um 70 % auf acht Milliarden US-$ steigern.

Ein bodengestützter Infrarotsensor erkennt einen Pick-up auf einer Straße im Testgebiet und löst eine Kamera an einem Mast aus, die das Fahrzeug anvisiert. Ein KI-Programm namens Lattice, das Anduril als seine Kerntechnologie betrachte, hebt den Lkw hervor und identifiziert ihn als Fahrzeug. Während der Lkw hinter einem Hügel verschwindet, schießt eine getarnte schwarze Hubschrauberdrohne namens Ghost los, um ihn im Blick zu behalten. Auf dem Monitor hält der Lkw an, ein Mann steigt aus und lässt eine Drohne starten. Ein Hochfrequenzsensor empfängt ein Signal von der Drohne und verrät, dass es sich um eine DJI P4 aus chinesischer Produktion handelt. Die KI-Lattice stuft den Mann und die Drohne sofort als „verdächtig“ ein. Um die Drohne zu neutralisieren, öffnet sich eine Metallbox und ein stämmiger Quadcopter namens Anvil hebt mit erstaunlicher Geschwindigkeit ab. Er hat nur eine Aufgabe: in eindringende Drohnen zu krachen und sie vom Himmel zu holen.

„Wir können die Batterien abfackeln, das Flugwerk abfackeln und einfach lächerlich schnell fliegen“, sagt Luckey, der trotz des Wetters sein Markenzeichen trägt: Flip-Flops, Cargo-Shorts und ein Hawaii-Hemd. „Es gibt definitiv einen Heimvorteil, wenn es um den Kampf Drohne gegen Drohne geht.“, laut Forbes.

Es sei „ein brachialer, direkter Ansatz“, der zu Luckey passe. „Vor acht Jahren erntete er als jugendliches Wunderkind, das Pionierarbeit in Sachen virtuelle Realität leistete, jede Menge Lob von der Presse (einschließlich einer Forbes-Titelgeschichte). Aber drei Jahre, nachdem er sich an Mark Zuckerberg verkauft hatte, wurde er von Facebook wegen seiner Unterstützung für Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen 2016 gefeuert“, so Forbes.

Sein nächster Schritt, ein Rüstungs-Start-up zu gründen – zusammen mit dem Founders Fund des liberalen Milliardärs Peter Thiel und Führungskräften von Thiels Spionage-Softwarehersteller Palantir – vervollständigte Luckeys geistigen Abgang aus dem, laut forbes „linksgerichteten“ Silicon Valley. Er verließ das Valley auch physisch. Der Hauptsitz von Anduril befindet sich in Costa Mesa. Es liegt näher an den Militärbasen von San Diego als am „Zentrum des Metaversums in Menlo Park“.

Kluge Leute, vor allem Ingenieure, wollen in Palmers Nähe sein, weil er elektrisierend sei.

Nachdem er Freunde verloren habe, die ihn als Kriegstreiber kritisierten, fühlte sich Luckey angeblich plötzlich bestätigt. Nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine, wo Anduril über Systeme vor Ort verfüge (welche genau das sind, will er nicht sagen), wollten sich einige Leute entschuldigen. Sie würden jetzt erkennen, „dass es für die USA wirklich wichtig ist, bessere Waffen zu haben“, sagt er laut Forbes.

Wie er beim Bau dieser Waffen vorgehe, sei der Schlüssel zum Verständnis dessen, was sein Unternehmen auszeichne. „Anduril, das im letzten Jahr einen geschätzten Umsatz von 150 Millionen US-$ erwirtschaftete, entwickelt einen Großteil seiner Technologie auf eigene Rechnung. Eine Wette mit hohem Einsatz, die die übliche Vorgehensweise von Militärunternehmen auf den Kopf stelle. Anstatt darauf zu warten, dass das Verteidigungsministerium ein mehrjähriges Verfahren zur Festlegung der technischen Anforderungen einleite und Angebote zur Entwicklung von Prototypen einhole, gehe Anduril voran und stelle Waffen- und Überwachungssysteme her, von denen Luckey glaubt, dass die Regierung sie haben will, wenn diese auch funktionieren. „Wir wollen das Unternehmen sein, an das das Verteidigungsministerium als Erstes denkt, wenn es etwas braucht“, sagt Luckey laut Forbes.

Zwei bisher nicht veröffentlichte Projekte:

  • eine schnelle, bewaffnete Drohne, die laut Luckey in einigen Fällen bemannte Kampfflugzeuge ersetzen soll, um Verletzungen der Luftzone abzufangen. Und
  • eine große Überwachungsdrohne (die nur unter der Bedingung gezeigt wurde, dass sie nicht im Detail beschrieben werde). Sie wurde für den vertikalen Start und die vertikale Landung konzipiert. Das macht sie unabhängig von Landebahnen. Sie kann große Entfernungen autonom fliegen. Das lasse sie für die Weiten des Pazifiks geeignet erscheinen. Für beides gäbe es keine offizielle Anfrage des Pentagons.

Die Verbindung von Luckeys Vergangenheit und Gegenwart zeige sich auch in einem komplexen Simulationswerkzeug, das Lattice mit einer Videospiel-Maschine von Carbon Games verbindet. Das Carbon Studio hat Anduril 2019 übernommen. Damit könne das Verteidigungsministerium Tausende von schnellen „Was-wäre-wenn“-Szenarien durchspielen. Beispielsweise auch, wie sich Konflikte entwickeln könnten. Die Szenarien könnten sowohl mit VR-Brillen als auch auf normalen Bildschirmen betrachtet werden. Außerdem helfe es Anduril bei der Entscheidung, welche Hardware als Nächstes gebaut werden solle.

Luckey sei zuversichtlich, dass seine Technologie der anderer Verteidigungsgiganten überlegen ist. Anduril gehe aber kein Risiko ein. Nach Angaben der Bundesbehörden hätten 39 Lobbyisten daran gearbeitet, Anduril im Jahr 2021 in Washington zum Durchbruch zu verhelfen. Das Unternehmen habe von Anfang an ein starkes Team von Veteranen aus Washington und dem Verteidigungsministerium angeheuert. Allen voran Christian Brose. Er ist ein ehemaliger leitender Mitarbeiter des Senatsausschusses für Streitkräfte. Sie darauf drängen darauf, den angeblich schwerfälligen Beschaffungsprozess zu beschleunigen und die auf Vorschlägen basierenden Wettbewerbe zugunsten von mehr Versuchen und Testläufen abzuschaffen. Auch Luckey verbringe persönlich viel Zeit in Washington. „Die Leute wollen glauben, dass man gewinnt, wenn man das beste Produkt baut. So funktioniert die reale Welt aber nicht“, sagt er. (Damit meinter er wohl nicht, das auch unsinnige Waffen von Lobbyisten auf Kosten der Steuerzahler*innen verkauft werden können?)

Luckey wurde von seiner Mutter in Long Beach, Kalifornien, zu Hause unterrichtet und erhielt seine ersten Lektionen in Sachen Technik, als er mit seinem Vater an Autos arbeitete. Schließlich übernahm er die halbe Garage und baute Dinge wie Hochleistungslaser und Spulenkanonen, die mit Hilfe von Elektromagneten Hochgeschwindigkeitsgeschosse abfeuern. Mitten im Teenageralter begann Luckey, alte Spielkonsolen mit miniaturisierter Elektronik tragbar zu machen. Die Spiele führten zur virtuellen Realität (VR): Er begann, sperrige alte VR-Headsets zu sammeln. Die Technologie stammt bereits aus den 1960er-Jahren. Der bastelte daran herum. „Der Durchbruch gelang ihm, als er erkannte, dass er die teuren, schweren Optiken durch billige, leichte ersetzen konnte, wenn er die Bilder per Software manipulierte. Das war die Geburtsstunde von Oculus Rift, dem VR-Headset, das Luckey im Alter von 16 Jahren entwickelte und das die Aufmerksamkeit von Mark Zuckerberg auf sich zog.“

Während seiner Zeit bei Facebook tüftelte Luckey an noch verrückteren Dingen:

  • Er baute ein Staustrahltriebwerk in seinem Swimmingpool und
  • er versuchte (erfolglos), Raketenstiefel herzustellen.
  • er begann, mit Trae Stephens, einem Partner bei Founders Fund, über Ideen für Startups im Rüstungsbereich zu sprechen.

Der Rechtslibertäre Politaktivist Peter Thiel und Ex-Geheimdienstler Trae Stephens

Der Rechtsextreme Thiel hatte Stephens bekanntermaßen Geheimdienstarbeit machte damit beauftragt, das nächste Palantir oder Space X zu finden, um „die tiefen Kassen der Regierung“ anzuzapfen. Da Palantir-Veteran Stephens dann mit leeren Händen dastand, wurde er ermutigt, die Art von Unternehmen, die seiner Meinung nach funktionieren würde, von Grund auf neu aufzubauen. „Stephens und Luckey waren sich – laut Forbes – einig, dass die größte Schwäche des Verteidigungsministeriums die Software sei. Die „hohen Tiere“ würden sie sie immer noch als Zusatz zu den großen Waffensystemen betrachteten. Luckey war nicht daran interessiert, selbst etwas dagegen zu unternehmen bis Facebook den Trumpfan abservierte.

Stephens rekrutierte nun seine besten Freunde von Palantir:

  • Brian Schimpf, um die Software zu leiten und als CEO zu fungieren, und
  • Matt Grimm, um das operative Geschäft zu führen.

Nachdem die beiden bei Palantir schlechte Erfahrungen mit dem Verkauf von Software an das Pentagon gemacht hatten, schmiedeten sie einen Plan, um dem Verteidigungsministerium KI in Form einer Hardware-Pille unterzuschieben: futuristische Waffen, die auf modernster Software basieren.

„Luckey, so hoffte Stephens, würde sich in Washington Respekt verschaffen – und auch ihr Hardware-Mann werden“, so Forbes.

„Intelligente Leute, vor allem Ingenieure, wollen in Palmers Nähe sein, weil er elektrisierend ist“, sagt Stephens. Seine Kreativität sei chaotisch, fügt er hinzu. Seine Mitgründer seien zur Abfederung etwaiger Irritationen da. Er sei, „wenn er richtig kanalisiert wird, nicht zu stoppen.“

2017 verkaufte das neu gegründete Unternehmen Anduril der Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP, Customs and Border Protection) die Erprobung seines ersten Konzepts: Wachtürme, die automatisch Personen und Fahrzeuge erkennen, die die Grenze illegal überqueren, und so die Beamten von vielen Routinepatrouillen befreien.

2020 erteilte die Behörde Anduril einen Vertrag im Wert von bis zu 250 Millionen US-$. Bis Februar 20 hatte die CBP 176 Türme an der mexikanischen Grenze aufgestellt.

Im Januar 2022 erhielt Anduril seine bisher größte Bestätigung:

Einen Vertrag zur Übernahme der Drohnenabwehr des US Special Operations Command, der über einen Zeitraum von zehn Jahren fast eine Milliarde US-$ wert sein könnte. Und eine weitere, noch größere Chance zeichnet sich am Horizont ab: Das Pentagon ist bestrebt, alle seine Überwachungs- und Waffensysteme miteinander zu verknüpfen, um eine einheitliche Sicht auf das Schlachtfeld zu schaffen und sie aus der Ferne zu steuern, während sie gleichzeitig gegen Hackerangriffe und Störsender resistent sind. Das Programm heißt Joint All Domain Command and Control (JADC2) – Anduril und andere, darunter Palantir und das in Redwood City, Kalifornien, ansässige Unternehmen C3 AI, buhlen angeblich um potenzielle Ausgaben in Höhe von mehreren Milliarden Dollar.

Anduril sei zuversichtlich, dass sein Softwaresystem Lattice dies bewerkstelligen kann. Bei einem Versuch der Luftwaffe im Jahr 2020 kombinierte Anduril das Radar mit seinen Sensortürmen, um ankommende Marschflugkörper zu erkennen und automatisch Zieldaten an mehrere Waffensysteme, darunter eine F-16 und eine Paladin-Haubitze, weiterzuleiten, um diese auszuschalten. Bemerkenswert sei, dass das System nur von einem einzigen Piloten überwacht werden musste.

„Sie stehen definitiv an der Spitze“, sagt Nicolas Chaillan, ehemaliger Chief Software Officer der Air Force. Er warnt allerdings auch davor, dass das Projekt durch isolierte Entwicklungsbemühungen, die letztlich nicht ineinandergreifen, zum Scheitern verurteilt sein könnte.

Palmer Freeman Luckey…
…(29) gründete das Unternehmen Oculus VR, das später an Facebook ging. Er ist der Erfinder der Oculus Rift, einem Virtual-Reality-Headset. 2017 gründete das Tech-Wunderkind das Rüstungsunternehmen Anduril. Die Firma zählt derzeit knapp 1.000 Mitarbeiter.

Sollte es wie andere Modernisierungsprojekte scheitern, zeigt sich Luckey unbesorgt. Schließlich habe Anduril neben laufenden Regierungsverträgen jetzt auch eine prall gefüllte Kriegskasse mit „VC-Geldern“. Das Pentagon müsse sich nicht um Palmer Luckey sorgen, sagt er, sondern um die Suche nach dem nächsten Palmer Luckey. „Sie müssen sich Gedanken darüber machen, wie sie Leute wie mich, als ich 19 war – mit guter Technik und guten Ideen –, zu erfolgreichen Verkäufern machen können. Denn im Moment gibt es einfach keinen Weg dorthin.“

Wolfgang Borchert (1946)
Dann gibt es nur eins!
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt.
Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen
– sondern Stahlhelme und Maschinengewehre. dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN! Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Haßlieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du
sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
dann:
In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben –
die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen –
eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam – der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken –
in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln –
in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln — zerbröckeln — zerbröckeln —
dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – wenn – wenn ihr nicht NEIN sagt.

zitiert aus: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Rowohlt 1986, Seite 318 ff


 

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