Aufrüstung heizt das Klima an: Die Rechnung, über die Europa kaum spricht

Eine neue Studie zeigt: Höhere Militärausgaben erhöhen nicht nur den direkten Treibstoffverbrauch. Sie können ganze Volkswirtschaften in Richtung energieintensiver Produktion verschieben und Forschung, Kapital sowie Fachkräfte von der grünen Wende abziehen.
Europa verfolgt zwei riesige Vorhaben gleichzeitig.
Einerseits sollen die Treibhausgasemissionen rasch sinken. Stromerzeugung, Verkehr, Gebäude und Industrie müssen innerhalb weniger Jahrzehnte weitgehend unabhängig von Kohle, Öl und Erdgas werden.
Andererseits steigen die Militärausgaben in einem seit dem Ende des Kalten Krieges kaum gekannten Ausmaß. Die NATO-Staaten beschlossen 2025, bis 2035 jährlich fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für militärische Kernaufgaben und weitere sicherheitsbezogene Bereiche bereitzustellen. Mindestens 3,5 Prozent sollen auf die enger gefasste militärische Verteidigung entfallen. (NATO)
Kann beides gleichzeitig gelingen?
Der Ökonom Balázs Markó von der Bocconi-Universität in Mailand liefert dazu eine der bisher gründlichsten Untersuchungen. Seine Studie trägt den Titel:
„The Green Peace Dividend: The Effects of Militarisation on Emissions and the Green Transition“ auf Deutsch etwa: „Der grüne Friedensgewinn: Die Auswirkungen der Militarisierung auf Emissionen und den ökologischen Umbau“.
Das zunächst 2024 veröffentlichte Arbeitspapier wurde überarbeitet, wissenschaftlich begutachtet und am 28. Mai 2026 in der Fachzeitschrift Environmental and Resource Economics veröffentlicht. Der Beitrag ist frei zugänglich. (Springer)
Markós Ergebnis ist politisch brisant:
Steigt der Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt um einen Prozentpunkt, erhöhen sich die gesamten Treibhausgasemissionen eines Landes nach seiner empirischen Untersuchung um etwa 0,9 bis 2 Prozent.
Gleichzeitig steigt die sogenannte Emissionsintensität – also die Menge an Treibhausgasen je Einheit Wirtschaftsleistung – um ungefähr ein Prozent. Die Wirtschaft wächst demnach nicht bloß vorübergehend. Sie wird in ihrer Zusammensetzung tendenziell klimaschädlicher. (Springer)
Was bedeutet „ein Prozentpunkt mehr“?
Ein Prozentpunkt ist nicht dasselbe wie ein Prozent mehr.
Gibt ein Staat bisher zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung für das Militär aus und erhöht diesen Anteil auf drei Prozent, dann steigt die Militärquote um einen Prozentpunkt – obwohl das Militärbudget, je nach Wirtschaftsentwicklung, ungefähr um die Hälfte wächst.
Bei einer Volkswirtschaft mit einer jährlichen Wirtschaftsleistung von 500 Milliarden Euro entspricht ein zusätzlicher Prozentpunkt rund fünf Milliarden Euro pro Jahr.
Markós Untersuchung legt nahe, dass eine derartige dauerhafte Verschiebung nicht nur das Militär selbst betrifft. Sie verändert Nachfrage, Investitionen und industrielle Kapazitäten in der gesamten Wirtschaft.
Warum Aufrüstung die Emissionen erhöht
Der Zusammenhang besteht aus mehreren Ebenen.
1. Streitkräfte verbrauchen große Mengen fossiler Energie
Kampfflugzeuge, Schiffe, Panzer, schwere Transportfahrzeuge, Militärbasen, Übungen und weltweite Lieferketten benötigen beträchtliche Mengen Energie. Viele militärische Anwendungen lassen sich kurzfristig nur schwer elektrifizieren.
Kerosin für Kampfflugzeuge besitzt beispielsweise eine sehr hohe Energiedichte. Batterien sind für zahlreiche militärische Flug- und Einsatzprofile noch keine gleichwertige Alternative.
Mehr Übungen, mehr Bereitschaft, mehr Transporte und größere Streitkräfte bedeuten daher in der Regel mehr Verbrauch von Erdölprodukten.
2. Rüstungsproduktion braucht besonders viel Energie und Material
Nicht nur der Betrieb der Streitkräfte verursacht Emissionen.
Die Herstellung von Panzern, Flugzeugen, Schiffen, Raketen, Munition und militärischer Infrastruktur benötigt unter anderem:
- Stahl und andere Metalle,
- Aluminium,
- Gummi,
- Kunststoffe,
- Zement,
- Chemikalien,
- elektronische Bauteile,
- große Mengen Strom und Prozesswärme.
Markós Daten zeigen, dass nach einem starken militärischen Ausgabenschub besonders emissionsreiche Wirtschaftszweige wie Bergbau, Rohstoffgewinnung und energieintensive Vorleistungsindustrien wachsen können. Dienstleistungen und Landwirtschaft verlieren im Verhältnis dazu an Gewicht. (Springer)
Die Volkswirtschaft wird dadurch nicht nur größer oder kleiner. Ihre innere Struktur verschiebt sich.
3. Die Emissionen entstehen entlang der gesamten Lieferkette
Ein Verteidigungsministerium kann seine eigene Bilanz verbessern, indem es Kasernen dämmt, Solaranlagen errichtet oder Dienstfahrzeuge elektrifiziert.
Damit ist jedoch nur ein Teil der Klimawirkung erfasst.
Ein großer Teil entsteht bei den Zulieferern:
- in Stahlwerken,
- in der chemischen Industrie,
- bei der Herstellung elektronischer Systeme,
- beim Bau militärischer Anlagen,
- bei internationalen Transporten,
- bei Wartung und Ersatzteilproduktion.
Solange diese Lieferketten auf fossiler Energie beruhen, wächst mit der Rüstungsproduktion auch ihr Klima-Fußabdruck.
Der zweite Effekt: Die grüne Wende wird verdrängt
Markós wichtigste Erweiterung gegenüber vielen früheren Untersuchungen besteht darin, dass er nicht nur die unmittelbaren Emissionen betrachtet.
Er untersucht auch, ob Aufrüstung jene Mittel bindet, die für den ökologischen Umbau benötigt werden.
Denn Rüstungsunternehmen und erneuerbare Energien konkurrieren teilweise um dieselben knappen Grundlagen:
- öffentliche Budgets,
- privates Kapital,
- Ingenieurinnen und Ingenieure,
- Facharbeiter,
- elektronische Bauteile,
- Metalle und seltene Rohstoffe,
- Forschungsförderung,
- Produktionshallen,
- Genehmigungs- und Planungskapazitäten.
Wird ein großer Teil dieser Ressourcen für die Erweiterung der Rüstungsproduktion verwendet, stehen sie nicht gleichzeitig für Windkraftanlagen, Stromnetze, Speicher, Wärmepumpen, Bahnstrecken oder die Sanierung von Gebäuden zur Verfügung.
Markós Wirtschaftsmodell zeigt, dass militärische Ausgabenschübe unter bestimmten Bedingungen Investitionen in erneuerbare Energien verdrängen können. (Springer)
Dieser Effekt lässt sich nicht immer direkt in einer Haushaltszeile erkennen. Er entsteht auch durch steigende Preise, fehlendes Personal, längere Lieferzeiten und höhere Zinsen.
10 bis 25 Prozent weniger grüne Patente?
Besonders aufsehenerregend ist ein weiteres Ergebnis.
Nach einem starken militärischen Ausgabenschub ging die Zahl der Patente für Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel in Markós Untersuchung um ungefähr 10 bis 25 Prozent zurück.
Das könnte bedeuten, dass Forschungsgeld, Unternehmen und Fachkräfte ihre Aufmerksamkeit von zivilen Umwelttechnologien auf militärische Aufgaben verlagern.
Allerdings formuliert die endgültige Fachveröffentlichung hier vorsichtiger als frühere Fassungen des Arbeitspapiers.
Markó bezeichnet den Befund ausdrücklich als vorläufigen Hinweis. Die Patentdaten schwanken deutlich, und die Ergebnisse unterscheiden sich je nach untersuchter Ländergruppe und Berechnung. Deshalb sollte die Zahl von 10 bis 25 Prozent nicht wie ein unumstößliches Naturgesetz behandelt werden. (Springer)
Die zentrale Warnung bleibt dennoch bestehen:
Wenn weniger in umweltfreundliche Erfindungen investiert wird, steigen nicht nur die heutigen Emissionen. Auch der künftige technische Fortschritt kann langsamer werden.
Damit könnte Aufrüstung langfristig nicht allein das Niveau, sondern sogar das Wachstum der Emissionen erhöhen.
Was genau hat Markó untersucht?
Die Studie verbindet zwei unterschiedliche Methoden.
Ländervergleich über mehrere Jahrzehnte
Markó verwendet Jahresdaten verschiedener Staaten und versucht, plötzliche Veränderungen der Militärausgaben von allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungen zu trennen.
Das ist wichtig, weil Militärausgaben und Emissionen aus vielen Gründen gleichzeitig steigen können – etwa durch Wirtschaftswachstum, höhere Energiepreise oder internationale Krisen.
Mit statistischen Verfahren untersucht er, wie sich Emissionen in den Jahren nach einem unerwarteten militärischen Ausgabenschub entwickeln.
Das Ergebnis:
Ein Anstieg der Militärausgabenquote um einen Prozentpunkt führt in der empirischen Analyse zu etwa
- 0,9 bis 2 Prozent höheren Gesamtemissionen und
- rund einem Prozent höherer Emissionsintensität.
Die Größe des Effekts hängt davon ab, wie emissionsreich die jeweilige Wirtschaftsstruktur bereits ist. (Springer)
Ein Wirtschaftsmodell für die USA
Zusätzlich entwickelt Markó ein Modell, das die Verflechtungen zwischen Wirtschaftszweigen abbildet.
Es untersucht, was geschieht, wenn die Nachfrage des Militärs steigt und Unternehmen ihre Produktionskapazitäten anpassen.
Die endgültige Veröffentlichung kommt für einen dauerhaften Anstieg der Militärausgabenquote um einen Prozentpunkt – je nach Zusammensetzung der Ausgaben – auf:
- 0,25 bis 1,38 Prozent mehr Gesamtemissionen,
- 0,12 bis 1,06 Prozent höhere Emissionsintensität.
Diese Modellwerte liegen teilweise unter den Ergebnissen des internationalen Ländervergleichs. (Springer)
Wichtiger Hinweis zu unterschiedlichen Zahlen
In früheren Fassungen des Arbeitspapiers wurden für das US-Modell noch höhere Bandbreiten genannt. Die wissenschaftlich begutachtete Endfassung von 2026 enthält überarbeitete Werte.
Für eine aktuelle Berichterstattung sollten daher die Zahlen der veröffentlichten Endfassung verwendet werden:
0,25 bis 1,38 Prozent zusätzliche Gesamtemissionen im Modell, nicht die älteren 0,36 bis 1,81 Prozent.
Wie groß ist der weltweite militärische Klima-Fußabdruck?
Verlässliche Zahlen fehlen, weil militärische Emissionen international nur unvollständig gemeldet werden.
Eine gemeinsame Untersuchung des britischen Conflict and Environment Observatory und der Organisation Scientists for Global Responsibility schätzte den gesamten Klima-Fußabdruck der Streitkräfte einschließlich ihrer Lieferketten für 2019 auf ungefähr 5,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen.
Wären die weltweiten Streitkräfte ein Staat, läge ihr Klima-Fußabdruck dieser Schätzung zufolge ungefähr an vierter Stelle – hinter China, den USA und Indien und vor Russland. (CEOBS)
Diese 5,5 Prozent sind keine präzise Messung, sondern eine wissenschaftlich begründete Schätzung.
Sie macht vor allem eines sichtbar: Der militärische Bereich ist keine unbedeutende Randquelle.
Die große Datenlücke
Während Kraftwerke, Industrieanlagen und Fluggesellschaften zunehmend genau erfasst werden, bleiben militärische Emissionen vielfach verborgen.
Die Berichte der Staaten an die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen sind lückenhaft. Teilweise werden militärische und zivile Verbräuche zusammengefasst. Teilweise fehlen die Emissionen internationaler Einsätze oder der Rüstungsindustrie.
Das Conflict and Environment Observatory bezeichnet diese Differenz zwischen realen und ausgewiesenen Emissionen als „military emissions gap“ – militärische Emissionslücke.
Noch 2025 bestand keine allgemeine internationale Pflicht, sämtliche militärischen Emissionen vollständig und nach einheitlichen Regeln offenzulegen. (CEOBS)
Das erschwert sowohl die öffentliche Kontrolle als auch glaubwürdige Klimapläne.
Europas neuer Zielkonflikt
Der Konflikt zwischen Aufrüstung und Klimaschutz ist für Europa besonders bedeutsam.
Die NATO-Staaten beschlossen 2025, ihre verteidigungs- und sicherheitsbezogenen Ausgaben bis 2035 auf fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Davon sollen mindestens 3,5 Prozent für militärische Kernaufgaben verwendet werden. Weitere bis zu 1,5 Prozent können unter anderem für Infrastruktur, Netzsicherheit, Zivilschutz und die industrielle Verteidigungsbasis angerechnet werden. (NATO)
Dabei ist eine genaue Unterscheidung notwendig:
Nicht jeder Euro innerhalb der Fünf-Prozent-Vorgabe verursacht dieselbe Menge an Emissionen. Investitionen in Katastrophenschutz, zivile Widerstandsfähigkeit, Bahnstrecken oder sichere Stromnetze können auch dem Klimaschutz dienen.
Der besonders emissionsreiche Teil entsteht dort, wo zusätzliche Mittel in folgende Bereiche fließen:
- fossile Treibstoffe,
- Kampfflugzeuge,
- schwere Fahrzeuge,
- Kriegsschiffe,
- Munition,
- energieintensive Rüstungsproduktion,
- neue militärische Infrastruktur.
Eine pauschale Übertragung von Markós Ergebnissen auf jede einzelne NATO-Ausgabe wäre daher wissenschaftlich unzulässig.
Die Studie zeigt eine durchschnittliche Wirkung früherer militärischer Ausgabenschübe. Wie groß der künftige Klimaeffekt ausfällt, hängt stark von der Zusammensetzung der Programme ab.
Eine mögliche Größenordnung
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung mehrerer Fachleute von CEOBS, Scientists for Global Responsibility und beteiligten Universitäten übertrug Markós Bandbreite auf die geplante Aufrüstung der europäischen und weiteren nichtamerikanischen NATO-Staaten.
Unter den dort getroffenen Annahmen könnte der Ausbau der Militärbudgets jährlich etwa 98 bis 218 Millionen Tonnen zusätzliche CO₂-Äquivalente verursachen. (CEOBS)
Das ist keine bereits gemessene Emissionsmenge, sondern eine Hochrechnung.
Sie hängt davon ab,
- wie stark die Ausgaben tatsächlich steigen,
- wofür das Geld verwendet wird,
- wo die Ausrüstung hergestellt wird,
- wie schnell die Industrie dekarbonisiert wird,
- ob zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen beschlossen werden.
Trotz dieser Unsicherheiten zeigt die Größenordnung, dass die Aufrüstung Europas Klimaziele wesentlich beeinflussen könnte.
Sicherheit gegen Klimaschutz?
Die politische Debatte wird häufig als einfache Wahl dargestellt:
Entweder Europa rüstet auf – oder es ist schutzlos.
Diese Gegenüberstellung greift zu kurz.
Markó selbst bestreitet nicht, dass militärische Fähigkeiten unter bestimmten Bedingungen zur Abschreckung beitragen und Angriffe verhindern können. Er hält ausdrücklich fest, dass Regierungen angesichts realer Bedrohungen zu dem Schluss kommen können, ihre Verteidigung stärken zu müssen. (Springer)
Die Studie beantwortet daher nicht die Frage, wie hoch ein militärisch notwendiges Verteidigungsbudget sein soll.
Sie beantwortet eine andere, bisher oft ausgeblendete Frage:
Welche Klima- und Wirtschaftsfolgen entstehen, wenn Militärausgaben stark erhöht werden?
Diese Folgen verschwinden nicht dadurch, dass eine Regierung die Aufrüstung sicherheitspolitisch für notwendig erklärt.
Auch die Klimakrise ist eine Sicherheitsgefahr
Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, Ernteausfälle und steigende Meeresspiegel gefährden Menschen unmittelbar.
Sie können Lebensgrundlagen zerstören, Staaten wirtschaftlich überfordern und bestehende Konflikte verschärfen.
Wer militärische Sicherheit gegen Klimaschutz ausspielt, kann daher eine Gefahr bekämpfen und gleichzeitig eine andere vergrößern.
Besonders problematisch wäre eine Rückkopplung:
- Konflikte und geopolitische Spannungen führen zu Aufrüstung.
- Aufrüstung erhöht Emissionen und schwächt den grünen Umbau.
- Die Klimakrise verschärft soziale Not und politische Spannungen.
- Neue Spannungen führen zu weiterer Aufrüstung.
Aus einer Sicherheitsstrategie würde so eine Unsicherheitsspirale.
Markó weist auf die Möglichkeit einer solchen positiven Rückkopplung ausdrücklich hin. (Springer)
Kann es ein „grünes Militär“ geben?
Streitkräfte können ihre Emissionen verringern:
- Gebäude können saniert werden.
- Militärbasen können erneuerbaren Strom nutzen.
- Fahrzeuge für Verwaltung und kurze Strecken können elektrifiziert werden.
- Lieferketten können strengere Klimavorgaben erhalten.
- Übungen und Transporte können besser geplant werden.
- Treibstoffe können effizienter verwendet werden.
Doch militärische Dekarbonisierung stößt an Grenzen.
Bei Kampfflugzeugen, schweren Fahrzeugen und Kriegsschiffen besitzen fossile Treibstoffe weiterhin erhebliche technische Vorteile. Militärs werden in der Regel keine Lösung akzeptieren, die Reichweite, Geschwindigkeit oder Einsatzfähigkeit stark einschränkt.
Die Untersuchung zu den Auswirkungen wachsender Militärausgaben auf das UN-Klimaziel SDG 13 kommt deshalb zu dem Schluss, dass technische Verbesserungen allein den Effekt einer starken mengenmäßigen Ausweitung militärischer Aktivitäten kaum ausgleichen dürften. (CEOBS)
Ein effizienterer Panzer bleibt ein Panzer. Werden sehr viel mehr davon gebaut und betrieben, können die Gesamtemissionen trotz besserer Technik steigen.
Was Regierungen tun könnten
Markó nennt zwei wirtschaftspolitische Grundwege, um den Klimaeffekt einer militärischen Aufrüstung zu begrenzen.
1. Emissionsgrenzen und CO₂-Preise verschärfen
Steigen die militärisch verursachten Emissionen, könnten Regierungen an anderer Stelle strengere Obergrenzen oder höhere CO₂-Preise durchsetzen.
Theoretisch ließe sich so verhindern, dass die gesamten Emissionen zunehmen.
Politisch ist dieser Weg schwierig. Wenn Haushalte bereits durch höhere Militärausgaben, Inflation oder gekürzte Sozialleistungen belastet werden, können zusätzliche Energiepreise starken Widerstand hervorrufen.
Außerdem werden militärische Tätigkeiten häufig von normalen Umweltregeln ausgenommen.
2. Zusätzliche grüne Investitionen absichern
Markó hält zusätzliche Förderungen für umweltfreundliche Investitionen für erfolgversprechender.
Steigt das Militärbudget, müssten gleichzeitig verbindliche Mittel bereitgestellt werden für:
- erneuerbare Energien,
- Stromnetze und Speicher,
- öffentliche Verkehrsmittel,
- Gebäudesanierung,
- klimafreundliche Industrie,
- Forschung und Entwicklung,
- Ausbildung zusätzlicher Fachkräfte.
Entscheidend ist das Wort zusätzlich.
Wer Klimaprogramme kürzt, um Aufrüstung zu finanzieren, verstärkt genau den Verdrängungseffekt, vor dem die Studie warnt.
Ein friedenspolitischer Schritt weiter
Aus friedenspolitischer Sicht reicht es nicht, Militärtechnik lediglich etwas klimafreundlicher zu machen.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie lässt sich Sicherheit so organisieren, dass möglichst wenig militärische Gewalt vorbereitet und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft erhöht wird?
Dazu gehören neben einer glaubwürdigen Verteidigung insbesondere:
- Diplomatie und Krisenprävention,
- Rüstungskontrolle,
- überprüfbare Begrenzung offensiver Waffensysteme,
- Frühwarnung und Vermittlung,
- Schutz kritischer Infrastruktur,
- zivile Katastrophenvorsorge,
- Energiesicherheit durch erneuerbare Quellen,
- Schutz vor Cyberangriffen,
- Verringerung wirtschaftlicher Erpressbarkeit,
- gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Jeder Konflikt, der frühzeitig politisch entschärft wird, erspart nicht nur menschliches Leid und wirtschaftliche Zerstörung. Er verhindert auch Emissionen, die durch jahrelange Aufrüstung, militärische Einsätze und späteren Wiederaufbau entstehen.
Genau darin liegt der von Markó beschriebene Green Peace Dividend: der grüne Friedensgewinn.
Was wir wissen
- Militärische Aktivitäten und Rüstungsproduktion benötigen große Mengen Energie und Rohstoffe.
- Die Streitkräfte sind weiterhin stark von fossilen Treibstoffen abhängig.
- Höhere Militärausgaben können emissionsreiche Industrien vergrößern.
- Markós empirische Analyse findet nach einem Anstieg der Militärausgabenquote um einen Prozentpunkt 0,9 bis 2 Prozent höhere Gesamtemissionen.
- Die Emissionsintensität steigt in der Untersuchung um ungefähr ein Prozent.
- Es gibt Hinweise, dass militärische Ausgabenschübe grüne Investitionen und Innovationen verdrängen.
- Militärische Emissionen werden international nur unvollständig ausgewiesen.
- Die weltweite militärische Klimabilanz ist groß genug, um für die Erreichung der Klimaziele wesentlich zu sein.
Was wir noch nicht genau genug wissen
- Wie hoch die gegenwärtigen weltweiten militärischen Emissionen tatsächlich sind?
- Welcher Anteil der geplanten europäischen Ausgaben unmittelbar emissionsintensiv sein wird?
- Wie stark neue Technologien militärische Emissionen senken können?
- Ob der beobachtete Rückgang grüner Patente in allen Ländern und Zeiträumen gleich stark auftritt?
- Wie viel zusätzliche grüne Förderung notwendig wäre, um den Verdrängungseffekt vollständig auszugleichen?
- Welche Kombination aus militärischer Verteidigung, ziviler Widerstandsfähigkeit, Diplomatie und Rüstungskontrolle die größte reale Sicherheit pro eingesetztem Euro schafft?
Die entscheidende politische Frage
Die neue Forschung beweist nicht, dass jede Erhöhung eines Verteidigungsbudgets falsch ist.
Sie beweist auch nicht, dass Abrüstung unter allen politischen Bedingungen automatisch Frieden schafft.
Aber sie widerlegt die Vorstellung, Aufrüstung könne klimapolitisch wie ein neutraler Nebenhaushalt behandelt werden.
Militärausgaben haben einen materiellen Fußabdruck. Sie beanspruchen Energie, Rohstoffe, Kapital, Forschung, Arbeitskräfte und industrielle Kapazitäten.
Wer sehr viel mehr für Rüstung ausgeben will, muss deshalb offen beantworten:
- Wie viele zusätzliche Emissionen entstehen?
- Wo werden diese Emissionen eingespart?
- Welche Klimaprogramme werden vor Kürzungen geschützt?
- Wie werden militärische Lieferketten vollständig erfasst?
- Welche Investitionen verhindern, dass grüne Technik verdrängt wird?
- Welche diplomatischen und rüstungskontrollpolitischen Maßnahmen können den Rüstungsbedarf wieder senken?
Ohne solche Antworten besteht die Gefahr, dass Europa Milliarden in militärische Sicherheit investiert, während es seine ökologische Sicherheit untergräbt.
Fazit
Balázs Markós Studie macht einen bisher vernachlässigten Zusammenhang messbar:
Aufrüstung erhöht nicht nur den Treibstoffverbrauch von Streitkräften. Sie kann die gesamte Wirtschaftsstruktur in Richtung energie- und rohstoffintensiver Produktion verschieben.
Zugleich droht sie, Kapital, Fachkräfte und Forschung von jener technischen Erneuerung abzuziehen, die zur Bewältigung der Klimakrise dringend benötigt wird.
Die Zahlen sind mit Unsicherheiten verbunden. Besonders der Rückgang grüner Patente muss durch weitere Studien überprüft werden.
Die grundlegende Botschaft ist jedoch robust:
Militärpolitik und Klimapolitik können nicht länger getrennt geplant werden.
Wenn Regierungen eine militärische Aufrüstung für notwendig halten, müssen sie deren Klimafolgen vollständig bilanzieren und durch zusätzliche Maßnahmen ausgleichen.
Noch besser wäre eine Sicherheitspolitik, die Abschreckung dort, wo sie unvermeidlich erscheint, mit Diplomatie, Rüstungskontrolle, Konfliktprävention und gemeinsamer Sicherheit verbindet.
Denn jeder vermiedene Rüstungswettlauf schafft mehr als einen Friedensgewinn.
Er schafft auch Zeit, Geld, Wissen und industrielle Kraft für die Bewahrung unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen.
Quellen und weiterführende Links
Wissenschaftliche Primärquelle
Balázs Markó: The Green Peace Dividend: The Effects of Militarisation on Emissions and the Green Transition.
Environmental and Resource Economics, Band 89, Artikel 40, veröffentlicht am 28. Mai 2026. Open Access. DOI: 10.1007/s10640-026-01089-y. (Springer)
Frühere Fassung als Arbeitspapier bei arXiv.
Die verschiedenen Fassungen ermöglichen es, Änderungen zwischen dem ursprünglichen Arbeitspapier und der wissenschaftlich begutachteten Veröffentlichung nachzuvollziehen. (arXiv)
RePEc-Eintrag zur Fachveröffentlichung.
Bibliografische Angaben und Zitierinformationen. (IDEAS/RePEc)
Militärische Emissionen
Linsey Cottrell und Stuart Parkinson: Estimating the Military’s Global Greenhouse Gas Emissions.
Gemeinsame Untersuchung von Scientists for Global Responsibility und Conflict and Environment Observatory, November 2022. (CEOBS)
Conflict and Environment Observatory: Military Emissions Gap.
Aktuelle Informationen über Lücken in der Erfassung und Meldung militärischer Emissionen. (CEOBS)
Aufrüstung und Klimaziel SDG 13
How Increasing Global Military Expenditure Threatens SDG 13 on Climate Action.
Analyse für die Debatte der Vereinten Nationen über die Folgen steigender Militärausgaben für nachhaltige Entwicklung, veröffentlicht 2025 und später berichtigt. (CEOBS)
NATO-Beschlüsse
NATO: Defence Investment and the 5% Commitment.
Erläuterung des 2025 beschlossenen Ziels, bis 2035 insgesamt fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für militärische Kernaufgaben und weitere sicherheitsbezogene Ausgaben bereitzustellen. (NATO)
The Hague Summit Declaration, 25. Juni 2025.
Offizieller Wortlaut des NATO-Beschlusses. (NATO)
Interne Friedensnews-Verlinkungen
An geeigneten Stellen sollten nach Wiederherstellung beziehungsweise Prüfung der endgültigen Internetadressen interne Links zu folgenden Friedensnews-Schwerpunkten gesetzt werden:
- EU Green Deal und europäische Aufrüstung
Ankertext: „der Zielkonflikt zwischen Green Deal und europäischer Aufrüstung“ - Die militärische Emissionslücke
Ankertext: „warum militärische Emissionen in Klimabilanzen fehlen“ - ReArm Europe beziehungsweise Readiness 2030
Ankertext: „Europas neues Aufrüstungsprogramm“ - Militärausgaben und nachhaltige Entwicklungsziele
Ankertext: „wie Aufrüstung die SDGs gefährdet“ - Gemeinsame Sicherheit und Rüstungskontrolle
Ankertext: „Alternativen zum unbegrenzten Rüstungswettlauf“ - Klima, Frieden und Sicherheit
Ankertext: „warum die Klimakrise selbst eine Sicherheitsgefahr ist“
Transparenzhinweis
Dieser Artikel unterscheidet zwischen:
- den empirischen Ergebnissen der wissenschaftlich begutachteten Markó-Studie,
- Ergebnissen eines für die USA berechneten Wirtschaftsmodells,
- vorläufigen Hinweisen zur Entwicklung grüner Patente,
- externen Schätzungen des weltweiten militärischen Klima-Fußabdrucks,
- Hochrechnungen zu möglichen Folgen der geplanten NATO-Aufrüstung.
Hochrechnungen sind keine gemessenen zukünftigen Emissionen. Ihre Ergebnisse hängen von den zugrunde gelegten Annahmen ab. Maßgeblich für die Darstellung der Markó-Studie ist die am 28. Mai 2026 veröffentlichte Fachfassung.
Redaktionelle Zusatzdaten
SEO-Titel:
Aufrüstung und Klima: Was die Green-Peace-Dividend-Studie zeigt
Internetadresse:green-peace-dividend-aufruestung-klimaschutz-marko
Meta-Beschreibung:
Eine neue Studie zeigt: Ein Prozentpunkt mehr Militärausgaben kann die Emissionen um 0,9 bis 2 Prozent erhöhen und grüne Innovationen verdrängen.
Vorspann für soziale Medien:
Europa will gleichzeitig massiv aufrüsten und klimaneutral werden. Eine neue Fachstudie zeigt, warum dieser Plan einen bisher kaum beachteten Zielkonflikt enthält: Steigt die Militärquote um einen Prozentpunkt des BIP, können die Treibhausgasemissionen um bis zu zwei Prozent zunehmen. Auch grüne Erfindungen und Investitionen geraten unter Druck.
Schlagwörter:
Green Peace Dividend, Balázs Markó, Aufrüstung, Klimaschutz, Militäremissionen, NATO, Green Deal, Rüstungsindustrie, militärische Emissionslücke, Friedensdividende, SDG 13, Klimasicherheit
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