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Von Johan Galtung bis Elinor Ostrom: Was uns 70 Jahre Friedensforschung über den Weg zu einer friedlicheren Welt lehren

Erstellt am 16.10.2026 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 26 mal gelesen und am 16.10.2026 zuletzt geändert.
Fiktive Videokonferenz mit zwölf bedeutenden zeitgenössischen Friedensforschenden, darunter John Paul Lederach, Erica Chenoweth, Mary Kaldor und Dieter Senghaas. Bücher von Bertha von Suttner, Alfred Hermann Fried, Johan Galtung und Elinor Ostrom symbolisieren die Geschichte der Friedensforschung.
Was wäre, wenn die führenden Köpfe der Friedensforschung gemeinsam einen wissenschaftlich begründeten Weg zu dauerhaftem Frieden und schrittweiser globaler Abrüstung entwickeln würden? Eine fiktive Weltfriedenskonferenz am 11.11.2026 (* von A.H. Fried).
KI-generierte Illustration: friedensnews.at.

Die wichtigste Erkenntnis: Es gibt keine einzelne Theorie, die Kriege ausreichend erklärt und zugleich einen verlässlichen Weg zum Weltfrieden liefert. Aber verschiedene Forschungsrichtungen haben wesentliche Teile des Problems aufgeklärt. Besonders interessant wird es, wenn wir ihre Erkenntnisse miteinander verbinden.

Für diese kompelexe Frage müssen wir drei Probleme unterscheiden:

  1. Kriegsursachen: Warum beginnen Kriege, obwohl sie meist gewaltige Kosten verursachen?
  2. Friedensfähigkeit: Warum halten sich Gewalt, Misstrauen und Aufrüstung selbst dann, wenn alle Beteiligten von Zusammenarbeit profitieren könnten?
  3. Systemveränderung: Wie schaffen wir internationale Regeln und Institutionen, die Frieden wahrscheinlicher machen und eine schrittweise, überprüfbare Abrüstung ermöglichen?

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Eine Theorie, die hervorragend erklärt, warum Kriege beginnen, muss noch keine brauchbare Anleitung zur Abrüstung liefern.

1. Die wichtigsten Beiträge im Vergleich

Forscherin/ForscherZentrale ErkenntnisBedeutung für dauerhaften Frieden
Johan Galtung (1930–2024)Gewalt entsteht nicht nur durch Waffen, sondern auch durch gesellschaftliche Strukturen und ihre Rechtfertigung.Gewaltursachen erkennen und positiven Frieden entwickeln.
Robert Jervis (1940–2021)Selbst defensive Aufrüstung kann beim Gegner Angst auslösen und neue Aufrüstung bewirken.Sicherheitsdilemmata verstehen und gegenseitige Bedrohungen vermindern.
James Fearon (geb. 1963)Kriege können entstehen, weil Informationen fehlen, Staaten täuschen oder glaubwürdige Zusagen unmöglich erscheinen.Verhandlungen verbessern durch Transparenz, Kontrollen und glaubwürdige Verpflichtungen.
John Paul Lederach (geb. 1955)Ein Friedensvertrag beendet nicht automatisch die gesellschaftlichen Konflikte.Beziehungen, Vertrauen und Fähigkeiten zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung aufbauen.
Donella Meadows (1941–2001)Veränderungen wirken unterschiedlich stark, je nachdem, ob sie Zahlen, Regeln, Ziele oder Denkweisen betreffen.12 Bedingungen verändern, die Aufrüstung und Gewalt immer wieder hervorbringen.
Niklas Luhmann (1927–1998)Gesellschaftliche Systeme folgen eigenen Kommunikationsweisen und lassen sich nur begrenzt steuern.Verstehen, warum Reformen trotz guter Absichten scheitern können.
Elinor Ostrom (1933–2012)Menschen können unter bestimmten Bedingungen dauerhafte Regeln zur gemeinsamen Bewirtschaftung von Ressourcen schaffen.Institutionen für Zusammenarbeit, Kontrolle und gegenseitige Verpflichtungen gestalten.
Robert Axelrod (geb. 1943)Wiederholte Zusammenarbeit kann selbst ohne übergeordnete Macht entstehen.Gegenseitigkeit, Verlässlichkeit und die Vorteile langfristiger Kooperation nutzen.
Gene Sharp (1928–2018)Politische Macht hängt von gesellschaftlicher Mitwirkung ab; diese kann auch gewaltfrei entzogen werden.Möglichkeiten gewaltfreien Widerstands gegen Unterdrückung untersuchen.
Bertha von Suttner (1843–1914) und Alfred H. Fried (1864–1921)Dauerhafter Frieden verlangt internationale Rechtsordnung, organisierte Zusammenarbeit und veränderte öffentliche Einstellungen.Frieden global institutionell und gesellschaftlich wirksam verankern.

Diese Ansätze beantworten unterschiedliche Fragen. Manche liefern grundlegende Theorien, andere praktische Verfahren oder historische Programme.


2. Warum Kriege trotz ihrer enormen Kosten entstehen

Hier ist James Fearons Forschung besonders aufschlussreich.

Sein 1995 veröffentlichter Aufsatz Rationalist Explanations for War beschäftigt sich mit einem scheinbaren Widerspruch:

Wenn Kriege enorme Kosten verursachen, weshalb können Staaten nicht stattdessen eine Verhandlungslösung finden, die beiden Seiten besser gefällt?

Fearon untersuchte insbesondere drei Hindernisse.

Erstens: Fehlende oder manipulierte Informationen. Staaten kennen die tatsächliche militärische Stärke, Entschlossenheit oder Schmerzgrenze ihres Gegners nicht genau. Manchmal haben sie sogar ein Interesse daran, ihre Fähigkeiten zu übertreiben oder zu verbergen.

Zweitens: Fehlende glaubwürdige Verpflichtungen. Selbst wenn sich zwei Staaten heute einigen, kann einer befürchten, dass der andere morgen stärker wird und den Vertrag bricht.

Drittens: Unteilbare Streitgegenstände. Manche Konfliktparteien betrachten bestimmte Gebiete, Rechte oder Symbole als nicht verhandelbar. Fearon weist allerdings darauf hin, dass tatsächliche Unteilbarkeit theoretisch oft schwieriger zu begründen ist, als politische Aussagen vermuten lassen.

Damit erklärt die Theorie, warum selbst Akteure, die die Kriegskosten berücksichtigen, unter bestimmten Bedingungen dennoch zu Gewalt greifen können.

Quelle: James Fearon, Rationalist Explanations for War, 1995. Cambridge University Press

Robert Jervis: Die Tragödie des Sicherheitsdilemmas

Jervis erklärte 1978 ein zweites Grundproblem.

Ein Staat verstärkt seine Verteidigung, weil er sich bedroht fühlt. Sein Nachbar interpretiert die neuen Waffen als mögliche Angriffsvorbereitung.

Also rüstet auch er auf.

Beide Staaten können dadurch trotz defensiver Absichten unsicherer werden.

Das bezeichnet man als Sicherheitsdilemma.

Allerdings gilt diese Erklärung nicht für jeden Krieg. Staaten können auch bewusst auf Eroberung, Unterwerfung oder politische Erpressung setzen.

Die Unterscheidung zwischen einem echten Sicherheitsdilemma und gezielter Aggression ist daher für die Friedenspolitik entscheidend.

Jervis zeigte außerdem, dass Zusammenarbeit unter anderem dadurch erleichtert werden kann, dass defensive und offensive militärische Fähigkeiten besser unterscheidbar werden.

Quelle: Robert Jervis, Cooperation Under the Security Dilemma, 1978. Cambridge University Press

Folgerung: Friedenspolitik muss sowohl „unbeabsichtigte Eskalationen“ verhindern als auch „glaubwürdige Schutzmechanismen“ gegen absichtliche Gewalt schaffen.


3. Von der Erklärung zur Lösung: Was die weiteren Denker beitragen

Elinor Ostrom: Wie Zusammenarbeit dauerhaft organisiert werden kann

Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom untersuchte, wie Menschen gemeinsame Ressourcen verwalten können, ohne dass zwangsläufig eine zentrale Regierung sämtliche Entscheidungen vorgibt.

Ihre Forschung zeigte, unter welchen Bedingungen gemeinschaftlich entwickelte Regeln langfristig funktionieren können.

Zu diesen Bedingungen gehören

  • klare Zuständigkeiten
  • die Beteiligung der Betroffenen
  • glaubwürdige Kontrollen
  • abgestufte Sanktionen und
  • kostengünstige Verfahren zur Streitbeilegung.

Die Bedeutung für Abrüstung:

=> Internationale Zusammenarbeit braucht mehr als wohlklingende Verträge. Sie benötigt Institutionen, in denen Regeln überprüfbar sind, Verstöße Folgen haben und Konflikte bearbeitet werden können.

Ostrom untersuchte vor allem gemeinschaftlich genutzte Ressourcen. Die Übertragung ihrer Ergebnisse auf militärische Großmächte ist deshalb eine begründete Hypothese, kein bereits nachgewiesenes Abrüstungsmodell – wäre aber wahrscheinlich eine lohnende Friedensforschungsfrage.

Quelle: Elinor Ostrom, Nobelvorlesung 2009. Nobel Prize

Robert Axelrod: Wie aus Gegnerschaft Zusammenarbeit entstehen kann?

Axelrod untersuchte mithilfe von Computersimulationen, unter welchen Bedingungen wiederholte Zusammenarbeit entsteht.

Seine Forschung zeigt, dass Kooperation selbst unter Akteuren möglich ist, die zunächst vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen.

Eine wichtige Voraussetzung ist, dass sich die Beteiligten wiederholt begegnen und kooperatives oder unkooperatives Verhalten Auswirkungen auf künftige Entscheidungen hat.

Seine bekannten Simulationen zum Gefangenendilemma machten die Bedeutung von Gegenseitigkeit deutlich.

Für die internationale Sicherheit ergibt sich daraus eine interessante Frage:
Wie können wir Staaten insbesondere Veto-Mächten im UN-Sicherheitsrat wiederholte, überprüfbare Gelegenheiten zur Zusammenarbeit bieten, bei denen verlässliches Verhalten Vorteile bringt?

Axelrods Modelle erklären wichtige Mechanismen, bilden die politische Wirklichkeit aber nur vereinfacht ab.

Quelle: Robert Axelrod, The Evolution of Cooperation (1984). websites.umich.edu

Erica Chenoweth und Maria Stephan: Was gewaltfreier Widerstand erreichen kann

Chenoweth und Stephan untersuchten historische Kampagnen gegen Regierungen oder fremde Herrschaft.

Ihre viel beachtete Untersuchung Why Civil Resistance Works (2011) ergab, dass gewaltfreie Massenbewegungen im untersuchten Zeitraum häufiger ihre erklärten politischen Hauptziele erreichten als bewaffnete Kampagnen.

Ein wichtiger Mechanismus: Gewaltfreie Bewegungen können die Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten erleichtern und dadurch politische Machtverhältnisse verändern.

Allerdings sind die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf jede Situation übertragbar. Zudem haben sich die Erfolgsbedingungen gewaltfreier Bewegungen verändert.

Die Forschenden haben ihre ursprüngliche Datenanalyse mehrfach überprüft;
2026 wurden weitere Korrekturen veröffentlicht!

Für die Friedenspolitik ist das relevant, weil es zeigt, dass gesellschaftliche Macht nicht ausschließlich aus militärischen Fähigkeiten entsteht.
ericachenoweth.com

Alfred Hermann Fried: Frieden als organisierte Entwicklung

Ein besonders interessanter historischer Beitrag stammt vom Friedensjournalisten aus Wien.

Alfred Hermann Fried argumentierte bereits vor dem Ersten Weltkrieg, dass dauerhafter Frieden mehr verlangt als moralische Appelle gegen Krieg.

Er setzte sich für internationale Organisation, Völkerrecht, wirtschaftliche Verflechtung und institutionelle Zusammenarbeit ein.

Gemeinsam mit Bertha von Suttner unterstützte er die internationale Friedensbewegung und entwickelte einen Journalismus, der Frieden nicht nur als Wunsch, sondern als Gegenstand politischer Gestaltung behandelte.

Seine Überlegungen zur Organisation internationaler Beziehungen sind ein bedeutender historischer Vorläufer späterer Ansätze institutioneller Friedenspolitik.

Das Nobelkomitee zeichnete Fried 1911 mit dem Friedensnobelpreis aus. Nobel Prize


4. Was wir aus diesen Erkenntnissen praktisch ableiten können

Die Forschungen legen mehrere miteinander verbundene Arbeitsfelder nahe.

ProblemWissenschaftlicher AnsatzMögliche praktische Maßnahme
Staaten misstrauen einanderJervis, FearonTransparenz, Krisenkommunikation und überprüfbare Vereinbarungen
Verträge werden gebrochenFearon, OstromKontrollrechte, glaubwürdige Schutzmechanismen und Streitbeilegung
Aufrüstung verstärkt AufrüstungJervis, MeadowsRüstungskontrolle, vertrauensbildende Maßnahmen und veränderte Sicherheitsregeln
Gewalt hat gesellschaftliche UrsachenGaltungRechte schützen, Benachteiligung verringern und politische Teilhabe verbessern
Friedensverträge bleiben instabil ohne gute langfristige BeziehungenLederachGesellschaftliche Beziehungen und langfristige Konfliktbearbeitung stärken
Reformen scheitern an InstitutionenLuhmannAnreize, Zuständigkeiten und Entscheidungsverfahren untersuchen
Zusammenarbeit kommt nicht zustandeAxelrod, OstromWiederholte Kooperation und verlässliche Institutionen ermöglichen
Friedenspolitik verändert oft nur EinzelmaßnahmenMeadowsZiele, Regeln und Rückkopplungen des gesamten Systems untersuchen
Gewaltfreie Veränderungen werden unterschätztChenoweth, StephanMöglichkeiten und Grenzen gewaltfreier gesellschaftlicher Mobilisierung prüfen
Friedensarbeit bleibt bei Appellen stehenFried, von SuttnerDauerhafte internationale Rechts- und Kooperationsstrukturen entwickeln

Wichtig: Diese Tabelle beschreibt mögliche Folgerungen aus den Theorien. Sie ist keine Rangliste empirisch bestätigter Maßnahmen.

5. Was die Geschichte über erfolgreiche Abrüstung lehrt

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht, weshalb internationale Institutionen so bedeutsam sein können.

Am 7. Juli 2023 bestätigte die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), dass sämtliche von den Vertragsstaaten gemeldeten Chemiewaffenbestände vernichtet worden waren.

Seit Inkrafttreten des Chemiewaffenübereinkommens 1997 wurden mehr als 72.300 Tonnen deklarierter chemischer Kampfstoffe unter internationaler Kontrolle zerstört.

Das ist ein messbarer Abrüstungserfolg. Er bedeutet allerdings nicht, dass chemische Waffen weltweit vollständig verschwunden sind oder künftig nicht mehr eingesetzt werden können. OPCW

Der Erfolg veranschaulicht mehrere Mechanismen:

  • Ein gemeinsam beschlossenes Ziel wurde in verbindliche Regeln übersetzt.
  • Staaten schufen eine internationale Organisation mit Kontrollbefugnissen.
  • Die Vernichtung wurde systematisch dokumentiert und überprüft.
  • Die Zusammenarbeit wurde über Jahrzehnte aufrechterhalten.

Diese Mechanismen lassen sich mit den Überlegungen von Fearon, Ostrom, Meadows und Alfred Hermann Fried verbinden. Dass diese Theorien den Erfolg vollständig erklären, wäre jedoch eine zu weitgehende Behauptung.

Gerade für Atomwaffen ist die Übertragung schwierig. Ihre Bedeutung für Abschreckungsstrategien, die Interessen der Atommächte und die Anforderungen an überprüfbare Abrüstung schaffen zusätzliche Hindernisse.

Das UN-Institut für Abrüstungsforschung (UNIDIR) untersucht deshalb unter anderem, wie verlässliche Verfahren zur Kontrolle nuklearer Abrüstung entwickelt werden können. UNIDIR → Building a more secure world.


6. Was für eine schrittweise globale Abrüstung noch fehlt

Die größte Schwierigkeit ist nicht der Mangel an Friedensideen. Es ist die Verbindung von drei Bedingungen:

Sicherheit: Kein Staat soll durch einen Abrüstungsschritt einem unzumutbaren zusätzlichen Angriffsrisiko ausgesetzt werden.

Verlässlichkeit: Vereinbarungen müssen überprüfbar sein und Verstöße glaubwürdige Konsequenzen haben.

Dauerhaftigkeit: Zusammenarbeit muss auch unter veränderten politischen Führungen, wirtschaftlichen Krisen und internationalen Machtverschiebungen funktionieren.

Wie dringend neue Ansätze sind, zeigen die globalen Rüstungsausgaben.

Nach SIPRI stiegen die weltweiten Militärausgaben 2025 auf rund 2.887 Milliarden US-Dollar. Das war der elfte jährliche Anstieg in Folge. Seit 2016 hatten sich die Ausgaben real um 41 Prozent erhöht. DOI

Allerdings beweisen diese Zahlen allein nicht, dass die Welt durch jeden zusätzlichen Rüstungsdollar unsicherer wurde. Dazu müssten Bedrohungslagen, Verteidigungsfähigkeit und Eskalationsrisiken untersucht werden.

Ein mögliches Modell: Abrüstung in überprüfbaren Schritten

Aus den untersuchten Forschungsansätzen lässt sich ein sechsstufiges Modell entwickeln:

SchrittZielBeispiel einer überprüfbaren Maßnahme
1. Gewalt- und BedrohungsanalyseTatsächliche Gefahren und Konfliktursachen erkennenGemeinsame Untersuchungen mit unabhängiger Beteiligung
2. Eskalation begrenzenUnbeabsichtigte Kriege verhindernKrisenkommunikation, Vorankündigung von Manövern
3. Transparenz schaffenUnsicherheit über militärische Fähigkeiten verringernGegenseitige Meldungen und vereinbarte Inspektionen
4. Rüstung kontrollierenBesonders gefährliche Entwicklungen begrenzenÜberprüfbare Obergrenzen oder Beschränkungen bestimmter Waffensysteme
5. Kontrollierte AbrüstungMilitärische Fähigkeiten schrittweise reduzierenGegenseitige oder international überwachte Reduktionen
6. Friedensordnung festigenErneute Aufrüstung weniger wahrscheinlich machenInstitutionen zur Streitbeilegung und dauerhaften Sicherheitskooperation

Dieses Modell sollte nicht als starre Reihenfolge verstanden werden. Diplomatie, gesellschaftliche Friedensarbeit und institutionelle Reformen müssen teilweise gleichzeitig stattfinden.

Entscheidend wäre ein Kontrollverfahren: Vor jedem neuen Schritt wird geprüft, ob die bisherigen Vereinbarungen eingehalten wurden, ob sich Sicherheitsrisiken verändert haben und welche unbeabsichtigten Folgen aufgetreten sind.

Ein solcher Ansatz kann freiwillige Zusammenarbeit mit glaubwürdiger Abschreckung und Schutzmaßnahmen verbinden. Er setzt nicht voraus, dass alle Beteiligten von Anfang an friedliche Absichten verfolgen.

7. Sieben offene Forschungsfragen

Trotz jahrzehntelanger Friedensforschung fehlen belastbare Antworten auf einige entscheidende Fragen.

  1. Wie können Staaten schrittweise abrüsten, ohne befürchten zu müssen, dass andere ihre Zurückhaltung ausnutzen?
  2. Welche Arten internationaler Kontrollen schaffen Vertrauen, ohne sicherheitsrelevante Geheimnisse unangemessen offenzulegen?
  3. Unter welchen Bedingungen können wirtschaftliche Anreize und Vertragsregeln Konfliktrisiken tatsächlich senken?
  4. Wie lassen sich Institutionen so gestalten, dass politische Machtwechsel abgeschlossene Friedensvereinbarungen nicht ständig gefährden?
  5. Welche Verbindung zwischen demokratischer Teilhabe, sozialer Gerechtigkeit und Frieden ist unter welchen Bedingungen empirisch nachweisbar?
  6. Wie können regionale Sicherheitsordnungen zu globaler Abrüstung beitragen, ohne neue Machtblöcke und Bedrohungen zu schaffen?
  7. Wie lässt sich messen, ob eine Friedensmaßnahme tatsächlich wirksam ist – und nicht bloß mit einer günstigen Entwicklung zusammenfällt?

Gerade die letzte Frage ist für eine wissenschaftlich fundierte Friedenspolitik unverzichtbar.

8. Fazit: Von großen Friedenstheorien zu überprüfbaren Friedensfortschritten

Die untersuchten Forscherinnen und Forscher liefern keine gemeinsame Antwort. Sie beleuchten unterschiedliche Teile eines Problems, das weder allein militärisch noch allein wirtschaftlich oder gesellschaftlich lösbar ist.

Fearon und Jervis erklären zentrale Mechanismen, die Kriege und Wettrüsten trotz ihrer Kosten möglich machen.

Galtung erweitert den Blick auf gesellschaftliche Gewaltursachen. Lederach untersucht, wie Menschen nach langen Konflikten tragfähige Beziehungen aufbauen können.

Ostrom und Axelrod zeigen Bedingungen, unter denen Zusammenarbeit und gemeinsame Regeln funktionieren können.

Luhmann macht deutlich, weshalb gesellschaftliche Systeme auf Reformversuche nicht einfach wie geplant reagieren.

Meadows lenkt die Aufmerksamkeit auf die Frage, welche Veränderungen eines Systems besonders folgenreich sein könnten.

Und Alfred Hermann Fried erinnert daran, dass internationale Organisation, Völkerrecht und Friedensjournalismus bereits vor mehr als einem Jahrhundert als zusammengehörige Aufgaben verstanden wurden.

Meine daraus abgeleitete Position für Forschungs lautet:

Die internationale Friedenspolitik könnte davon profitieren, diese Erkenntnisse systematisch zu verbinden und konkrete Abrüstungsmaßnahmen anhand ihrer nachweisbaren Wirkungen zu beurteilen.

Dazu gehört, nicht nur die Zahl vernichteter Waffen zu messen, sondern auch Sicherheitsrisiken, Regelbefolgung, Vertrauen, institutionelle Stabilität und die Wahrscheinlichkeit erneuter Gewalt.

Die Leitfrage für ein solches Forschungsprogramm wäre:

Wie können wir die internationalen Regeln, Sicherheitsbeziehungen und wirtschaftlichen Anreize so verändern, dass friedliche Zusammenarbeit für möglichst viele Beteiligte verlässlicher und vorteilhafter wird als Aufrüstung und Krieg – ohne den Schutz vor Aggression zu schwächen?

Das wäre eine Weiterentwicklung der historischen Friedensidee Alfred Hermann Frieds mit den Mitteln moderner System-, Konflikt- und Sicherheitsforschung.

Und zugleich eine überprüfbare Arbeitsgrundlage für Friedensjournalismus: nicht nur berichten, wo Frieden scheitert, sondern systematisch untersuchen, unter welchen Bedingungen er nachweislich gelingt.

 

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