1500 Tage Ukraine-Krieg: Was Andrej Kurkow in Wien sagte und warum Europa jetzt genauer hinhören muss

Im Bruno Kreisky Forum sprach Andrej Kurkow im November 2024 über den Alltag im Krieg. Am 4. April 2026 wirkt dieses Gespräch nicht alt, sondern erschreckend gegenwärtig: Die russische Vollinvasion dauert seit 1500 vergangenen Tagen, zählt man den heutigen Tag mit, ist es Kriegstag 1500. Rechnet man ab dem von der Ukraine markierten Beginn der russischen Aggression im Februar 2014, sind es 4426 vergangene Tage täglicher Tot und Verderben, mit heutigem Tag 4426.
Manchmal altern politische Gespräche schnell. Dieses nicht. Als Andrej Kurkow am 22. November 2024 in Wien mit Tessa Szyszkowitz über sein Buch „Im täglichen Krieg“ sprach, war das schon ein starkes Zeitzeugnis. Heute ist es mehr: ein Dokument dafür, wie Krieg sich nicht nur durch Landschaften, sondern durch Schlafzimmer, Theaterabende, Freundschaften, Sprache und Nervenbahnen frisst. Gerade weil Europa sich an diesen Krieg zu gewöhnen droht, sollte man dieses Wiener Gespräch jetzt noch einmal hören.
Wien als Ort des Zuhörens und Europa als Raum der gefährlichen Gewöhnung
Dass dieses Gespräch ausgerechnet in Wien stattfand, gibt ihm heute zusätzliches Gewicht. Wien ist UNO Stadt, Kreisky Stadt, Fried Stadt, also ein Ort, an dem Friedenspolitik mehr sein sollte als Sonntagsrede. Wenn dort ein ukrainischer Autor beschreibt, wie Krieg in den Alltag einsickert, dann ist das nicht bloß Literaturbetrieb. Es ist eine Prüfung für die politische Aufnahmefähigkeit Europas. Hören wir noch hin oder haben wir uns schon an das Ungeheuerliche gewöhnt.
Kurkows Stärke liegt genau darin, dass er den Krieg nicht nur als Frontbericht beschreibt. Das Bruno Kreisky Forum hob damals hervor, wie seine Texte den Ausnahmezustand des Alltags erfassen: Oper bei Tageslicht, dann Einschlag; Meer, dann Mine; Schlaf, obwohl selbst das Schlafzimmer nicht mehr sicher scheint. Diese Beschreibung ist heute womöglich noch treffender als damals, weil der Krieg weitergeht und der Alltag des Schreckens sich weiter normalisiert.
Warum das Gespräch heute noch aktueller ist
Weil sich die Lage seit November 2024 nicht beruhigt hat, sondern weiter verschärft. Reuters berichtete heute über eine neue russische Offensive im Osten der Ukraine, während Gespräche stocken. Reuters meldete gestern zudem einen seltenen großen Tagesangriff mit mehr als 400 Drohnen; ein weiterer Reuters Bericht sprach von insgesamt fast 1000 Drohnen und Dutzenden Raketen binnen rund eines Tages. Das heißt: Kurkows Thema ist nicht Erinnerungspolitik. Es ist Gegenwartsanalyse.
Gerade deshalb ist sein Blick für Friedensjournalismus so wertvoll. Wer Krieg nur militärisch erzählt, verfehlt sein eigentliches Gift. Denn Krieg zerstört nicht nur Gebäude und Stromleitungen. Er zerstört Erwartbarkeit, Vertrauen, Zeitgefühl und innere Ordnung. Er macht aus Alltag eine beschädigte Hülle. Kurkow beschreibt genau diesen Vorgang. Darin liegt seine politische Kraft. Diese Schlussfolgerung ist eine journalistische Einordnung auf Basis des Gesprächs und der aktuellen Kriegslage.
Österreich Bezug: Was dieses Video uns hier sagen müsste
Für Österreich ist das nicht nur ein Blick auf ein fernes Land. Es ist auch ein Spiegel. Ein Land, das so gern von Dialog, Brückenfunktion und Vernunft spricht, müsste gerade solche Stimmen viel ernster nehmen. Nicht um Kriegspropaganda zu betreiben, sondern um zu begreifen, was ein langer Krieg mit einer Gesellschaft macht. Wer in Wien über Frieden redet, aber die zivilen Chronisten des Krieges nicht hört, redet zu bequem. Das Kreisky Gespräch erinnert daran, dass Friedenspolitik zuerst genau hinschauen muss, bevor sie kluge Auswege finden kann.
Gibt es heute auf ukrainischer und russischer Seite gestandene Pazifisten, die ähnlich Kriegstagebuch führen?
Ja, aber selten unter gleichen Bedingungen und fast nie mit gleicher Öffentlichkeit.
Auf ukrainischer Seite ist Yurii Sheliazhenko weiterhin eine der klarsten pazifistischen Stimmen. Internationale Friedensorganisationen protestieren aktuell gegen seine Behandlung und warnen vor Zwangsrekrutierung. Das zeigt: Pazifisten gibt es auch in der Ukraine weiter, aber ihr Handlungsspielraum ist im Verteidigungskrieg extrem eng.
Daneben gibt es in der Ukraine zivile Chronistinnen und Chronisten, die tagebuchartig schreiben, auch wenn sie sich nicht alle ausdrücklich als Pazifisten bezeichnen. Das gilt etwa für Yevgenia Belorusets, deren Kriegstagebuch seit Februar 2022 internationale Beachtung fand. Solche Texte sind wichtig, weil sie zeigen, wie Krieg das scheinbar Normale durchdringt.
Auf russischer Seite gibt es ebenfalls pazifistische und antimilitaristische Stimmen, aber sie stehen unter deutlich härterer Repression.
Oleg Orlov von Memorial wurde wegen eines Antikriegstextes verurteilt und kam 2024 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei. Netzwerke der Kriegsdienstverweigerer dokumentieren zudem weiter Repression gegen Menschen, die sich dem Krieg entziehen oder ihn offen ablehnen. Das Problem ist also nicht, dass es auf russischer Seite keine Pazifisten gäbe. Das Problem ist, dass Sichtbarkeit dort schnell strafbar werden kann.
Die ehrliche Antwort lautet also: Ja, es gibt auf beiden Seiten Menschen, die gegen den Krieg anschreiben, dokumentieren, verweigern und erinnern. Aber sie leben nicht in symmetrischen politischen Räumen. In der Ukraine stehen sie unter dem Druck eines angegriffenen Landes. In Russland unter dem Druck eines repressiven Staates mit Kriegszensur. Gerade deshalb wäre es sinnvoll, ihre Stimmen friedensjournalistisch nebeneinander hörbar zu machen, ohne diese Unterschiede weichzuzeichnen.
Schluss
Das Wiener Gespräch mit Andrej Kurkow ist heute nicht bloß ein kluger Mitschnitt aus dem Literaturbetrieb. Es ist ein Prüfstein für die Frage, ob Europa noch die geistige Kraft besitzt, Krieg als das zu sehen, was er ist: nicht nur Geopolitik, sondern tägliche Zerstörung menschlicher Normalität. Nach 1490 vergangenen Tagen Vollinvasion ist jedes präzise Wort gegen die Gewöhnung ein Stück ziviler Gegenmacht. Und genau deshalb ist dieses Video heute vielleicht wichtiger als an dem Tag, an dem es aufgezeichnet wurde.
Weiterführende Links bei Friedensnews zur verwandten Themen
Bei „Wien ist UNO Stadt, Kreisky Stadt, Fried Stadt“ auf Alfred H. Fried oder Friedensjournalismus bei Friedensnews.
Bei „1490 vergangenen Tagen Vollinvasion“ auf einen älteren FN Überblick zur Ukraine seit 2022.
Bei Yurii Sheliazhenko auf deinen bisherigen FN Beitrag zu ihm.
Bei „zivile Chronisten des Krieges“ auf frühere FN Texte zu Tagebüchern, Kriegsdienstverweigerung oder Ukraine 2014.
Externe Kernquellen
Bruno Kreisky Forum zum Gespräch mit Kurkow und Szyszkowitz.
Haymon Verlag zum Buch „Im täglichen Krieg“.
Reuters zur aktuellen Kriegslage am 24. und 25. März 2026.
Aktuelle Informationen zu Yurii Sheliazhenko und pazifistischen Stimmen.
Wenn du magst, mache ich dir als Nächstes noch eine ganz kurze FN-Endfassung in deiner bevorzugten WordPress-Form: nur sauberer Fließtext ohne Zusatzblöcke, sofort einkopierbar.
Posted in Europa, Friedensforschung, Friedensjournalismus, Friedenskultur, Friedensorganisation, Friedenspädagogik, Friedenspolitik, Friedensstifter, Gewaltprävention, Global, Krisenregion, Menschenrecht, Österreich, Peacebuilding, Russland, Tipp, Unfrieden, Weltanschauungen, Wien, Witz & Humor, Zivilcourage




One Response to “1500 Tage Ukraine-Krieg: Was Andrej Kurkow in Wien sagte und warum Europa jetzt genauer hinhören muss”