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Stellt die Friedensfragen!

Oxford Encyclopedia of Peace

Erstellt am 04.12.2011 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 6545 mal gelesen und am 04.12.2011 zuletzt geändert.

Professor Peter van den Dungen machte mich darauf aufmerksam, dass heute die

Oxford Encyclopedia of Peace

von die von Nigel Young herausgegeben wird, in etwa dem entspricht was im legendären Handbuch der Friedensbewegung von Alfred Hermann Fried von 1905 – das letztmals 1913 erschien – dargestellt wurde.

Die ‚Encyclopedia of Peace‘ erschien in Oxford im renomierten Verlag der Oxford University Press im Jahr 2010 (ISBN:978-0195334685). Der Stolze Preis von $ 520.- für die vier gebundenen Bände mit insgesamt 2848 Seiten ist wahrscheinlich

  • für friedensbewegte mit kleineren Einkommen eher abschreckend aber es ist zu hoffen, dass
  • alle Universitäten, Bibliotheken, einschlägigen Institute sowie
  • Redaktionen und politisch tätige Menschen die etwas auf sich halten

im deutschsprachigen Raum dieses Standardwerk anschaffen, denn ein Blick in diese „Encycopedia of Peace“ deckt sicher 95 % der wichtigsten schriftlichen Arbeiten zur Friedensarbeit inklusive Friedensforschung, Friedenskultur und strukturellen Errungenschaften der Friedensbewegung ab.

Details zur kritischen Würdigung der Encyclopedie

Thorsten Bonacker, Zentrum für Konfliktforschung, Philipps-Universität Marburg schrieb:

>>Kenneth Boulding, einer der Gründerväter der modernen Friedens- und Konfliktforschung, hat 1963 in einem Essay die Frage gestellt:

Is peace researchable?“<<Diese Frage sei keinesfalls rhetorisch gemeint.

Boulding versuchte gegen die Dominanz der sogenannten „Realisten“ in den Internationalen Beziehungen deutlich zu machen, dass

  • Frieden mehr sei als die Abwesenheit von Krieg und
  • dass der Weg zum Frieden ebenso wie der zum Krieg mit sozialwissenschaftlichen Methoden versteh- und erklärbar ist.
  • Frieden und Krieg seien mithin keine Naturzustände, sondern Zustände sozialer Systeme.

Die Erforschung der Bedingungen, die zu Frieden führen und ihn sichern, bedüften, so Boulding,

  • einer interdisziplinären Perspektive und
  • einer angemessenen Methodologie,

die es zu entwickeln gälte.

Seitdem sei, so Bonacker in Sachen Friedensforschung viel passiert.

Nicht nur seien

  • weltweit renommierte Forschungsinstitute und
  • eine Vielzahl von Studiengängen und PhD-Programmen entstanden sowie
  • die Friedensforschung damit global als Profession institutionalisiert worden.

Auch das wissenschaftliche Wissen über Kriege und Frieden sei auf einem Stand, der es erlaube zu sagen:

Trotz der jüngsten Kriege und gewaltsamen Auseinandersetzungen habe

  • die Zahl der Kriege und
  • die Zahl der Kriegstoten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs

abgenommen. Auch dies könne man – laut Bonacker – aus den hier besprochenden Bänden lernen. Insofern sei es folgerichtig, dass

  • dieses Wissen der Friedensforschung systematisiert und
  • gebündelt zusammengetragen wird,

nicht zuletzt auch, um Entscheidungsträgern das deutlich zu machen, was in Diderots Encyclopédie 1751 bereits unter dem Eintrag zu Frieden stand, dass wenn die Vernunft die Nation regiere, diese sich nicht mehr wie eine wilde Bestie verhalten werde
(siehe Band IV, S. 500).

„Dieser Eintrag findet sich in der vorliegenden Enzyklopädie im Anhang, wo zentrale Dokumente der Ideen- und Realgeschichte des Friedens versammelt zu finden sind – beispielsweise : 

  • der Briand-Kellog-Pakt von 1928
  • die Genfer Konvention von 1949,
  • der Atomwaffensperrvertrag von 1968,
  • die KSZE-Schlussakte von 1975,
  • die Earth Charter aus dem Jahr 2000 und
  • die umstrittene „Erklärung zur Schutzverantwortung der Internationalen Gemeinschaft“ (Responsibility to Protect), die auf dem World Summit der Vereinten Nationen 2005 verabschiedet wurde.

Die von Nigel J. Young herausgegebene vierbändige Enzyklopädie

Sie soll auf über 2800 Seiten zusammentragen,

  • was wir über den Frieden wissen,
  • was unter Frieden in unterschiedlichen Disziplinen verstanden wird und
  • wie sich Friedensforschung institutionell entwickelt hat.

Das Ziel des Projekts bestand darin,

to create an up-date, well-documented, authoritative reference work – independent of outside political or religious links

(Band I, S. XXV).

Dieses Ziel sei so Bonacker

  • „zweifellos erreicht worden“
  • „mehr noch: Vor uns liegt ein zwar schwergewichtiges, aber sehr gut les- und brauchbares Werk,
  • das zeigt, wie man auch im Wiki-Zeitalter noch sinnvolle Gesamtdarstellungen eines Forschungsfeldes zwischen Buchdeckeln konzipieren kann.

In über 850 Einträgen werden Kernthemen der Friedens- und Konfliktforschung so aufbereitet, dass sie auch für diejenigen, die sich erstmals damit beschäftigen, und des englischen mächtig sind,

  • warum es zu Konflikten kommt und
  • wie Gewalt verhindert werden kann,

gut verstehbar sind.

Lese man die Einträge zu

  • „Conflict Resolution“ (von Dennis Sandole und Louis Kriesberg), zu
  • „Conflict vs. Peace Studies“ (von Hugh Miall) und
  • zu „Conflict Transformation“ (von Ho-Won Jeong),

so erhalte man eine hervorragende Einführung in das, was heute unter Friedens- und Konfliktforschung verstanden wird.

Dies liege nicht zuletzt daran, dass es dem Herausgeber – mit dem gesamten editorial board – gelungen sei,

  • gerade für die zentralen Einträge renommierte Kolleginnen und Kollegen zu finden,
  • die auf ihre eigene, langjährige Forschung zugreifen können.

Beispielsweise Johan Galtung die Einträge zu Gewalt und Frieden verfasst.

Der Beitrag

  • zum Demokratischen Frieden stammt von Bruce Russett,
  • der über Friedensverträge von Christine Bell.
  • Mit Louis Kriesberg, Herbert Kelman, William Zartman, Chadwick Alger oder Håkan Wiberg sind Forscher dabei, die selbst maßgeblich dazu beigetragen haben, Friedensforschung weltweit als interdisziplinäres Forschungsfeld zu etablieren.

Eine ausgesprochene Stärke der Enzyklopädie sieht Bonacker in den Querverweisen zwischen den Artikeln, die es ermöglichen, sich einen thematischen Zusammenhang zu erschließen.

  • Die Literaturhinweise am Ende jedes Eintrags und
  • das ausführliche Register am Ende des vierten Bandes

sind ebenfalls hilfreich.

Einzelne Artikel eignen sich dafür, Studierenden einen Einstieg in ein Thema zu geben. Zum Beispiel die Beiträge zum Begriff „Civil Society“ (April Carter und David Last) – geben einen konzisen Überblick über das Konzept der Zivilgesellschaft zu geben. Exemplarisch sieht man hier, dass viele Beiträge versuchen, ideen- und realgeschichtliche Perspektiven zu vereinen.

Zivilgesellschaft sei laut Bonacker im Kontext der Friedensforschung beides:

  1. ein theoretisches Konzept, das es erlaube, Frieden nicht nur vom Staat her zu denken und Frieden auf das Gewaltmonopol zu reduzieren, sowie
  2. eine gesellschaftliche Sphäre, die sicherstelle, dass Konflikte ohne die staatliche Androhung von Zwangsmaßnahmen friedlich geregelt werden können.

Am Eintrag über Zivilgesellschaft werde auch deutlich, dass die Enzyklopädie auch in einer anderen Hinsicht in der Tradition der „Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers“ stehe:

  • Frieden sei der Aufklärung und einem daran anschließenden liberalen Verständnis zufolge nicht ohne die Verwirklichung von Rechten denkbar.
  • Das Mehr des Friedens gegenüber der Abwesenheit von Gewalt beruhe in erster Linie darauf, dass fundamentale Menschenrechte gesichert sind.

Insofern durchziehe die Enzyklopädie eine Trias von

  1. Frieden,
  2. Menschenrechten und
  3. Demokratie.

Deutlich gesagt wird dies in dem Einleitungsessay von Nils Petter Gleditsch, in dem der in den letzten Jahren stark diskutierte angebliche Zusammenhang von Demokratie und friedlicher Außenpolitik aufgegriffen wird. „Mit Blick auf die kritischen Stimmen in dieser Debatte, die den liberalen Frieden als Ausdruck einer globalen Dominanz des Westens betrachten, hält Gleditsch fest, dass der Siegeszug des Liberalismus mit einer Reduzierung gewaltsamer Konflikte einherging, ohne zu verkennen, dass es Anzeichen dafür gibt, dass dieser Siegeszug angesichts eines Rückfalls einiger Staaten in die Autokratie und angesichts der wirtschaftlichen Macht nicht-demokratischer Staaten wie China bald vorbei sein könnte.“

Die liberale Trias ziele aber nicht nur auf

  • das Außenverhalten von Demokratien, sondern
  • auch darauf, dass in Staaten, in denen eine unabhängige Zivilgesellschaft existiert und in denen Grundrechte durchgesetzt sind, Konflikte zwischen Gruppen ohne Androhung von Gewalt ausgetragen werden können.

Nur diese implizite Annahme rechtfertige, warum in den vier Bänden Protest- und sozialen Bewegungen viel Raum gegeben wird. Natürlich gelte dies insbesondere für

  • Friedensbewegungen, denen viele länderspezifische Einträge gewidmet sind. Aber auch zur
  • Landlosenbewegung,
  • natürlich zur Frauenbewegung,
  • zur chinesischen Studentenbewegung wie
  • zur transnationalen Zivilgesellschaft und
  • zu NGOs wie Greenpeace und Amnesty International

finden sich Artikel. Protestbewegungen und NGOs werden hier allgemein als kollektive Akteure verstanden, die versuchen, Rechte durchzusetzen und die damit einen Beitrag zum Frieden leisten.

Die Enzyklopädie legt auch einen Schwerpunkt auf die Bedeutung ziviler, nicht-gewaltsamer Konfliktbearbeitung.

  • Beiträge zu zivilem Ungehorsam,
  • zivilgesellschaftlichen Friedensinitiativen und NGOs aus dem Feld der Konfliktbearbeitung (wie International Alert) und
  • zu Civilian Peacekeeping

von Timmon Wallis und zu Peacebuilding von Cristina Jayme Montiel und von Manuel Fröhlich.

Welche Konflikte in der Enzyklopädie den größten Platz einnehmen?

Schlüsselkonflikte für die moderne Friedens- und Konfliktforschung

  • in Bezug auf ihre Bedeutung für den Wandel des Konfliktgeschehens und
  • für die Entwicklung von Ansätzen zur Friedenssicherung und -erhaltung,
  • in Bezug auf die politischen Debatten und den friedenspolitischen Aktivismus, der immer ein Teil der Friedensforschung war.

 

  1. Ost-West-Konflikt und
  2. Weltkriege sind dies die
  3. Konflikte zwischen Israel und den Palästinensern bzw. den arabischen Nachbarstaaten,
  4. Südafrika,
  5. Nordirland,
  6. Vietnam und
  7. die Konflikte rund um den Zerfall Jugoslawiens.

Der Umstand, dass es den Beiträgern fast ausnahmslos gelungen sei, so Bonacker, eine wohltuende und notwendige Distanz zum Konfliktgeschehen einzunehmen, sei nicht zu unterschätzen. Auch dies sei einer der großen Vorzüge der Enzyklopädie.

Dass diese für die Friedens- und Konfliktforschung charakteristische Balance zwischen Distanz und Engagement, zwischen Forschung und Politik nicht immer einfach ist, zeigt die Geschichte des „Center for Research on Conflict Resolution“ der University of Michigan.

David Singer zeigt in seinem aus der Binnenperspektive verfassten Beitrag

  • das Mitte der 1950er-Jahre ins Leben gerufene Center zum einen ein exzellentes Beispiel für die Notwendigkeit interdisziplinärer Kooperation auf dem Gebiet der Friedensforschung.
  • „Zum anderen aber scheiterte es nicht zuletzt an der eigenen politischen Inkompetenz, wie Singer hervorhebt. 1971 wird es auf Betreiben des konservativ ausgerichteten Political Science Departments geschlossen“ (Band I, S. 253f.).

Das Verhältnis zwischen Politik und insbesondere dem Staat und der Friedensforschung ist bis heute Anlass zu Kontroversen, über die in einigen Beiträgen berichtet wird. Für die

  • US-amerikanische Friedensforschung,
  • wie Wiberg zeigt, für die skandinavische und für die deutsche Friedensforschung.

Gerade in Deutschland sei die Debatte in den 1970er- und 1980er-Jahren über das Selbstverständnis der Friedens- und Konfliktforschung sehr intensiv gewesen. Dabei wurde auch über die Frage gestritten, wie staatsnah und wie institutionalisiert die Friedensforschung sein darf?

 „Hintergrund war unter anderem ein von Krippendorff verfasster Essay, in dem er die Kritiklosigkeit westlicher Friedensforscher gegenüber ihren eigenen Regierungen anprangerte und dies als Ausdruck einer auf Interessen basierten Forschung betrachtete. Die Tatsache, dass es in der Bundesrepublik bis weit in die 1990er-Jahre dauerte, bis die Friedens- und Konfliktforschung an den Universitäten institutionalisiert wurde, ist auch eine Folge dieser Angst vor Vereinnahmung.“ Wie tief diese Angst offenbar bei einigen immer noch sitze, sei an dem Beitrag von Martin Jung ablesbar, der zum Bedauern von Bonhöfer

  • mit zahlreichen suggestiven Formulierungen gespickt sei und
  • wenig Erhellendes zur Diskussion um die Freiheit von Forschung und Lehre beitrage.

{In offenkundiger Unkenntnis der Prinzipien der staatlichen, aber auch privaten Forschungsförderung in Deutschland scheine der Verfasser zu unterstellen, dass die Annahme von Fördermitteln Forscher und Forscherinnen grundsätzlich schon korrumpiere. Der größten Forschungsinstitution in Deutschland, der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, zu bescheinigen, sie habe ihre Unabhängigkeit verloren (Band IV, S. 107), zeuge in jedem Fall eher von ideologischer Voreingenommenheit als von Sachkenntnis. Angesichts des renommierten Publikationsortes sei dieser Beitrag mehr als ärgerlich.}

Die Enzyklopädie enthalte aber neben vielen

  • Sachbeiträgen schließlich auch
  • eine Reihe von Einträgen, die sich mit dem institutionellen Feld der Friedensforschung selbst beschäftigen.

Brauchbar seien die Bände laut Bonhöfer nicht zuletzt auch, weil sie

  • Hinweise auf die wichtigsten Zeitschriften und Institutionen enthalten,
  • auch wenn man hier, wie auch an anderen Artikeln eine Dominanz der westlichen Perspektive erkenne.
  • Zudem schlage sich – der vor allem für die Vereinigten Staaten charakteristische religiöse Entstehungszusammenhang der Friedensforschung – nieder. Das sei ablesbar an den zahlreichen Artikeln zum Friedenspotential unterschiedlicher Religionen oder religiös inspirierter Friedensinitiativen sowie an der mehrfach herausgestellten Bedeutung religiöser Autoritäten wie dem Dalai Lama, der das Vorwort der Enzyklopädie verfasste.

Insgesamt also handele es sich

  • „ohne Frage um ein ambitioniertes Projekt,
  • für dessen hervorragende Umsetzung man dankbar sein muss“.

Dass die Auswahl der Schlüsseldokumente mit dem Eintrag zum Stichwort Frieden in der Encyclopédie beginnt, unterstreicht auch das Anliegen von Herausgeber und Beitragenden, Friedens- und Konfliktforschung als Projekt der Aufklärung zu verstehen. Das sei verbunden mit der Hoffnung, dass Kant mit seiner Annahme, der moralische Fortschritt der Menschheit werde „bisweilen unterbrochen, aber nie abgebrochen sein“ Recht behalten wird.

Links

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-088

http://www.guardian.co.uk/books/2010/may/15/oxford-encyclopedia-peace-nigel-young

 

 

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