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Stellt die Friedensfragen!

Frieden beginnt unter unseren Füßen

Erstellt am 22.08.2026 von Andreas Hermann Landl
Dieser Artikel wurde 7 mal gelesen und am 22.08.2026 zuletzt geändert.

KOMMUNNALE FRIEDENSPOLITIK – KLIMAGESETZE DER NATUR

Menschen entsiegeln gemeinsam eine Fläche in einer österreichischen Gemeinde; daneben entstehen Grünraum und ein naturnaher Bach.
Wo Asphalt wieder zu lebendigem Boden wird, entstehen Schutz vor Hitze und Hochwasser, öffentliche Begegnungsräume und neue Formen kommunaler Zusammenarbeit.

Österreichs Bodenpolitik auch eine Frage des Friedens und der Gewaltprävention

Seit 2006 befasse ich mich mit Friedensarbeit in Städten und Gemeinden. Dabei zeigt sich immer wieder: Frieden entsteht nicht erst dann, wenn ein offener Konflikt gelöst werden muss. Er entsteht viel früher – in den Strukturen des Zusammenlebens, in der Beteiligung an Entscheidungen und in der Frage, wie gerecht wir unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen verteilen.

Eine dieser Lebensgrundlagen liegt direkt unter unseren Füßen:
DER BODEN.

Jeden Tag nimmt Österreich rund 6,5 Hektar zusätzliche Fläche in Anspruch.

Das entspricht ungefähr neun Fußballfeldern.

Meist geschieht das tragischer Weise ohne große öffentliche Aufmerksamkeit:

  • ein Parkplatz
  • eine Straße
  • ein Gewerbegebiet oder
  • eine neue Siedlung am Ortsrand.

Doch Boden ist nicht bloß eine Fläche auf dem Katasterplan. Boden:

  • produziert Lebensmittel
  • nimmt Regenwasser auf
  • kühlt unsere Orte und bietet Raum für Wohnungen
  • Arbeit, Natur und Begegnung.

Vor allem aber ist Boden begrenzt!

Wo eine knappe Ressource verteilt wird, entstehen Interessenkonflikte. Die Frage ist deshalb nicht, ob es Konflikte um Boden gibt. Die Frage ist, ob wir über politische Strukturen verfügen, die diese Konflikte demokratisch, gerecht und vorausschauend bearbeiten.

Was Bodenverbrauch mit positivem Frieden zu tun hat


Haupt-SDG: 11 – Nachhaltige Städte und Gemeinden
Ergänzend: SDG 15, 13, 6, 2
und 16 Frieden und Recht

Positiver Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg und unmittelbarer Gewalt. Er beschreibt gesellschaftliche Verhältnisse, in denen Menschen sicher und würdevoll leben, an Entscheidungen teilhaben und Konflikte ohne Ausgrenzung oder Gewalt austragen können.

Dazu gehören verlässliche Institutionen, soziale Gerechtigkeit, transparente Entscheidungen und ein fairer Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen.

Bodenpolitik berührt all diese Bereiche. Denn derselbe Boden wird für unterschiedliche Bedürfnisse gebraucht:

  • für leistbares Wohnen,
  • für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit,
  • für Betriebe und Arbeitsplätze,
  • für Verkehr und Energie,
  • für Erholung und Begegnung,
  • für Hochwasserschutz, Kühlung und Artenvielfalt.

Nicht jedes dieser Interessen kann auf jeder Fläche gleichzeitig verwirklicht werden. Friedenspolitik besteht deshalb nicht darin, Konflikte zu vermeiden. Sie muss Strukturen schaffen, in denen unterschiedliche Interessen gehört, Machtungleichgewichte ausgeglichen und langfristige Folgen berücksichtigt werden.

Wenn Gewinne privat und Schäden öffentlich werden

Von einer neuen Widmung können Grundstückseigentümer, Projektentwickler und einzelne Gemeinden profitieren. Die langfristigen Kosten tragen häufig viele: durch mehr Verkehr, höhere Ausgaben für Straßen und Leitungen, zunehmende Hitze, größere Hochwassergefahr und den Verlust landwirtschaftlich nutzbarer Böden.

Diese Lasten treffen nicht alle gleich.

Wer über wenig Einkommen verfügt, kann Hitze, steigenden Wohnkosten oder der Abhängigkeit vom Auto schlechter ausweichen. Menschen in gefährdeten Gebieten tragen das Risiko von Überschwemmungen. Künftige Generationen können bei heutigen Widmungsentscheidungen überhaupt nicht mitbestimmen, müssen aber mit deren Folgen leben.

Wenn Gewinne konzentriert, Belastungen dagegen auf die Allgemeinheit oder auf besonders verletzliche Gruppen abgewälzt werden, entsteht eine Form struktureller Ungerechtigkeit. Darin liegt die Verbindung zur Friedensarbeit: Ungerechte Strukturen erzeugen Frustration, Misstrauen und gesellschaftliche Spannungen – auch wenn zunächst keine offene Gewalt sichtbar ist.

Es geht nicht um einen Pranger für Bürgermeister

Zwischen 2022 und 2025 entfielen rund zwei Drittel des österreichischen Flächenzuwachses auf Niederösterreich, Oberösterreich und die Steiermark. Auf Gemeindeebene zeigen sich teilweise noch auffälligere Veränderungen.

Eine Rangliste einzelner Bürgermeisterinnen und Bürgermeister greift dennoch zu kurz. Widmungen werden üblicherweise von Gemeinderäten beschlossen. Die Länder setzen wesentliche rechtliche Rahmenbedingungen. Verkehrs-, Energie- und Bundesprojekte können ebenfalls zusätzliche Flächen beanspruchen.

Die entscheidende friedenspolitische Frage lautet daher nicht nur: Wer war im Amt?

Sie lautet vielmehr:

Welche Regeln, finanziellen Anreize und Machtverhältnisse führen immer wieder zu hohem Bodenverbrauch?

Wenn Gemeinden um Betriebe, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen konkurrieren, kann selbst eine Gemeinde, die sparsam mit Boden umgehen möchte, unter Wachstumsdruck geraten. Verantwortungsvolles Handeln darf deshalb nicht zum Wettbewerbsnachteil werden.

Aus der Suche nach persönlichen Schuldigen muss eine Diskussion über bessere Strukturen werden.

Gute Raumplanung schafft Friedensstrukturen

Friedensstrukturen sind Regeln, Institutionen und Verfahren, die es ermöglichen, Interessenkonflikte fair und ohne Eskalation zu bearbeiten.

Auf kommunaler Ebene gehören dazu:

  • transparente und öffentlich begründete Widmungsentscheidungen,
  • frühzeitige Beteiligung der Bevölkerung,
  • ein verbindlicher Schutz wertvoller Böden,
  • die Nutzung von Leerständen und bereits verbauten Flächen,
  • öffentlich nachvollziehbare Bodenbilanzen,
  • eine gerechte Verteilung von Gewinnen und Folgekosten,
  • regionale Kooperation statt Konkurrenz um immer neue Gewerbeflächen.

Beteiligung darf dabei nicht erst beginnen, wenn ein Projekt praktisch beschlossen ist. Menschen müssen rechtzeitig erfahren, welche Alternativen bestehen, wer profitiert und welche langfristigen Folgen zu erwarten sind.

Wo solche Verfahren fehlen, wachsen Misstrauen und das Gefühl politischer Ohnmacht. Wo Entscheidungen transparent und veränderbar sind, kann selbst ein harter Interessenkonflikt demokratisch produktiv werden.

Renaturierung ist präventive Friedensarbeit

Dass es anders gehen kann, zeigen mehrere Gemeinden.

In Gschnitz erhielt der Gschnitzbach auf rund einem Kilometer wieder mehr Raum. Bach und Auwald verfügen nun über dreimal so viel Platz; rund 30.000 Quadratmeter Lebensraum wurden geschaffen. Zugleich weist die Gemeinde zwischen 2022 und 2025 einen negativen Flächensaldo auf.

Tulln verwandelte einen ehemaligen Parkplatz in einen Park und machte große Teile der Fläche wieder versickerungsfähig. Pattigham entfernte Asphalt im Ortszentrum und vor der Volksschule. In Wels wurden alte Messehallen, Straßen und Parkflächen abgebrochen und rund 40.000 Quadratmeter für den neuen Volksgarten entsiegelt.

Solche Projekte schaffen nicht nur Natur. Sie können Hochwasserschäden verhindern, Hitze reduzieren und öffentliche Räume hervorbringen, in denen Menschen einander begegnen.

Renaturierung schützt damit besonders jene Menschen, die sich Klimaanlagen, private Gärten oder einen Umzug in weniger belastete Gebiete nicht leisten können. Sie stärkt die Sicherheit, verbessert die Lebensqualität und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Das ist Gewaltprävention, lange bevor ein Konflikt offen eskaliert.

Bodenpolitik kann Krisen entschärfen

Eine friedensorientierte Gemeinde wartet nicht, bis Hitze, Hochwasser, Wohnungsnot oder steigende Bodenpreise die Bevölkerung gegeneinander aufbringen. Sie versucht, vorhersehbare Konflikte frühzeitig zu entschärfen.

Unversiegelte Böden nehmen Wasser auf. Grünräume kühlen dicht bebaute Gebiete. Fruchtbare Böden stärken die regionale Versorgung. Belebte Ortszentren schaffen Begegnungsmöglichkeiten. Kurze Wege reduzieren Mobilitätskosten und die Abhängigkeit vom Auto.

Gute Bodenpolitik ist damit zugleich Umwelt-, Sozial-, Gesundheits-, Sicherheits- und Friedenspolitik.

Eine Bodenbilanz als Instrument des positiven Friedens

Österreich braucht eine nachvollziehbare Bodenbilanz für jede Gemeinde:

neu beanspruchte und versiegelte Fläche
minus entsiegelte und dauerhaft renaturierte Fläche.

Eine solche Bilanz würde Konflikte nicht beseitigen. Aber sie würde Entscheidungen sichtbar und überprüfbar machen. Gemeinden könnten konkrete Ziele festlegen, Fortschritte messen und offen erklären, wer von einem Projekt profitiert und wer seine Kosten trägt.

Das wäre mehr als ein technisches Kontrollinstrument. Es wäre eine demokratische Friedensstruktur: eine gemeinsame, überprüfbare Grundlage für politische Auseinandersetzungen.

Denn positiver Frieden entsteht dort, wo knappe Ressourcen gerecht verteilt, unterschiedliche Interessen gehört und Risiken nicht auf die Schwächsten oder auf kommende Generationen abgewälzt werden.

Frieden beginnt deshalb nicht erst bei internationalen Verhandlungen. Er beginnt in unseren Städten und Gemeinden – bei der Entscheidung, was mit dem Boden unter unseren Füßen geschieht.

Was Gemeinden jetzt tun können

Jede Stadt und Gemeinde kann den ersten Schritt setzen: eine öffentliche Bodenbilanz erstellen, Leerstände und bereits verbaute Flächen erfassen und bei jeder neuen Widmung offenlegen, welche Alternativen geprüft wurden.

Bürgerinnen und Bürger können in ihrer Gemeinde drei einfache Fragen stellen:

  1. Wie viel Fläche wurde im vergangenen Jahr neu beansprucht oder versiegelt?
  2. Wie viel Fläche wurde tatsächlich entsiegelt und dauerhaft renaturiert?
  3. Wer profitiert von einer Widmung – und wer trägt ihre langfristigen Kosten?

Friedensarbeit beginnt dort, wo solche Fragen öffentlich gestellt und gemeinsam beantwortet werden.

Quellen und weiterführende Links

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