Weltfriedenstag: Der nachhaltigste Fortschritt heißt Frieden
Frieden ist nicht automatisch nachhaltig – aber ohne Frieden ist dauerhafte Nachhaltigkeit kaum möglich.
Immanuel Kant hatte kein Elektroauto, keine Wärmepumpe und vermutlich auch keine Vorstellung davon, dass Menschen einmal über das Klima des ganzen Planeten diskutieren würden. Aber er hatte 1795 eine Idee, die erstaunlich modern klingt: Politik sollte nicht nur den nächsten Sieg organisieren, sondern Verhältnisse schaffen, die dauerhaft Frieden ermöglichen. Vielleicht sollten wir deshalb Friedensjournalismus endlich als das verstehen, was er im 21. Jahrhundert sein kann: eine besondere Form des Nachhaltigkeitsjournalismus zu den 17 SDGs der Vereinten Nationen.
Heute, am 21. September, begeht die UNO den Internationalen Tag des Friedens. Das Motto 2026 lautet: „Invest in Peace – For Everyone, Everywhere, Every Day.“ Frieden, so die UNO, sei mehr als die Abwesenheit von Krieg.
Heute, am 21. September, begeht die UNO den Internationalen Tag des Friedens. Das Motto 2026 lautet: „Invest in Peace – For Everyone, Everywhere, Every Day.“
Frieden, so die Vereinten Nationen, sei mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er sei eine Grundlage dafür, die großen gemeinsamen Probleme der Menschheit überhaupt gemeinsam bewältigen zu können.
Das klingt zunächst nach einem schönen Sonntagssatz. Es ist aber ziemlich harte Realpolitik.
Was könnte nachhaltiger sein als Frieden?
Nachhaltigkeit bedeutet im Kern: Wir lösen unsere heutigen Probleme nicht so, dass wir unseren Kindern morgen noch größere hinterlassen.
Genau betrachtet ist Krieg fast das Gegenteil davon – wie uns Putin und Trump täglich beweisen.
Krieg verbraucht Menschenleben, Geld, Rohstoffe, Energie und Vertrauen. Er zerstört Häuser, Kraftwerke, Wasserleitungen, Böden und staatliche Einrichtungen. Er hinterlässt Minen, Waffen, Traumata, Hass und Schulden. Und wenn der letzte Schuss gefallen ist, beginnt oft erst die jahrzehntelange Reparatur.
2025 gab die Welt nach Berechnungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI 2.887 Milliarden US-Dollar für das Militär aus. Das war der elfte jährliche Anstieg in Folge. Gegenüber 2016 lagen die weltweiten Militärausgaben real um 41 Prozent höher.
Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass jeder Euro für Verteidigung überflüssig wäre. Staaten haben ein legitimes Interesse daran, ihre Bevölkerung zu schützen.
Die interessantere Frage lautet:
Wie viel investieren wir in die Verhinderung jener Konflikte, gegen die wir uns anschließend mit immer teureren Waffen schützen wollen?
Das ist eine klassische Nachhaltigkeitsfrage.
Kant war – im übertragenen Sinn – ein früher Nachhaltigkeitsdenker
Als Immanuel Kant 1795 seine Schrift „Zum ewigen Frieden“ veröffentlichte, dachte er Frieden nicht als freundliche Gesinnung zwischen netten Menschen.
Er dachte in Strukturen.
Rechtsstaatliche Verfassungen sollten Krieg erschweren. Staaten sollten sich an internationales Recht binden. Zwischen ihnen sollte eine dauerhaftere Friedensordnung entstehen.
Die entscheidende Idee dahinter ist bis heute interessant:
Frieden muss so organisiert werden, dass er den nächsten politischen Streit überlebt.
Das ist dem Grundgedanken der Nachhaltigkeit erstaunlich nahe.
Ein Wald ist nicht nachhaltig bewirtschaftet, wenn wir ihn dieses Jahr vollständig abholzen und nächstes Jahr ein Schild mit der Aufschrift „Waldschutzgebiet“ aufstellen.
Eine Gesellschaft ist ebenfalls nicht besonders nachhaltig organisiert, wenn sie Konflikte regelmäßig so lange eskalieren lässt, bis geschossen wird.
Frieden, Klima und Artenvielfalt gehören zusammen
Lange wurden diese Themen journalistisch in verschiedene Schubladen gesteckt.
- Hier Außenpolitik.
- Dort Klima.
- Daneben Naturschutz.
Und irgendwo ganz hinten sitzt die Friedensforschung und wartet darauf, dass jemand nach ihr fragt. In Wirklichkeit hängen diese Bereiche eng zusammen.
Wasserknappheit, zerstörte Böden, extreme Hitze, Ernährungsunsicherheit oder der Verlust von Lebensgrundlagen verursachen nicht automatisch Kriege. Das wäre eine gefährliche Vereinfachung. Sie können aber bestehende Spannungen verschärfen – besonders dort, wo Staaten schwach sind, Menschen ausgegrenzt werden oder mehrere Gruppen um knappe Ressourcen konkurrieren.
Umgekehrt können gemeinsame Umweltprojekte Zusammenarbeit fördern.
Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP hat 2026 15 Projekte in 28 Ländern untersucht, die Klimaanpassung, Sicherheit und Friedensarbeit miteinander verbinden. Die Auswertung zeigt: Klimafolgen können bestehende Unsicherheit verschärfen. Eine faire und an die örtlichen Verhältnisse angepasste Klimapolitik kann aber auch Zusammenarbeit, Widerstandsfähigkeit und Friedensgewinne fördern.
Auch das UN-Umweltprogramm UNEP arbeitet ausdrücklich an Environmental Peacebuilding: Land, Wasser, Wälder und andere natürliche Ressourcen können Konflikte verschärfen – ihre gemeinsame, gerechte Nutzung kann aber auch Vertrauen und Zusammenarbeit fördern.
Das verändert den Blick auf Umweltschutz.
Ein sauberer Fluss ist dann nicht nur ein Naturschutzprojekt.
Wenn zwei Regionen, Volksgruppen oder Staaten auf sein Wasser angewiesen sind, kann ein gemeinsam verwalteter Fluss zugleich ein Friedensprojekt sein.
Und genau diesen Gedanken verfolgt Friedensnews bereits praktisch. Beim Thema Boden etwa zeigt der Beitrag „Frieden beginnt unter unseren Füßen“, wie Renaturierung, faire Raumplanung, Klimaanpassung, Bürgerbeteiligung und Gewaltprävention miteinander verbunden werden können.
Bei Energie wird der Zusammenhang noch deutlicher. Friedensnews hat anhand afrikanischer Konfliktregionen untersucht, wie dezentrale erneuerbare Energie Kliniken sichern, wirtschaftliche Möglichkeiten schaffen und bestimmte gefährliche Abhängigkeiten vermindern kann – allerdings nur, wenn Eigentum, Beteiligung und Nutzen fair geregelt werden.
Eine Solaranlage ist also nicht automatisch Friedenspolitik.
Aber manchmal kann sie Friedensinfrastruktur werden.
Und genau hier beginnt moderner Friedensjournalismus
Vielleicht haben wir Friedensjournalismus bisher zu eng definiert.
Als Berichterstattung über Kriege, Waffen, Friedensverhandlungen und Diplomatie.
Das gehört selbstverständlich dazu.
Doch Friedensjournalismus kann mehr sein.
Er kann eine spezielle Form des Nachhaltigkeitsjournalismus werden.
Dann fragt er bei einem Krieg nicht nur:
Wer gewinnt?
Sondern auch:
Warum konnte dieser Konflikt eskalieren? Wer profitiert? Wer trägt die Kosten? Welche Interessen sind legitim? Welche Ängste sind real? Welche Behauptungen stimmen nicht? Welche Möglichkeiten zur Deeskalation wurden versucht – und welche nicht? Welche Lösung könnte auch in zehn oder zwanzig Jahren noch funktionieren?
Und genau dieselben Fragen lassen sich bei Klimapolitik stellen.
Bei Migration.
Bei Energie.
Bei sozialer Ungleichheit.
Bei Wasser.
Bei Rohstoffen.
Bei künstlicher Intelligenz.
Oder bei der Frage, ob ein neues Elektroauto tatsächlich nachhaltiger ist als ein funktionierendes altes Fahrzeug noch einige Jahre weiterzufahren.
Friedensjournalismus und Nachhaltigkeitsjournalismus haben nämlich denselben natürlichen Feind:
die kurzfristige Lösung, deren Rechnung jemand anderer später bezahlen muss.
Die 17 SDGs sind bereits ein Friedensprogramm
Die Vereinten Nationen haben 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung beschlossen.
Ziel 16 heißt ausdrücklich Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen. Dazu gehören die Verringerung von Gewalt, Rechtsstaatlichkeit, Zugang zur Justiz, transparente Institutionen, politische Beteiligung und der Schutz grundlegender Freiheiten.
Doch Frieden steckt nicht nur in Ziel 16.
Was wird aus Bildung, wenn Schulen zerbombt werden?
Was wird aus Gesundheit, wenn Krankenhäuser zusammenbrechen?
Was wird aus Klimaschutz, wenn Milliarden in Wiederaufbau statt in die Energiewende fließen müssen?
Was wird aus dem Kampf gegen Hunger, wenn Felder vermint, Bewässerungsanlagen zerstört und Menschen vertrieben werden?
Und was wird umgekehrt aus dem Frieden, wenn Millionen Menschen keinen Zugang zu Wasser, Nahrung, Energie, Bildung oder politischer Mitsprache haben?
Das führt zu einem bemerkenswert einfachen Gedanken:
SDG 16 ist nicht nur eines von 17 Nachhaltigkeitszielen. Frieden ist eine Voraussetzung für viele der anderen Ziele – und ihre Verwirklichung kann wiederum Frieden stabiler machen.
Aber Vorsicht: Frieden allein genügt nicht
Nicht alles, was ruhig aussieht, ist Frieden.
Ein Diktator kann für Ruhe sorgen.
Eine ausgebeutete Bevölkerung kann schweigen.
Ein Wald kann verschwinden, ohne dass ein einziger Schuss fällt.
Und eine Regierung kann Klimaschutz beschließen, ohne jene Menschen einzubeziehen, die seine sozialen Kosten tragen müssen.
Nachhaltiger Frieden braucht deshalb mehr als Waffenruhe.
Die Vereinten Nationen verbinden SDG 16 ausdrücklich mit Rechtsstaatlichkeit, Zugang zur Justiz, wirksamen und transparenten Institutionen, Beteiligung und Grundfreiheiten.
Wir brauchen deshalb:
Frieden mit Menschenrechten.
Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit.
Naturschutz mit Beteiligung der Menschen.
Und wirtschaftliche Entwicklung, die nicht die Lebensgrundlagen jener zerstört, die erst nach uns kommen.
Auch Aufrüstung hat eine Nachhaltigkeitsrechnung
Wer Sicherheit nachhaltig denken will, muss deshalb nicht nur fragen, ob ein Waffensystem militärisch nützlich ist.
Er muss auch fragen:
Welche Rohstoffe braucht es?
Wie viel Energie verbraucht es?
Welche Emissionen entstehen?
Welche finanziellen Mittel werden gebunden?
Und welche anderen Sicherheitsmaßnahmen könnten mit demselben Geld finanziert werden?
Friedensnews hat diesen Zusammenhang bereits in mehreren Beiträgen untersucht – etwa unter der Überschrift „Aufrüstung heizt das Klima an“ sowie zur Frage, warum militärische „Kriegsfähigkeit“ ohne Klimasicherheit ein unvollständiger Sicherheitsbegriff bleibt.
Das bedeutet nicht, Klimaschutz und Verteidigung einfach gegeneinander auszuspielen.
Es bedeutet etwas Anspruchsvolleres:
Eine ernsthafte Sicherheitspolitik muss die ganze Rechnung vorlegen.
Vielleicht brauchen wir deshalb ein SDG 18 im Kopf
Offiziell gibt es 17 Nachhaltigkeitsziele.
Frieden steckt bereits im SDG 16.
Eigentlich steckt er aber in fast allen.
Ohne Frieden wird Armutsbekämpfung schwieriger. Schulen schließen. Gesundheitssysteme brechen zusammen. Hunger nimmt zu. Investitionen verschwinden. Umweltbehörden funktionieren nicht mehr. Klimaanpassung wird zur Nebensache, wenn Menschen ums unmittelbare Überleben kämpfen.
Umgekehrt kann eine Welt, die ihre Böden zerstört, Wasser ungerecht verteilt, Millionen Menschen jede Zukunftsperspektive nimmt und gleichzeitig immer mehr Waffen anhäuft, kaum dauerhaft friedlich bleiben.
Darum könnte eine zeitgemäße Formel lauten:
Frieden ist die soziale Nachhaltigkeit unserer Zivilisation.
Nachhaltigkeit ist eine ökologische, soziale und wirtschaftliche Voraussetzung dauerhaften Friedens.
Beides gehört zusammen.
Investieren wir in Frieden
Das Motto des Weltfriedenstages 2026 fordert uns auf, in Frieden zu investieren.
Das muss nicht immer ein Milliardenprogramm sein.
Investitionen in Frieden können internationale Verträge sein, eine funktionierende UNO, Diplomatie und Mediation.
Sie können aber ebenso gute Schulen, unabhängiger Journalismus, soziale Sicherheit, erneuerbare Energie, demokratische Beteiligung oder ein renaturierter Fluss sein, über dessen Nutzung sich Nachbarn vorher gestritten haben.
UN-Generalsekretär António Guterres nennt zum Weltfriedenstag 2026 ausdrücklich Investitionen in nachhaltige Entwicklung, Gesundheit, Bildung, Ernährung, soziale Sicherung, vertrauenswürdige Institutionen und Menschenrechte als Bestandteile einer Friedenspolitik.
Und manchmal beginnt eine Friedensinvestition erstaunlich klein:
mit der Bereitschaft, dem anderen zuzuhören, bevor man entscheidet, dass er der Feind ist.
Vielleicht würde Kant darüber nicht einmal lächeln. Der Mann war bekanntlich nicht für überschäumende Heiterkeit berühmt.
Aber vermutlich hätte er den Gedanken verstanden.
231 Jahre nach „Zum ewigen Frieden“ ist seine große Frage nämlich noch immer offen:
Können Menschen politische Verhältnisse schaffen, die vernünftiger sind als ihre jeweils nächste Angst?
Heute würden wir ergänzen:
Können wir eine Welt bauen, die friedlich genug ist, um nachhaltig zu werden – und nachhaltig genug, um friedlich zu bleiben?
- Das wäre eine Klimawende.
- Eine Friedenswende.
Und vielleicht die vernünftigste Form von Fortschritt.
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© A. H. Landl / friedensnews.at
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